Das überholte Bild vom sakrosankten Genom
Die Schweiz tut sich nach wie vor schwer mit der grünen Gentechnik. Erst kürzlich hat der Bundesrat angekündigt, dass das bestehende Gentech-Moratorium um weitere vier Jahre verlängert werden soll. Zudem möchte er auch neue gentechnische Methoden wie CRISPR/Cas dem Moratorium unterstellen. Jean-Marc Neuhaus, emeritierter Professor für Molekularbiologie an der Universität Neuenburg, kritisiert im Interview mit «Heidi News» das Schweizer Desinteresse an der Gentechnik.
Mittwoch, 15. September 2021
Auch bei der Gentechnik gilt: «Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht.» Im Moment sähen die Landwirte die Vorteile der Gentechnik noch zu wenig, meint Neuhaus. Zwar gebe es Apfelbäume und Kartoffeln, die gegen bestimmte Krankheiten resistent sind. Doch eine Kulturpflanze mit Eigenschaften, die für die inländischen Bauern wirklich interessant wäre, fehle noch. Eine Aufhebung des Moratoriums könnte dazu beitragen, dass sich die öffentliche Meinung entspannt, ist Neuhaus überzeugt. Und so wäre auch die Kommerzialisierung von Pflanzen besser möglich, die mithilfe von gentechnischen Methoden gezüchtet wurden. Insofern beisst sich mit dem Moratorium die Katze in den Schwanz: Wenn der Anbau verboten ist, können die Bauern keine Erfahrung mit resistenten Sorten machen. Gemäss Neuhaus wird die Debatte noch zu stark vom Gegensatz «natürlich» und «künstlich» geprägt. In der allgemeinen Logik des Gegensatzes gelten «natürliche» Produkte automatisch als gesund, während «künstliche» Produkte als gefährlich betrachtet würden.
Weniger Pestizide, höhere Erträge
Hinzu komme, dass das Genom lange Zeit als etwas Statisches und Endgültiges betrachtet wurde. Die Gentechnik stellte für viele Menschen ein Sakrileg dar: «Das Genom wurde zu etwas Heiligem. Man hat sich vorgestellt, dass es stabil und rein ist und es unsere Essenz darstellt. Doch wir wissen heute, dass dies falsch ist», sagt Neuhaus. Mutationen treten ständig auf – zwischen den Generationen aber auch innerhalb eines Organismus. In den vergangenen Jahren, so Neuhaus, habe die Technik zudem rasante Fortschritte erzielt. Die CRISPR-Technologie sei viel genauer als frühere Verfahren. Die Genschere schneide exakt an der gewünschten Stelle und nirgends sonst.
Im Vergleich zu früher treten praktisch keine unerwünschten Mutationen mehr auf. Die grüne Gentechnik ermögliche zudem die Züchtung von schädlingsresistenten Pflanzen. In Bangladesch etwa sei eine Aubergine gezüchtet worden, die den Einsatz von Pestiziden massiv reduziere. Das Resultat seien höhere Erträge, mehr Sicherheit für Landwirte und eine umweltfreundlichere Produktion. Zwar sei in der Schweiz die Nachfrage diesbezüglich noch gering, doch könne sich dies in Zukunft ändern.
Zu denken müsste geben, dass besagte Auberginen als Bt-modifizierte Pflanzen selbst die Proteine erzeugen, die für die Larven der Schadinsekten giftig sind. Bt (Bacillus thurigiensis) wird im Biolandbau gegen Insekten ausgebracht. Das gleiche Bakterium gilt also als Pflanzenschutzmittel als «gut» und züchterisch eingesetzt als «böse»?
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