EU-Agrarminister fordern Öffnung für Genschere
Eine Mehrheit der Landwirtschaftsminister der Europäischen Union sieht in neuen Züchtungstechnologien einen Schlüssel zur Stärkung der Ernährungssicherheit. Sie fordern deshalb eine Neubeurteilung der Zulassungsregeln für neue gentechnische Verfahren. Die neuen gentechnischen Methoden könnten auch dem Kampf gegen Food Waste neue Impulse geben.
Publiziert: 10.10.2022, 10:41 Uhr
An einem informellen Treffen in Prag haben sich die Agrarminister der EU mit neuen Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas beschäftigt. Wie das Onlineportal «agrarheute» schreibt, haben zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Referaten die Vorteile der neuen Technologien für die Pflanzenzucht erläutert. So ergeben sich beispielsweise grosse Chancen bei Züchtung von Trockenresistenzen. Die Agrarminister sind sich deshalb einig, dass es bei der Regulierung von neuen Pflanzenzüchtungsmethoden Lockerungen braucht. Die Minister fürchten, dass es aufgrund der restriktiven Gesetzeslage in der EU vermehrt zu einem «Brain-Drain», also einer Abwanderung von Forscherinnen und Forschern in andere Länder geben könnte.
Stärkung der Versorgungssicherheit
Wie das Portal weiterschreibt, ist gemäss EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski bis Mitte 2023 mit einem neuen Gesetzesvorschlag der Kommission zum Gentechnikrecht zu rechnen. Gemäss dem tschechischen Agrarminister Zdeněk Nekula verspricht sich der Agrarrat von den neuen Züchtungstechnologien einen wichtigen Beitrag für die Sicherung und Gewährleistung der Versorgung mit Nahrungsmitteln. Gerade für kleinere Betriebe stellen die neuen Technologien zudem eine grosse Chance dar, da sie relativ einfach zu handhaben und kostengünstig sind. Ein weiterer Punkt auf der Traktandenliste der EU-Agrarminister war der Kampf gegen Food Waste. Dieser sei zur Verbesserung der Versorgungssicherheit von ebenso grosser Bedeutung. Von den weltweit rund vier Milliarden Tonnen produzierten Lebensmitteln würden 1,3 Milliarden Tonnen auf dem Müll landen.
Neue Impulse gegen Food Waste
Neue Züchtungstechnologien wie die Genschere CRISPR/Cas sind auch Waffen im Kampf gegen Food Waste. In der Schweiz entfallen beispielsweise rund 20 Prozent der Lebensmittelverluste auf die Landwirtschaft. Mithilfe von neuen Züchtungstechnologien können Pflanzen resistenter gegen Schädlingsbefall, Krankheiten oder Wetterextreme gemacht werden, was den Food Waste auf dem Feld verringert. Doch auch die Züchtung von stabileren Pflanzen – beispielsweise mit robusteren Zweigen – könnte einen Beitrag gegen Food Waste darstellen. Ein Team um den Lausanner Forscher Sebastian Soyk hat mithilfe von CRISPR/Cas eine Tomate gezüchtet, die weniger schnell vom Stängel abbricht. So wird verhindert, dass die Früchte zu früh auf den Boden fallen und verderben.
Sources
Gut zu wissen
Ob Schutz vor Schädlingen, Krankheiten oder Starkregen. Die Forschung an neuen Anwendungen für die Genschere CRISPR/Cas läuft auf Hochtouren. Wir haben zehn Beispiele von Anwendungen neuer Züchtungstechnologien aufgelistet, die auch für Schweizer Landwirte interessant sein dürften.
Ähnliche Artikel
Die Anti-Food Waste-Banane
Die britische Biotechfirma Tropic hat mit der Genschere CRISPR/Cas eine Banane entwickelt, die nicht mehr braun wird. In den USA ist sie bereits auf dem Markt, in England hat sie die entscheidende Zulassungshürde genommen. Dieselbe Technik könnte auch helfen, die beliebteste Banane der Welt vor dem Aussterben zu retten.
Tigermücke: Bund setzt auf Massnahmenplan – doch Insektizide bleiben tabu
Invasive Arten wie die Asiatische Tigermücke breiten sich in der Schweiz zunehmend aus. Der Bund schlägt Alarm und will der Mücke mit einem nationalen Massnahmenplan den Garaus machen. Das wirksamste Mittel bleibt aber aussen vor: Insektizide.
Rekordhitze 2026: Warum die Landwirtschaft robuste Sorten braucht
Hitze, Dürre und Hagel haben den Schweizer Bauern 2026 schwer zugesetzt. Im NZZ-Interview warnt Adrian Aebi, Chef des grössten Schweizer Ernteversicherers: «Machen wir so weiter, blutet die Landwirtschaft aus». Für die Zukunft braucht es vor allem robuste Sorten, die Hitze und Trockenheit aushalten.
Kartoffelernte auf Rekordtief, und beim Bund herrscht Stillstand
Der Hitzesommer 2026 hat der Schweizer Kartoffel so stark zugesetzt wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Branche fordert deshalb raschere Fortschritte bei resistenten Sorten – und Zugang zu neuen Züchtungstechnologien, wie sie die EU bereits schrittweise erlaubt. Der Bundesrat lässt sich mit der entsprechenden Gesetzesvorlage derweil Zeit bis 2027.