ESG-Berichterstattung: Ausser Spesen wenig gewesen
Die ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) sollen Unternehmen zu nachhaltigem Handeln und Transparenz führen. Die Firmen müssen erhebliche Ressourcen in die Erfüllung von Vorschriften und die Erstellung von Berichten investieren. Die Aufgabenlast wird dabei laufend grösser. Für viele Unternehmen sind diese Anforderungen eine enorme bürokratische Last – mit wenig oder keinem Nutzen für die effektive Nachhaltigkeit.
Montag, 10. Februar 2025
Michele Salvi von Avenir Suisse beschreibt die aktuelle Situation in einem «NZZ»-Artikel zum Thema als «Regulierungsfalle», in der Unternehmen in einem Meer aus Vorschriften versinken. Ein Beispiel liefert die Lebensmittelindustrie. Thomas Kopp von Terravera beschreibt im besagten Artikel, wie die Anforderungen zur Nachhaltigkeitszertifizierung den administrativen Aufwand laufend steigern. Die Firma muss zahlreiche Standards zu Arbeitssicherheit, Pflanzenschutzmitteln und Gesundheitsschutz einhalten. «Es ist nahezu unmöglich, alles 100 Prozent korrekt zu machen», sagt Kopp. Der bürokratische Aufwand bindet Ressourcen, ohne dass er zu echten Fortschritten bei der Nachhaltigkeit führt.
Dieser laufend grösser werdende Reporting-Aufwand trifft alle Unternehmen, aber am meisten KMU, die über weniger Personal und Ressourcen als grosse Unternehmen verfügen. Für KMU bedeutet dies eine enorme Belastung, die Innovation und nachhaltige Projekte in den Hintergrund rücken lässt. Clemens Gütermann, Geschäftsführer von Villiger, dem bekannten Zigarrenhersteller, beschreibt es so: «Zur Berechnung des CO₂-Fussabdrucks muss man den Energieverbrauch angeben und schätzen, wie viel die Gebäudeisolierung beiträgt und auch, wie viel erneuerbare Energie eingesetzt wird.» Informationen, die viele KMU nicht einfach so zur Verfügung haben. Diese zusätzlichen Aufwände, um diese Informationen bereitzustellen, lasten auf den KMU und nagen mittelfristig an ihrer Wettbewerbsfähigkeit.
Ein weiteres Problem ist nicht nur das Ausmass der ESG-Reportings, sondern auch, dass sich diese Vorgaben ständig ändern. Wenn Unternehmen dann noch in verschiedenen Ländern tätig sind, müssen sie auch unterschiedliche Vorschriften einhalten, was den Aufwand weiter erhöht und die Umsetzung echter Nachhaltigkeit erschwert. In einer von economiesuisse initiierten Mitgliederumfrage wird eine Umfrageteilnehmerin wie folgt zitiert: «Die Ressourcen, die wir für das Nachhaltigkeitsreporting aufwenden, könnten besser in konkrete Nachhaltigkeitsprojekte investiert werden, mit denen auch wirklich etwas bewirkt wird.» economiesuisse hat berechnet, dass die jährliche Berichterstattung in der Schweiz mehrere Zehntausend Arbeitskräfte – die wertschöpfenden Tätigkeiten entzogen werden – und mehrere 100 Millionen Franken Umsetzungskosten pro Jahr bindet.
Des einen Leid, des andern Glück
Es erstaunt daher nicht, dass ESG mittlerweile ein lukratives Geschäftsfeld für Wirtschaftsprüfer und Berater geworden ist. Unternehmen müssen viel Geld für externe Prüfungen und Beratung ausgeben, um sicherzustellen, dass sie die Standards einhalten. Wirtschaftsprüfer und Berater profitieren von der Komplexität der Vorschriften, während KMU von der eigentlichen Zielsetzung der ESG-Kriterien, nämlich echter Nachhaltigkeit, abgehalten werden. Ein alter Beraterspruch bewahrheitet sich: «More regulation, more fees.»
Statt in nachhaltige Projekte zu investieren, konzentrieren sich die Unternehmen darauf, die Anforderungen zu erfüllen und Berichte zu erstellen. Dies führt zu einer Verzerrung der ursprünglichen Zielsetzung der ESG-Kriterien: Echte nachhaltige Veränderung wird durch bürokratische Hürden verdrängt. Und so kommt auch die «NZZ» zum treffenden Schluss: «Nachhaltig ist nur der Ärger.»
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