«Der Konsument entscheidet darüber, was wir anbauen»
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«Der Konsument entscheidet darüber, was wir anbauen»

Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von über zehn Kilogramm pro Jahr sind sie nicht nur das Lieblingsgemüse der Schweizer, sondern geben auch eine spektakuläre Kulisse ab: Das «Green Sofa» der Gesprächsreihe von Syngenta steht diesmal in der farbenprächtigen Tomatenwelt von Beat Bösiger, Besitzer und Geschäftsführer der Bösiger Gemüsekulturen AG. Mit Moderatorin Christa Rigozzi spricht er unter anderem über Hummeln im Gewächshaus, die Balance von biologischem und synthetischem Pflanzenschutz und den Einfluss der Konsumenten auf seine Arbeit.

Freitag, 11. Juni 2021

Das Wichtigste in Kürze:

  • Beat Bösiger baut auf seinem Betrieb Tomaten und Freilandgemüse an.
  • Bei hohem Schädlingsdruck kommt auch er nicht um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln herum.
  • Konsumentinnen und Konsumenten wollen letztlich schöne Produkte zu bezahlbaren Preisen.

Gemüseproduzent Beat Bösiger sitzt auf dem grünen Sofa in seiner roten «Tomatenwelt», wie Moderatorin Christa Rigozzi das nennt: Ein Gewächshaus im bernischen Niederbipp, wo die Cherrytomaten «voll in der Blüte stehen», freut sich der Landwirt. Nicht nur, weil die Tomate sein Lieblingsgemüse ist, sondern dies auch Sinnbild ist für den gewaltigen Wandel, den die Landwirtschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten durchgemacht hat. Auch davon erzählt Beat Bösiger auf dem «Green Sofa». Wie der Stammbetrieb der Familie seinerzeit im Dorfzentrum noch ein Viehbetrieb gewesen war und sich dann im Laufe der Jahre zum Gemüsebetrieb inklusive Gewächshäusern mit heute über 100 Mitarbeitenden weiterentwickelt hat. Wie noch der Grossvater mit dem Ross gepflügt hatte, wo heute modernste Traktoren mit GPS zum Einsatz kommen. Wie der Sohn, die nächste Generation im Familienbetrieb also, neben dem tradierten Anbau einen neuen Betrieb mit Bioprodukten aufgebaut hat.


Biologisches Gleichgewicht

In dieser schönen Gemüsewelt gibt es aber auch Herausforderungen. Während die im Gewächshaus angebauten Gemüsesorten besser gegen Witterungseinflüsse und Krankheitsbefall geschützt sind, gilt das weniger für die rund 30 Sorten Gemüse und Salate, die Bösigers Betrieb im Freiland anbaut. «Im Sommer, bei entsprechenden Temperaturen und Feuchtigkeit, haben wir einen hohen Druck auf Pilzbefall und auch Schädlinge», konstatiert Beat Bösiger, «je tropischer das Klima, desto grösser ist der Druck.» Dagegen ergreift der Gemüsebauer vorbeugende Massnahmen, indem er beispielsweise resistente Gemüsesorten anbaut oder schützende Anbautechniken anwendet wie etwa das Einhalten bestimmter Pflanzabstände.

«Ein Leben ohne Gemüse? Das wäre ungesund. Unspektakulär. Unvorstellbar», sagt Beat Bösiger, Gemüseproduzent. (Video: Syngenta)

