Biotech-Züchtung in Afrika nützt Kleinbauern

Biotech-Züchtung in Afrika nützt Kleinbauern

Krankheiten wie die Kraut- und Knollenfäule bedrohen nicht nur die Kartoffeln europäischer Landwirte. Auch in Afrika sorgt die hartnäckige Pilzkrankheit regelmässig für massive Ernteausfälle. Nigerianische Bauern haben in einem Feldversuch erstmals Kartoffeln geerntet, die gegen die Kraut- und Knollenfäule resistent waren. Die Freude ist gross. Viele der in Entwicklungsländern von ständigem Hunger bedrohten Menschen arbeiten in der Landwirtschaft. Neue Biotech-Züchtungen versprechen stabilere Ernten und Mehrerträge auch für Kleinbauern im Globalen Süden.

Montag, 5. Dezember 2022

Unzählige nigerianische Landwirte haben den Anbau von Kartoffeln in den vergangenen Jahren aufgegeben. Der Grund: Die Kraut- und Knollenfäule. Die durch den Erreger Phytophthora infestans ausgelöste Pilzkrankheit breitet sich rasant über den Feldern aus und kann ganze Ernten vernichten. Elder Isaiah Buwah, ein Kartoffelbauer aus dem Bundesstaat Plateau im östlichen Zentralnigeria, ist erleichtert. Er war Zeuge bei der Ernte der ersten Charge krautfäuleresistenter Biotech-Kartoffeln. Diese wurden von Forschern des National Root Crop Research Institute (NRCRI) im Rahmen des Projekts Feed the Future Global Biotech Potato Partnership in einem Feldversuch angepflanzt.


«Erlösung für Kartoffelbauern»

«Was ich sehe, ist eine Erlösung für die Kartoffelbauern in Plateau. Ich bin froh, dass dies noch zu meinen Lebzeiten geschieht», sagt Buwah. Die Resultate des Feldversuches sind beeindruckend. So fielen die Ernten bei den Biotech-Kartoffeln um 300 Prozent höher aus als bei konventionellen Sorten. Diese litten stark unter der Kraut- und Knollenfäule. Für die Landwirte bedeuten resistente Kartoffeln auch eine finanzielle Entlastung. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln kann deutlich reduziert werden. Gemäss «Enviro News Nigeria» besteht die Hoffnung, dass den Landwirten die krautfäuleresistenten Kartoffeln innerhalb von zwei Jahren zum Anbau zur Verfügung stehen.


Nicht weiter blockieren

Zahlreiche Beispiele belegen das Potenzial von neuen Züchtungen für Kleinbauern in Entwicklungsländern (siehe Box unten). Dazu gehören Züchtungen, die den versteckten Hunger mit mikronähstoffreicher Nahrung adressieren. Navreet Bhullar, Dozentin am Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der ETH verbessert Nahrungspflanzen hinsichtlich ihres Gehalts an Mikronährstoffen. Ihr Team hat transgene Reissorten entwickelt, die in ihren Körnern nicht nur Eisen und Zink anreichern, sondern auch Beta-Karotin als Vorstufe von Vitamin A erzeugen. Bei vielen biotechnologischen Züchtungen geht es jedoch schlicht um stabilere Ernten und höhere Erträge. So betreibt etwa der Forscher Zerihun Tadele der Universität Bern mit Hilfe der Syngenta Stiftung für Nachhaltige Landwirtschaft Biotech-Forschung mit Tef «Getreide», das ein Grundnahrungsmittel für über 70 % der 80 Millionen Menschen in Äthiopien ist. Unter anderem können die Halme stabiler gezüchtet werden, wodurch weniger Ernteausfall durch Starkregen und Unwetter verursacht wird. Das kommt auch den Kleinbauern zugute.

Tatsache ist, dass gemäss Welthunger-Index 2022 viele der über 800 Mio. von ständigem Hunger bedrohten Menschen in der Landwirtschaft tätig sind. Stabilere Ernten und Mehrerträge geben Kleinbauern überall auf der Welt ein Einkommen, mehr Sicherheit und ermöglichen damit eine stetige Verbesserung ihrer Lebenssituation und der ihrer Kinder.

Leider blockieren NGO Innovation in der Pflanzenzüchtung seit Jahren. So geschehen bei der grünen Gentechnik in Europa - mit negativen Auswirkungen auch auf Entwicklungsländer. Prominentestes Beispiel hierfür ist der Goldene Reis. Es bleibt zu hoffen, dass die offensichtlichen Vorteile der neuen Biotech-Züchtung auch in NGO-Kreisen ein Umdenken bei den Kleinlandwirten bewirken.

Insgesamt bergen neue Züchtungen in Entwicklungsländern ein grosses Potential. Einige Beispiele in der Übersicht.


Bt-Auberginen

Mithilfe des Bakteriums Bacillus thuringiensis (das verbreitet im Biolandbau als Pflanzenschutzmittel eingesetzt wird) können Kulturen mit einer Resistenz gegenüber schädlichen Insekten ausgestattet werden. In Bangladesch produzieren Landwirte Bt-modifizierte Auberginen (Bt Brinjal). Die Auberginen bleiben von Schädlingsbefall verschont, die Früchte und auch die Ernten werden grösser und reichhaltiger.


Resistenter Maniok

Der emeritierte ETH-Professor Wilhelm Gruissem hat mit seinem Team mittels Genomanalysen ein Resistenzgen gegenüber der Cassava-Mosaikkrankheit entdeckt. Die Viruskrankheit befällt Maniok und führt zu grossen Ernteausfällen. Mithilfe der Genschere CRISPR/Cas könnte gemäss Gruissem eine resistente Pflanze gezüchtet werden.


Salztolerante Reissorten

2006 gelang es dem Bangladesh Rice Research Institute in Zusammenarbeit mit dem International Rice Research Institute, eine erfolgreiche salzresistente Reissorte zu züchten. Sie hält im Vergleich zu herkömmlichen Sorten deutlich höhere Salzgehalte aus, was in immer wieder überschwemmten Deltagebieten ein grosser Vorteil ist.


Golden Rice

Auf den Philippinen ist der weltweit erste Goldene Reis geerntet worden. Der Reis ist mit einem Beta-Carotin-Gen angereichert, welches vom menschlichen Körper in Vitamin A umgewandelt werden kann. Mit ihm soll dem weitverbreiteten Vitamin-A-Mangel in Entwicklungsländern entgegengewirkt werden.


Multinährstoffreis

Navreet Bhullar verbessert Nahrungspflanzen hinsichtlich ihres Gehalts an Mikronährstoffen. Mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit leiden an Mineralien-​ und Vitaminmangel. Bhullars Team hat transgene Reissorten entwickelt, die in ihren Körnern nicht nur Eisen und Zink anreichern, sondern auch Beta-​Karotin als Vorstufe von Vitamin A erzeugen. Mit ihrem Multinährstoffreis ist die Forschungsgruppe führend.

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