Fehlender Pflanzenschutz: Rückläufiger Anbau von Rosenkohl als Folge

Fehlender Pflanzenschutz: Rückläufiger Anbau von Rosenkohl als Folge

Der Anbau von Rosenkohl gestaltet sich in der Schweiz immer schwieriger. Die Anbauflächen sind seit mehreren Jahren rückläufig. Grund dafür ist die stetig kleiner werdende Zahl an zugelassenen Pflanzenschutzmitteln.

Publiziert: 08.11.2022, 10:09 Uhr | Aktualisiert: 29.11.2022, 16:15 Uhr

Die Kohlfliege und die Weisse Fliege machen Schweizer Gemüsebauern zu schaffen. Die Schädlinge haben sich in den vergangenen Jahren immer stärker verbreitet. Und das ist kein Zufall: «Viele effiziente Wirkstoffe gegen die Kleine Kohlfliege oder die Weisse Fliege sind zurückgezogen worden – daher sind die Rosenkohlanbauflächen seit 2018 bis heute zurückgegangen», sagt Markus Waber, stellvertretender Direktor des Verbands der Schweizer Gemüseproduzenten, im Onlineportal «Linth24». Im Jahr 2016 wurde dem Pflanzenschutzmittel Methomyl die Zulassung entzogen. Es darf somit nicht mehr angewendet werden. Wirksame Alternativen existieren kaum. Dies schlägt sich auch in der Entwicklung der Anbauflächen von Rosenkohl nieder. Wurden im Jahr 2018 noch fast 100 Hektaren mit Rosenkohl angebaut, so schrumpfte die Fläche bis im Jahr 2021 um einen Viertel auf 76 Hektaren.


Kohlschädlinge machen Ernte unbrauchbar

Sowohl die Kohlfliege als auch die Weisse Fliege befallen Rosenkohl und verursachen bei der Ernte grosse Qualitätseinbussen. Die Larven der Weissen Fliege saugen an den Pflanzen und hinterlassen unverdauten Zuckersaft auf dem Gemüse. Dies führt zu sogenanntem «Honigtau», einem klebrigen Belag, der die Rosenkohlröschen überzieht. Auf ihm breiten sich Schwärzepilze aus, die das Gemüse schwarz färben. Das Erntegut ist verunreinigt. Zudem hinterlässt die Kohlfliege Fressschäden am Rosenkohl. Die Schäden machen den Rosenkohl unverkäuflich. Und neben der immer dünner werdenden Wirkstoffpalette trägt auch der Klimawandel zur Rosenkohl-Krise bei. Die wärmer werdende Witterung begünstigt die Ausbreitung von Schadinsekten zusätzlich. Gemäss Markus Waber haben die Schadinsekten im Berner Seeland zwischen 2018 und 2019 bei Rosenkohl zu Ernteeinbussen von 30 bis 45 Prozent geführt.


Probleme auch bei Zwiebeln

Nicht nur der Rosenkohl leidet unter dem Rückzug von Pflanzenschutzmitteln. Auch im Bereich der Zwiebeln werden voraussichtlich mehrere Pflanzenschutzmittel die Zulassung verlieren. Schweizer Gemüseproduzenten befürchten deshalb grosse Ernteeinbussen. «Durch den Wegfall wichtiger Pflanzenschutzmittel im Zwiebelanbau kann der Schutz der Kulturpflanze nicht gewährleistet werden», sagt Markus Waber gegenüber «Linth24». Es besteht jedoch die Möglichkeit, mit Ausnahmebewilligungen für bestimmte Pflanzenschutzmittel Kulturen zu schützen. Gemäss Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) wurde eine solche Notfallzulassung für 2022 erteilt, um bei Zwiebeln den Falschen Mehltau wirksam bekämpfen zu können.


Notfallzulassungen sind keine Lösung

Doch Notfallzulassungen sind Notlösungen: Besser und ehrlicher wäre eine effizientere Zulassung neuer Pflanzenschutzmittel, damit die Landwirte Planungssicherheit haben. Doch da hapert es gewaltig und die Liste konkreter Beispiele, wo es an Pflanzenschutz mangelt, wird immer länger. Nur ein paar Beispiele: Ein Wirkstoff gegen den Apfelwickler wartet seit Längerem auf die Zulassung. Die Mittel gegen den Apfelwickler wurden in den letzten Jahren stark reduziert und Resistenz ist in Zukunft nicht ausgeschlossen. Auch ein Insektizid gegen Drahtwürmer wartet auf die Zulassung. Es gibt heute keine zugelassenen Produkte für diese Bedrohung mehr.

Die Schädlinge verursachen bei Kartoffeln grosse sichtbare Schäden: Chips mit sichtbaren Drahtwurmspuren will niemand kaufen. Falscher Mehltau ist ein grosses Problem beim Anbau von Zwiebeln. Der Pilzbefall beeinträchtigt die Lagerfähigkeit. Und reduzierte Lagerfähigkeit führt zu Food Waste. Doch ein Fungizid, das den falschen Mehltau bei Zwiebeln bekämpfen könnte, ist seit längerem blockiert. Das innovative Produkt wäre für die Umwelt unbedenklich, genauso wie ein auf Bakterien basierendes biologisches Kontrollpräparat, das als Gegenspieler zum im Rebbau gefürchteten echten Mehltau wirkt. In der Schweiz steht als letztem Land in Europa die Zulassung noch aus.

Ähnliche Artikel

Die Anti-Food Waste-Banane
Medien

Die Anti-Food Waste-Banane

Die britische Biotechfirma Tropic hat mit der Genschere CRISPR/Cas eine Banane entwickelt, die nicht mehr braun wird. In den USA ist sie bereits auf dem Markt, in England hat sie die entscheidende Zulassungshürde genommen. Dieselbe Technik könnte auch helfen, die beliebteste Banane der Welt vor dem Aussterben zu retten.

Tigermücke: Bund setzt auf Massnahmenplan – doch Insektizide bleiben tabu
Medien

Tigermücke: Bund setzt auf Massnahmenplan – doch Insektizide bleiben tabu

Invasive Arten wie die Asiatische Tigermücke breiten sich in der Schweiz zunehmend aus. Der Bund schlägt Alarm und will der Mücke mit einem nationalen Massnahmenplan den Garaus machen. Das wirksamste Mittel bleibt aber aussen vor: Insektizide.

Rekordhitze 2026: Warum die Landwirtschaft robuste Sorten braucht
Medien

Rekordhitze 2026: Warum die Landwirtschaft robuste Sorten braucht

Hitze, Dürre und Hagel haben den Schweizer Bauern 2026 schwer zugesetzt. Im NZZ-Interview warnt Adrian Aebi, Chef des grössten Schweizer Ernteversicherers: «Machen wir so weiter, blutet die Landwirtschaft aus». Für die Zukunft braucht es vor allem robuste Sorten, die Hitze und Trockenheit aushalten.

Kartoffelernte auf Rekordtief, und beim Bund herrscht Stillstand
Medien

Kartoffelernte auf Rekordtief, und beim Bund herrscht Stillstand

Der Hitzesommer 2026 hat der Schweizer Kartoffel so stark zugesetzt wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Branche fordert deshalb raschere Fortschritte bei resistenten Sorten – und Zugang zu neuen Züchtungstechnologien, wie sie die EU bereits schrittweise erlaubt. Der Bundesrat lässt sich mit der entsprechenden Gesetzesvorlage derweil Zeit bis 2027.

Weitere Beiträge aus Medien