Der kleine, aber feine Unterschied auf dem Teller und in der Tasse
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Der kleine, aber feine Unterschied auf dem Teller und in der Tasse

Besserer Kaffee, verträglichere und länger haltbare Grundnahrungsmittel – die modernen Ansätze der Biotechnologie werden unseren Konsum nachhaltig beeinflussen. Zum Wohl vieler Menschen und der Umwelt.

Freitag, 12. Februar 2021

Das Wichtigste in Kürze

  • Gentechnische Methoden könnten künftig zur Optimierung von Genussmitteln eingesetzt werden.
  • Beispielsweise liessen sich koffeinfreie Kaffeebohnen mit "normalem" Kaffeearoma züchten.
  • Andere Lebensmittel können haltbarer gemacht und Food Waste verhindert werden.

Trinken Sie koffeinfreien Kaffee? Ich weiss, es ist eine ketzerische Frage. Vor allem, wenn Sie ein ausgewiesener Liebhaber des heissen Getränks sind. Vermutlich ist es Ihnen nur schon zuwider, Kaffee ohne Koffein als Kaffee anzuerkennen. Wie beim Wein oder beim Whisky verhandelt man beim Kaffeekonsum schliesslich Glaubenssätze. Die Zubereitung eines italienischen Espresso ist Kunst, vermutlich sogar ein wenig Religion. Wer schon einmal Enthusiasten an einer italienischen Kaffeemaschine hantieren sah – sah, wie Buch geführt wird über den richtigen Druck für die jeweilige Espressomischung –, der ahnt, dass es hierbei um mehr als die Zubereitung eines Getränkes geht. Es gleicht einer kultischen Handlung mit entsprechender Liturgie. Wenig überraschend darf auch nur die beste Mischung dem Espresso zugrunde liegen. Gott behüte, die Kaffeebohnen wurden zuvor einem Verfahren unterzogen, das ihnen das Koffein entzieht!

Koffeinfreier Kaffee mit echtem Geschmack dank Biotechnologie. Bild: pixabay.
Koffeinfreier Kaffee mit echtem Geschmack dank Biotechnologie. Bild: pixabay.

Schlimmer als der Entzug des Koffeins ist für viele Kaffeeliebhaber der aus dem Verfahren resultierende Geschmack. Die Losung «Death Before Decaf» fasst die weit verbreitete Meinung zum kulinarischen Wert des Gebräus gut zusammen. Die Extraktion des Koffeins geht schliesslich nicht spurlos an den Kaffeebohnen vorbei. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Koffein loszuwerden. Mitunter kommen chemische Stoffe zum Einsatz. Egal, welches Verfahren angewendet wird; es werden stets auch Komponenten in Mitleidenschaft gezogen, die für den wohlriechenden Kaffeegeschmack sorgen. Wenig überraschend macht der koffeinfreie Kaffee gerade mal zehn Prozent des globalen Konsums aus. Er ist nach der Behandlung schlicht nicht mehr wohlschmeckend genug, um eine breitere Anhängerschaft zu finden.


Wohlschmeckend und koffeinfrei

Wenn ich Ihnen jetzt sagen würde, es gäbe eine Möglichkeit, dem Kaffee das Koffein zu entziehen, ohne den Geschmack zu verschlechtern: Würden Sie dem Decafinato eine Chance geben?

Der Kaffeemarkt wird von zwei Sorten von Kaffeebohnen dominiert: Arabica und Robusta. Bei Ersterer gibt es natürliche Mutationen ohne Koffein. Interessanterweise produzieren diese Variationen Theobromine, ein mit Koffein verwandter Stoff, der auch in Schokolade zu finden ist und ebenfalls eine belebende Wirkung hat. Bis heute ist es nicht gelungen, eine markttaugliche Kaffeesorte auf Basis dieser Variation zu generieren. Die moderne Biotechnologie könnte hier Abhilfe schaffen. Denn sie ist imstande, zielgenau koffein- und theobrominefreie Bohnen zu generieren, ohne die Qualität des Kaffeegeschmacks zu beeinträchtigen. Die Frage lautet dann einfach: Würden Sie genmodifizierten, koffeinfreien Kaffee trinken?

Sagen Sie nicht vorschnell Nein. Denn die neuen Methoden der sogenannten Genome Editierung dürften immer mehr Teil unserer Kulinarik werden. Die Vorteile liegen einfach auf der Hand. Die Bedenken, die geäussert werden, konnten nicht bestätigt werden. Sie sind sicherer, gezielter und kostengünstiger als herkömmliche Methoden zum Beispiel in der Pflanzenzüchtung. Daher kann im Gegenteil davon ausgegangen werden, dass die moderne Biotechnologie uns noch viel Gutes bringen wird, und damit ist nicht nur geniessbarer koffeinfreier Kaffee gemeint.


Verbreiterung der Speisepalette in Aussicht

Grosse Hoffnungen in die moderne Gentechnik haben vor allem jene Menschen, die mit Nahrungsmittelallergien zu kämpfen haben. Glutenunverträglichkeit ist mittlerweile schon fast eine Zivilisationskrankheit. Menschen mit der Stoffwechselkrankhit Zöliakie vertragen kein Gluten. Bestimmte Gluteneiweisse zerstören bei diesen Personen die Darmschleimhaut. Die Forschung hat es geschafft, verschiedene der verantwortlichen Gene auszuschalten. Erste klinische Studien haben vielversprechende Resultate geliefert. Dereinst dürfte sich der Speiseplan der Zöliakie-Geplagten wieder massiv verbreitern.


Früchte und Gemüse bewahren dank moderner Biotechnologie für längere Zeit ihr makelloses Antlitz. Bild: Adobe
Früchte und Gemüse bewahren dank moderner Biotechnologie für längere Zeit ihr makelloses Antlitz. Bild: Adobe

Deutlich verlängern dürfte sich die Haltbarkeit vieler Grundnahrungsmittel. Foodwaste ist ein massives Problem. Lebensmittel wegzuwerfen ist unökologisch und unsozial. Die für die Produktion eingesetzten Ressourcen werden unnötig verschwendet. Ein Grossteil des Verlustes an Lebensmitteln geschieht noch, bevor die Esswaren beim Endkunden angekommen sind. Braune Stellen bei Obst, Kartoffeln oder Pilzen sind für die Grossverteiler ein Grund, die Ware schon vorgängig aus dem Sortiment zu nehmen.

In den Haushalten wandern Nahrungsmittel mit solchen Flecken oft in den Kehricht. Vor allem dann, wenn sie bereits aufgeschnitten wurden, verfärben sich die Nahrungsmittel durch den Kontakt mit Sauerstoff schnell. Eine Eigenschaft, die dank Genome Editierung dereinst verbessert werden wird. Weniger schnell bräunende Lebensmittel würden automatisch dazu führen, dass weniger kostbare Kalorien im Abfall landen. Bei Tomaten konnte eine verbesserte Haltbarkeit erreicht werden, indem dank gezielter Eingriffe stabilere Zellwände hergestellt werden konnten. Viele weitere Errungenschaften, die unsere Gesundheit verbessern, werden folgen.

Wenn Sie das nächste Mal einen Teller Spaghetti al Pomodoro essen und danach vielleicht ja doch zu einem koffeinfreien Kaffee greifen, dann denken Sie daran: All diese Lebensmittel könnten dereinst auch minimal verändert worden sein. Zum Wohl vieler Menschen, der Umwelt und des Klimas. Sie würden nichts davon merken. Vielleicht fragen Sie sich in Zukunft einfach, weshalb Ihnen der koffeinfreie Kaffee nun auf einmal schmeckt.

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