Hat Brot bald kein Brot mehr?
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Hat Brot bald kein Brot mehr?

Die Geschichte des Brots ist stark mit der Züchtung von Weizensorten verknüpft. Die Optimierung des Brotweizens durch den Menschen hat stark zur Entwicklung der gesamten Zivilisation beigetragen. Damit die Entwicklung des Weizens weitergeht und mehr Menschen ernährt werden können, braucht es jedoch neue Technologien. Eine davon ist die Grüne Biotechnologie. Doch sie steht nach wie vor grossen Hürden gegenüber.

Dienstag, 1. November 2022

Kaum ein Nahrungsmittel hat eine so grosse symbolische Bedeutung wie das Brot. Es steht wie kein zweites Symbol für Leben und Lebenskraft. Brot ist ein Grundpfeiler der menschlichen Zivilisation. Die «NZZ» berichtet über die Entwicklung des Brotweizens. Seit rund 10'000 Jahren wird der Weizen, der zum Backen von Brot benötigt wird, von Menschen gezüchtet und angebaut. Die Entwicklung vom sogenannten Einkorn um ca. 8000 bis 6000 vor Christus bis zum heutigen Brotweizen ist gezeichnet von unzähligen Kreuzungen und Weiterentwicklungen. Gleiches gilt auch für den Hartweizen, der beispielsweise zur Herstellung von Pasta verwendet wird. Heute existieren mehrere Tausend verschiedene Weizensorten. Sie werden für die unterschiedlichsten Gebäcke gebraucht und sind für den Anbau in den unterschiedlichsten Regionen und Klimazonen optimiert worden.


Beispiellose Erfolgsgeschichte

Die Geschichte des Weizens ist eine Erfolgsgeschichte. Und dies hat auch mit der Selektion und Weiterzüchtung durch den Menschen zu tun. Und die Erfolgsgeschichte geht weiter. Der globale Weizenkonsum steigt. In 120 Ländern auf der Welt wird Weizen angebaut – in fast allen, nämlich 173 Ländern, wird er konsumiert. Die weltweite Landwirtschaft produziert pro Kopf und Jahr rund 100 Kilogramm Weizen. Er liefert einen Fünftel der von Menschen in einem Jahr konsumierten Kalorien. In den Ländern Ostasiens sind Getreidesorten wie Reis traditionell stärker in der Esskultur verankert. Doch auch in dieser Region nimmt der Konsum zu. Lag er in China im Jahr 1963 noch bei 23 Kilogramm pro Kopf, so hat er sich auf heute 63 Kilogramm pro Kopf und Jahr verdreifacht.


Gleiche Anbauflächen, grössere Erträge

Laut Prognosen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Damit muss auch die Weizenproduktion zulegen. Heute verbraucht die Menschheit 784 Millionen Tonnen Weizen pro Jahr. Um mit dem Bevölkerungswachstum mithalten zu können, müssen bis 2050 zusätzliche 132 Millionen Tonnen produziert werden. Erstaunliches zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Anbauflächen. Seit 1980 ist die weltweite Anbaufläche für Weizen praktisch gleich geblieben. Sie hat von 240 Millionen Hektaren auf 217 Millionen Hektaren sogar leicht abgenommen. Die Produktivität konnte in den vergangenen Jahrzehnten dagegen deutlich gesteigert werden. Im Jahr 1960 konnten Landwirte pro Hektare rund eine Tonne Weizen ernten. Heute können sie auf gleicher Fläche 3,5 Tonnen ernten.


Forschung für mehr Produktivität

Um eine weitere deutliche Produktivitätssteigerung auf gleicher Fläche erreichen zu können, bieten sich insbesondere neue Technologien wie die Präzisionszüchtung mittels CRISPR/Cas an. Der Molekularbiologe Beat Keller forscht seit Jahrzehnten an der Universität Zürich zum Genom des Weizens. Er gehört einem internationalen Forschungsteam an, welches das Weizengenom zum ersten Mal komplett entschlüsselt hat. Daraus ergaben sich auch neue Möglichkeiten im Bereich der Pflanzenzüchtung. Keller hat einen Weizen gezüchtet, der resistent gegen die weitverbreitete Pilzkrankheit «Falscher Mehltau» ist. Er überzieht die Pflanzen mit hellen Flecken, welche die Fotosynthese behindern. Der Pflanze fehlt es an Energie, um die Körner zu bilden. Ertragsausfälle bis zu 40 Prozent sind die Folge. Keller und seinem Team ist es gelungen, ein Gen von bestimmten mehltauresistenten Weizensorten zu isolieren, das für die Immunabwehr in den Zellen verantwortlich ist. Danach wurde dieses Gen in eine einheimische Weizensorte eingebracht und auf einem abgeschirmten Testacker von Agroscope in Reckenholz angebaut.


«Missbrauch des Vorsorgeprinzips»

Die Resultate lassen keine Zweifel: Die Resistenz der so gezüchteten Weizensorten konnte erheblich verbessert werden. Das in der Schweiz seit 2005 geltende Gentechmoratorium verunmöglicht jedoch den freien Anbau und die kommerzielle Nutzung des Weizens. Dies, obwohl der Nutzen eindeutig ist und die Risiken für Mensch und Umwelt gegen null tendieren. Woher rührt die grosse Skepsis gegenüber der sogenannten Gentechnik? So richtig kann es sich auch Beat Keller nicht erklären. Gegenüber der «NZZ» sagt er, es habe wohl mit diffusen Ängsten und einem «Missbrauch des Vorsorgeprinzips» im Schweizer Umweltschutz zu tun. Das zeigt sich auch darin, dass das Verbandsbeschwerderecht der Umweltorganisationen auch im Gentechnikgesetz festgehalten ist.


Natürlichkeit als Illusion

Mit der restriktiven Haltung gegenüber der Grünen Biotechnologie verpasst die Schweiz jedoch die Chance, vom riesigen Potenzial neuer Pflanzensorten – wie etwa Kellers Weizen – profitieren zu können. Länder wie etwa China oder die USA sind bereits viel weiter. Keller ist überzeugt, dass die dringend benötigte Produktivitätssteigerung, die zur Ernährung der Weltbevölkerung nötig ist, nur mithilfe von Präzisionszüchtung erreicht werden kann. Sie schützt gerade auch die Ernten von Bauern in Entwicklungsländern zuverlässig vor Schädlingen. Dadurch können sie viel Geld für den Kauf von teuren Pflanzenschutzmitteln einsparen. Davon würde auch die Umwelt profitieren. Zudem könnten Pflanzen gezüchtet werden, die noch besser an lokale Klimaverhältnisse – etwa Trockenheit – angepasst sind. Doch der Wunschtraum vieler Konsumentinnen und Konsumenten nach «natürlichen» Lebensmitteln lässt vorerst keine Veränderungen zu. Dies ist umso unverständlicher, als dass auch der Weizen in unserem täglichen Brot nicht durch natürliche Auslese entstanden ist.

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