Globale Ereignisse erfordern Anpassungen

Globale Ereignisse erfordern Anpassungen

Die Schweizerinnen und Schweizer wollen möglichst viel einheimische Nahrungsmittel auf dem Teller. Ein Wunsch, der immer schwerer zu erfüllen ist. So haben die Bauern immer grössere Mühe, ihre Ernten zu schützen. Kein Wunder ist der Eigenversorgungsgrad im Sinkflug.

Mittwoch, 6. Dezember 2023

An der Fachkonferenz «Brennpunkt Nahrung» vom November 2023 adressierten Referentinnen und Referenten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft aktuelle Herausforderungen und diskutierten, wie die Schweiz mit den gegenwärtigen globalen Unsicherheiten umgeht und die Versorgung im Land sicherstellt.

Das Positive vorab: Die Verfügbarkeit von Lebensmitteln ist in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit. Die Regale in den Läden sind stets voll, die Auswahl beinahe unendlich. Und doch, dies zeigten die Voten an der Fachkonferenz, kommt diese Selbstverständlichkeit zunehmend unter Druck. «Globalisierung – Abbruch, Umbruch oder Aufbruch?» – die globalen Unsicherheiten und deren Auswirkungen auf die Versorgung der Schweiz standen denn auch im Zentrum der Veranstaltung.

Die einleitenden Worte von Botschafter Markus Schlagenhof, Delegierter des Bundesrates für Handelsverträge, zeigen, in welchem Spannungsfeld die hiesige Landwirtschaftspolitik agiert. So will die Schweizer Bevölkerung und der Bundesrat die Landwirtschaft erhalten und schützen. Lokale Produktion und Kulturlandschaft sind hoch im Kurs. Gemäss des fenaco-Stadt-Land-Monitors 2023, auf den Martin Keller von der fenaco in seinem Vortrag verwies, liegt der durchschnittlich erwünschte Eigenversorgungsgrad bei den Lebensmitteln bei 70 Prozent. Doch der Trend zeigt in die gegenläufige Richtung: Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweizer Landwirtschaft ist von 55 Prozent im Jahr 2012 auf 45 Prozent im Jahr 2021 gesunken, wie ein aktueller Bericht von Agroscope zeigt.

Gleichzeitig ist die Schweiz als global ausgerichtete Volkswirtschaft auf möglichst freien Handel angewiesen. Freihandelsabkommen sind aber immer auch mit Fragen der Marktöffnungen verbunden. Und die protektionistische Linie in der Landwirtschaftspolitik sind in Verhandlungen oft eine Herausforderung, wie Schlagenhof sagt. Es sei aber auch klar, dass eine sichere Versorgung nur dank einer effizienten einheimischen Landwirtschaft in Kombination mit Importen von landwirtschaftlichen Gütern gelingen kann.

Angesichts der geopolitischen Spannungen und der Pandemieerfahrungen will die Bevölkerung, dass möglichst viele Lebensmittel in der Schweiz produziert werden. Die steigende Bevölkerungszahl und das abnehmende Kulturland machen dies aber zu einer Herkulesaufgabe. Ohne eine effiziente Nutzung der vorhandenen Flächen ist diesem Wunsch nicht nachzukommen. Und gerade hier zeigt sich die widersprüchliche Haltung, die vielen Schweizerinnen und Schweizern sowie der offiziellen Politik innewohnt: Man will die Produkte möglichst lokal produziert und das Kulturland geschützt. Gleichzeitig hat man den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln massiv reduziert – ohne realistische Alternativen zur Hand zu haben. Eine Gleichung, die nicht aufgehen kann.

Es liegt auf Hand, dass eine Landwirtschaft nur dann effizient ist, wenn sie aus den bestehenden Flächen ein Maximum hochwertiger Produkte herausholt. Und dazu braucht es Pflanzenschutz.

Wie Martin Keller von fenaco aufzeigt, haben die Bauern aber immer weniger Möglichkeiten, die eigenen Kulturen auf dem Feld zu schützen. Mit Bezug auf den «Lagebericht Pflanzenschutz 2023» des Schweizerischen Bauernverbandes und der Antwort des Bundesrates auf die Interpellation 21.3692 zeigt er auf, wie dramatisch die zur Verfügung stehenden Pflanzenschutzmittel in den letzten Jahren abgenommen haben: Allein zwischen 2016 und 2021 wurden 67 Wirkstoffe und 511 Produkte aus dem Markt zurückgezogen. In der gleichen Zeitspanne wurden lediglich 28 neue Wirkstoffe und 252 entsprechende Produkte für den Markt zugelassen. In fünf Jahren sind somit an die 40 Wirkstoffe und rund 250 Produkte verschwunden. Kein Wunder, können die Bauern ihre Pflanzen vielfach nicht mehr genügend schützen, Produktionsausfälle sind bereits heute Realität. Wie Markus Hochstrasser vom zürcherischen Pflanzenschutzdienst am Strickhof an einer Medienkonferenz des Zürcher Bauernverbandes Anfang November aufzeigte, haben immer mehr Kulturen keinen wirksamen Schutz mehr, darunter Kartoffeln, Zuckerrüben, Raps, Obst, Beeren oder Reben. Die Produktivität auf dem Feld nehme ab, Food Waste und Ernteausfälle nehmen zu, wenn Pflanzenschutzmittel fehlen, bilanziert Hochstrasser.

Die Behörden reagieren zunehmend mit Notzulassungen, also mit zeitlich begrenzten Zulassungen. Dies ist eigentlich ein Armutszeugnis. Denn bei der zuständigen Verwaltung stapeln sich die Gesuche für Neuzulassungen von Pflanzenschutzmitteln. Ob man aufgrund von politischen Erwägungen einfach zu zaghaft und ängstlich agiert oder ob man schlicht überfordert ist, ist nicht auszumachen. Klar ist, dass diese aktuelle Zulassungspraxis für Bauern existenzbedrohend ist. Und für den Wunsch der Schweizer Bevölkerung nach einer substanziellen inländischen Produktion ist die Zulassungspraxis ein Sargnagel.

Steigende Preise bei sinkender Inflation

Bei der Inflationsrate zeichnet sich in der Schweiz und im Euroraum eine Entspannung ab. Wie die «SonntagsZeitung» berichtet, heisst das aber nicht, dass die Preise bei den lebensnotwendigen Gütern sinken. Sie steigen nur weniger schnell. Während die Ökonomen aufatmen, sehen sich die Konsumentinnen und Konsumenten weiterhin mit steigenden Preisen konfrontiert. «… wenn die Inflationsrate sinkt, heisst das nichts anderes, als dass die Preise weiter steigen, bloss langsamer als vorher», schreibt Armin Müller. Besonders betroffen von Preissteigerungen waren in den letzten Jahren Energiepreise, aber auch die Preise für Nahrungsmittel sind massiv gestiegen. So sind Kaffee, Butter und Teigwaren rund 15 Prozent, Milch und Brot um mehr als 10 Prozent teurer.

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