«Gouverner c’est prevoir»
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«Gouverner c’est prevoir»

Schweizer Bauern leiden unter dem anhaltenden Regen und den Gewittern der vergangenen Wochen. Viele Pflanzenkulturen können derzeit weder geerntet noch angesät werden. Die Erträge fallen niedriger aus als üblich. Durch die feuchten Bedingungen sind zudem ganze Kartoffelernten wegen des Pilzbefalls gefährdet. Das Angebot an regionalem Gemüse wird sich verknappen, die Preise werden steigen. Die Bauern brauchen neue Instrumente im Kampf gegen Klimawandel und Schädlinge. Da ist auch der Bund gefordert. Er kann die Bauern unterstützen, indem er technische Innovationen zulässt.

Mittwoch, 15. September 2021

Die «Aargauer Zeitung» berichtet über die von Hochwasser und Hagel geplagten Landwirte im Kanton Aargau. Viele Felder stehen dort derzeit unter Wasser. Ganze Ernten drohen verloren zu gehen. Wie Christoph Hagenbuch, Präsident des Aargauer Bauernverbands, gegenüber der Zeitung sagt, sei im Moment nicht ans Ernten von Dinkel und Weizen zu denken: «Es müsste zuerst einmal zwei Wochen lang halbwegs trocken sein, bevor wir überhaupt ans Ernten denken können.» Aber auch dann werde die Qualität des Korns schlecht sein. Es ist schlicht zu nass.


«Totalausfall vorprogrammiert»

Neben dem Getreide sind aber auch andere Kulturen betroffen. Hagenbuchs Süsskartoffeln und Kartoffeln stehen seit Tagen unter Wasser. Der Hagel hat zudem die Kürbisse, Salate und die Kartoffelstauden zerstört. Die Verletzungen an den Kartoffelstauden bilden Eintrittspforten für Pilzerreger. Der Einsatz von Fungiziden gegen Pilzbefall wäre dringend nötig. Doch ein weiteres Problem verschärft die Lage: Die Felder sind aufgrund des schweren Regenfalls nicht befahrbar. Es können keine Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden. Bis die Böden wieder befahrbar sind, drohen die Kartoffelstauden an Pilzbefall zugrunde zu gehen. «Auf den betroffenen Feldern ist ein Totalausfall der Ernte vorprogrammiert», sagt Hagenbuch gegenüber der «Aargauer Zeitung».


Risikomanager Bauer

Das Angebot an Schweizer Gemüse wird sich aufgrund der extremen Wetterereignisse verknappen. Weil erst verspätet gesät werden kann, wird auch der Ertrag beim Lagergemüse bestenfalls halb so gross wie normal sein. Die Ausfälle können nicht komplett mit Importen gedeckt werden. Denn in ganz Europa hat das Wetter im Sommer verrückt gespielt. Die Preise für Gemüse werden steigen. «Und gewisse Sachen, unter anderem Karotten, Kartoffeln oder Zwiebeln, werden zum Teil gar nicht verfügbar sein», sagt Hagenbuch. Der Bericht in der «Aargauer Zeitung» verdeutlicht: Bauern sind zu einem grossen Teil auch Risikomanager. Und die Risiken werden durch den Klimawandel zusätzlich steigen. Versicherungen gegen Ernteausfälle sind zwar sinnvoll, doch vielfach zu teuer. Und Totalverluste werden nur teilweise abgegolten.

Innovation nicht blockieren
Um den Landwirten ein breites Spektrum an Lösungen zu bieten, braucht es Innovation und politischen Willen. Mithilfe von Gentechnik können resistentere Sorten gezüchtet werden. So lässt sich auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren und es hilft, wenn das Ausbringen wie im Fall der derzeit unbefahrbaren Felder nicht möglich ist. Diverse Forschungsanstalten haben gegen die gefürchtete Kraut- und Knollenfäule resistente Sorten gezüchtet. Die Firma BASF stellte Ende 2011 Antrag auf EU-Zulassung der gentechnisch veränderten Speisekartoffel Fortuna für den Anbau und als Lebens- und Futtermittel, doch erfolgte 2012 der Rückzug der Biotech-Sparte des Unternehmens aus Europa. Forschung und Innovation findet immer statt, ihren Nutzen entfalten sie aber dort, wo das Umfeld sie zulässt. Gemäss «BauernZeitung» hat die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Reckenholz in den letzten Jahren Freilandversuche mit Gentech-Kartoffeln gemacht, die auch gegen die in der Schweiz vorkommenden Krautfäule-Infektionen resistent sind. Dafür verantwortlich war die Molekularbiologin Susanne Brunner von Agroscope. Das Fazit: Die gentechnisch veränderten Kartoffeln überzeugten, doch der Anbau ist wegen des Gentech-Moratoriums in der Schweiz verboten.

Und da sind wir an einem springenden Punkt. Seit 2005 gilt das bereits dreimal verlängerte Gentech-Providurium. Es hat nachhaltige Innovationen verhindert und so der Umwelt geschadet, obwohl der von der Politik verlangte Bericht des Nationalforschungsprogramms NFP 59, der aus eigenen Versuchen der Wissenschaftler und einer Metastudie über 1000 Forschungsarbeiten bestand, zum eindeutigen Schluss kam, dass das herrschende Gentech-Verbot aus wissenschaftlicher Sicht nicht gerechtfertigt ist. Trotzdem soll es nach dem Willen des Bundesrats zum vierten Mal verlängert werden. Soeben hat die Landesregierung die Botschaft dazu veröffentlicht. Anstatt auf wissenschaftlicher Basis und risikobasiert Anwendungen zuzulassen, wird weiterhin eine ganze Technologie blockiert. Das ist verantwortungslos – und wie das aktuelle Beispiel zeigt, auch alles andere als zielführend.

Besonders störend: Auch neue gentechnische Verfahren wie die Genom-Editierung sollen unter das Moratorium fallen. Damit wird das Moratorium sogar noch ausgeweitet. Diese Verhinderungspolitik schadet der Schweiz. Zudem hinkt die Argumentation in einem wissenschaftlichen Sinne. Ein Grossteil der neuen Anwendungen bringt Produkte hervor, die genauso gut durch eine spontane Mutation oder durch natürliche Rekombination entstehen könnten. Auch sind bereits heute Züchtungsmethoden in der Schweiz zugelassen, die mit chemischen Mitteln oder Bestrahlung massiv ins Genom einer Pflanze eingreifen (Mutagenese). Tatsache ist: Die bekannten Anwendungen von Genom-Editierung sind viel gezielter als manch traditionelle Züchtungsmethoden und sind für den Menschen und die Umwelt sicher. Es ist an der Zeit, diese Innovationen nicht mehr grundsätzlich zu blockieren.

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