700 Pflanzenschutzmittel warten auf Zulassung

700 Pflanzenschutzmittel warten auf Zulassung

In der Schweiz warten unzählige Pflanzenschutzmittel auf eine Zulassung durch die Behörden. Diese können mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Das ist verheerend für die Landwirte, aber auch für die Umwelt.

Mittwoch, 30. November 2022

Wie die Westschweizer Zeitung «La Liberté» schreibt, befinden sich derzeit rund 700 neue Pflanzenschutzmittel in der Warteschleife der Zulassungsbehörden. Ohne Zulassung können sie nicht eingesetzt werden. Das hat Konsequenzen für die Ernten der Bauern. Im nasskalten Sommer 2021 haben viele Winzer ihre gesamte Ernte aufgrund des Falschen Mehltaus verloren. Das Ärgerliche daran ist, dass es ein Mittel gibt, das die Reben zuverlässig vor der Krankheit schützt. Es ist in der EU zugelassen – nicht aber in der Schweiz. Während Schaffhauser Winzer zusehen mussten, wie sich der Mehltau über ihre Rebberge ausbreitete, konnten die deutschen Nachbarn ihre Ernte schützen. In Deutschland stand ein Mittel zur Verfügung, das in der Schweiz immer noch auf seine Zulassung wartet.


Schleppendes Zulassungsverfahren

In der EU dauert ein Zulassungsverfahren für ein neues Pflanzenschutzmittel im Durchschnitt ein bis drei Jahre und es gibt klare Fristen. In der Schweiz dauert es bis zu fünf Jahre, manchmal noch länger und die Firmen werden völlig im Dunkeln gelassen, wo der Zulassungsprozess steht. Dies hat zur Folge, dass neue und umweltfreundlichere Pflanzenschutzmittel erst mit Jahren der Verzögerung von Landwirten eingesetzt werden können. Sie werden jedoch jetzt benötigt. «Den Schweizer Landwirten stehen keine modernen, innovativen, teilweise auch biologische Pflanzenschutzmittel zur Verfügung. In den letzten Jahren wurden viele alte Produkte verboten oder vom Markt genommen, und nur eine sehr kleine Anzahl neuer Produkte ist zugelassen. Dies hat zur Folge, dass viele landwirtschaftliche Kulturen nicht mehr ausreichend geschützt werden können», sagt Mediensprecher Beat Werder von Syngenta gegenüber «La Liberté». Gemäss einem Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG aus dem Jahr 2019 fehlte es den Zulassungsbehörden an Personal, um die Zulassungsverfahren innert nützlicher Frist zu bearbeiten. Das Parlament hat mittlerweile mehr Personal bewilligt. Das löst jedoch das Grundproblem nicht.


Altes verboten, bevor Neues zugelassen ist

Zudem bremst das Verbandsbeschwerderecht den Zulassungsprozess aus. So haben Umweltschutzorganisationen seit dem Jahr 2018 die Möglichkeit, in den Zulassungsprozess einzugreifen. Für die Behörden vergrössert das den Aufwand zusätzlich. Verzögerungen sind die Folge. Im vergangenen Jahr spürten dies auch die Zuckerproduzenten: «Unsere Zuckerrüben gingen ein, weil wir ein in der Schweiz nicht zugelassenes Produkt nicht verwenden durften. Die Zuckerfabriken in der Schweiz mussten europäische Rüben importieren, die mit diesem Produkt behandelt worden waren», kommentiert Pierre-André Page. Mit solchen Problemen haben viele Landwirte zu kämpfen. Bewährten Produkten wird die Zulassung entzogen, bevor neue Pflanzenschutzmittel mit meist besserem Wirkungsprofil und besserer Umweltverträglichkeit zugelassen werden. Das wirkt sich verheerend auf die Ernten von Bauern aus. Auch der Umwelt ist damit nicht geholfen.

Risiken durch Pflanzenschutzmittel nehmen insgesamt ab

Gemäss dem Bundesamt für Landwirtschaft konnten die Risiken durch den Einsatz von Pflanzenschutzmittel gesenkt werden. «Das ist unter anderem der Sanierung von Waschplätzen für Spritzgeräte und den Massnahmen zur Verringerung von Abdrift und Abschwemmung zu verdanken», schreibt das Bundesamt in einer Medienmitteilung. Gleichzeitig wurden im Jahr 2021 von Landwirten mehr Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Grund dafür war der äusserst nasse und kühle Sommer, der den Schädlingsdruck auf viele Kulturen erhöht hat. Laut BLW ist vor allem der Absatz von Pflanzenschutzmitteln gestiegen, die auch in der Biolandwirtschaft zugelassen sind. Wirkstoffe wie Kupfer, Schwefel oder Paraffinöl sind auch für den Biolandbau zugelassen. Sie können jedoch negative Auswirkungen auf die Umwelt haben. Kupfer reichert sich als Schwermetall im Boden an und wirkt sich negativ auf Bodenlebewesen wie Regenwürmer aus. Er gilt daher als Pflanzenschutzmittel, das unbedingt zu ersetzen wäre. Schwefel wirkt sich negativ auf Nützlinge aus. Durch den Mehreinsatz solcher Mittel haben die Pflanzenschutzmittelrisiken insgesamt weniger stark abgenommen. Die Tatsache, dass die Landwirtschaft ihre Kulturen vor Schädlingen und Pilzbefall schützen muss, lässt sich nicht mit dem Hinweis kaschieren, dass mehr Biomittel eingesetzt werden.

Verkaufsmengen je Pflanzenschutzmittelwirkstoff

Auf Basis der Wirkstoffe gemäss Anhang 1 der Pflanzenschutzmittelverordnung (SR 916.161) für das jeweilige Jahr

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