Im konventionellen Gemüseanbau nach Integrierter Produktion (IP) kommen dabei auch synthetische Pflanzenschutzmittel als letzte Option zum Einsatz, betont Beat Bösiger, dann nämlich, wenn es gilt, «eine Kultur zu retten und die Produkte marktfähig zu halten». Und auf die Frage, ob demgegenüber im biologischen Gemüseanbau keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt würden, also gewissermassen «Natur pur» herrsche, entgegnet der Gemüsebauer: «Das ist nicht ganz so. Auch dort werden für den Biolandbau behördlich zugelassene Biopestizide angewandt, die teils auch synthetisch hergestellt sind.» Weiter setzen Gemüsebauern auch Nutzinsekten ein. So etwa in geschützten Gewächshäusern mit Tomaten, die täglich geerntet werden. Dort kann gar kein synthetischer Pflanzenschutz betrieben werden. In diesen geschlossenen Räumen werden zur Befruchtung der Tomatenblüten Hummeln eingesetzt, und gegen Schadinsekten werden im Gewächshaus deren natürliche Feinde ausgesetzt. «Dadurch entsteht ein biologisches Gleichgewicht, das es uns erlaubt, Schädlinge im Griff zu behalten», betont Beat Bösiger.


Pflanzenschutzmittel als letzter Schritt und die Rolle der Konsumenten

Bevor Pflanzenschutzmittel überhaupt angewandt werden, analysiert der Bauer das Schädlingspotenzial, also Schädlinge und Pilzkrankheiten. Dazu gehören tägliche Kulturrundgänge, bei denen einzelne Pflanzen kontrolliert werden. Ist eine Schadschwelle überschritten, die für den Landwirt eine massive Qualitätseinbusse oder einen wirtschaftlichen Schaden nach sich zieht, dann und erst dann kommen Pflanzenschutzmittel zum Einsatz. Weitergedacht: Wäre die Lösung, nur noch biologischen Gemüseanbau zu betreiben? Die Antwort von Beat Bösiger kommt pfeilschnell: Vorstellen könne er sich das durchaus, «aber das entscheidet letztlich der Konsument». In der Schweiz beläuft sich der Bioanteil im Gemüseanbau derzeit auf bescheidene zwölf Prozent. «Sehr wenig», stellt der Gemüseproduzent fest und hier liege wohl auch der grosse Widerspruch. Wer sich umhöre in der Gesellschaft, bekomme zu hören, dass alle nur Bioprodukte wollten. Am Ladentisch entschieden sich dann doch die meisten Konsumenten für ein konventionell hergestelltes Produkt mit entsprechend tieferem Preis. «Ist der Konsument bereit, nur noch bio zu kaufen und dies auch zu bezahlen, produzieren wir nur noch bio», sagt Beat Bösiger. Fakt ist jedoch: Der Bioanteil in der Schweiz ist zwar steigend und die Konsumenten hierzulande gelten als bioaffin. Das brachliegende Potenzial für Bioprodukte ist jedoch gewaltig. «Wir würden sofort mehr bio produzieren, wenn die Nachfrage steigen würde», sagt Beat Bösiger, «wir können aber nicht Produkte herstellen, die nicht gekauft werden.»

Was ist «Green Sofa»?
Das «Grüne Sofa» ist das Herzstück in der neuen mehrteiligen Gesprächsreihe von Syngenta, die sich mit Themen rund um unser Essen und Trinken, die moderne Landwirtschaft und die Rolle von Pflanzenschutz in unserem täglichen Leben befasst.

Moderiert von Christa Rigozzi werden in den einzelnen Episoden ganz unterschiedliche Gäste aus verschiedenen Regionen der Schweiz vorgestellt, die jedoch eines gemeinsam haben: Sie sind Experten ihres jeweiligen Fachs, und die Qualität unserer Lebensmittel und der Schutz unserer Pflanzen liegt ihnen am Herzen.

Die Episoden werden durch Sequenzen ergänzt, die einen Einblick in das Arbeitsumfeld der jeweiligen Interviewpartner geben, vom Weinberg über die Restaurantküche bis zum Forschungslabor. Auf diese Weise wird das «Grüne Sofa» zum verbindenden Element, das Zusammenhänge hinterfragt, die wir nur zu oft als selbstverständlich hinnehmen.

Mehr «Green Sofa»? Hier steht es mitten in einem Schweizer Rebberg.

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