Hoffnung für den Artenschutz

Hoffnung für den Artenschutz

Forscher wollen das Erbgut aller in Europa bekannten Arten entschlüsseln. Die Entschlüsselung und Archivierung von Genomsequenzen könnten dabei helfen, bedrohte Tier- und Pflanzenarten frühzeitig zu erkennen und entsprechende Gegenmassnahmen einzuleiten. So können zum Beispiel besonders anpassungsfähige Exemplare einer Art erkennt und gefördert werden.

Freitag, 7. Mai 2021

Das Wichtigste in Kürze

  • Forscher wollen das Erbgut aller rund 200'000 in Europa bekannten Arten entschlüsseln.
  • So entsteht ein riesiges digitales Nachschlagewerk der Natur.
  • Besonders gefährdete Arten könnten frühzeitig erkannt und Gegenmassnahmen eingeleitet werden.

Mit der Forschungsinitiative «European Reference Genome Atlas» (ERGA) wollen Forscher das Erbgut der gesamten Flora und Fauna in Europa entschlüsseln. Wie die «NZZ am Sonntag» schreibt, entspricht dies rund 200'000 Arten. Die Fortschritte der Wissenschaft im Bereich der DNA-Entschlüsselung bieten nicht nur der Medizin, sondern auch dem Artenschutz völlig neue Möglichkeiten. Die Hoffnung ist, dass anhand der Genomdaten Vorhersagen über die Entwicklung einer Art gemacht werden können. Die Biologin Ann-Marie Waldvogel von der Universität zu Köln erklärt in der «NZZ am Sonntag»: «Bisher hinken wir dem Geschehen meist hinterher und dokumentieren das Schwinden von Arten. (…) In Zukunft könnten wir anhand der Genomdaten Vorhersagen darüber treffen, wie eine Art auf sich verändernde Umweltbedingungen reagieren wird und rechtzeitig gegensteuern.»


Digitales Nachschlagewerk der Natur

Arten müssen sich, um zu überleben, ständig an neue Umweltbedingungen anpassen können. Das gelingt ihnen jedoch nur, wenn ihre genetische Vielfalt genügend gross ist. Informationen darüber lassen sich aus den Erbgutdaten vieler Exemplare ablesen. Wie Waldvogel erklärt, funktionieren die Genomdaten als eine Art Frühwarnsystem, anhand dessen Zeit zur Einleitung von Massnahmen zum Schutz der Arten gewonnen werden kann. Wie der Molekularbiologe Manfred Schartl von der Universität Würzburg in der «NZZ am Sonntag» erklärt, ist das Genom die «umfassendste Information, die man von einem Organismus haben kann». Entsprechend wäre die Entschlüsselung der Genome aller 200'000 europäischen Arten ein «riesiges, digitales Nachschlagewerk der belebten Natur».


Erhaltung von Lebensräumen essenziell

Technisch sei dies machbar. Die Kosten für die Entschlüsselung von DNA sind aufgrund des technischen Fortschritts in den vergangenen Jahren massiv gesunken. Kostete die Entschlüsselung des ersten menschlichen Genoms vor 20 Jahren noch 100 Millionen Dollar, so sind es heute noch 10'000 Dollar. Weil die grosse Mehrheit der Genome viel kleiner istals beim Menschen, sind auch die Preise entsprechend niedriger. Gemäss Schartl kostet die Sequenzierung aller 200'000 Arten in Europa ungefähr 50 Millionen Euro. Bevor jedoch mit der Sequenzierung begonnen werden kann, braucht es das Ausgangsmaterial, also ein korrekt bestimmtes Exemplar von allen Arten. Der europäische Genomatlas bietet eine grosse Chance für die Erhaltung der Biodiversität. Wie Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung gegenüber der «NZZ am Sonntag» betont, kann dieser jedoch ein gutes Management und den Erhalt von existierenden Lebensräumen nicht ersetzen.


Biodiversität unter Druck
Die «NZZ am Sonntag» schreibt über den Zustand der Biodiversität: «Die Biodiversität, der Reichtum allen Lebens, erodiert in einem nie dagewesenen Tempo. In Europa hat sich die Zahl der Vögel seit 1980 halbiert, die Insektenzahlen befinden sich weltweit im Sinkflug, und die Entwaldung schreitet ungebremst fort. Die Ursachen des grossen Sterbens sind bekannt: 7,8 Milliarden Menschen brauchen Platz, Rohstoffe und Nahrung. Die Folge sind zerstörte Lebensräume, zu intensive Landnutzung, Überfischung, Umweltverschmutzung und die Klimakrise.»

Ähnliche Artikel

Warum KI in der Landwirtschaft noch nicht ihren Durchbruch hatte
Wissen

Warum KI in der Landwirtschaft noch nicht ihren Durchbruch hatte

Künstliche Intelligenz ist in vielen Bereichen auf dem Vormarsch. In der Landwirtschaft scheint die neue Technologie aber noch nicht wirklich angekommen zu sein. Schuld daran ist die Natur, welche KI einen Strich durch die Rechnung macht. Nichtsdestotrotz wären die Chancen, welche KI der Landwirtschaft zu bieten hätte, immens.

Ernährung: Gehört der grünen Genschere die Zukunft?
Wissen

Ernährung: Gehört der grünen Genschere die Zukunft?

Neue Pflanzensorten tragen zur Versorgungssicherheit bei. Die als «Genschere» bekannten neuen Züchtungsmethoden wie Crispr haben das Potenzial, die Landwirtschaft und die Ernährung zu revolutionieren.

Regionale Produkte sind gefragter denn je
Wissen

Regionale Produkte sind gefragter denn je

Die Nachfrage nach regionalen Produkten könnte kaum grösser sein. Das zeigt eine neue Studie der Hochschule für Wirtschaft in Zürich. Konsumenten schätzen regionale Produkte gar als deutlich nachhaltiger ein als Bio- oder Premiumprodukte. Um dem Trend gerecht zu werden, wird es deshalb umso wichtiger, moderne Züchtungstechniken und Pflanzenschutzmittel zu fördern.

Tomaten: Von der «Wasserbombe» zur aromatischen Frucht
Wissen

Tomaten: Von der «Wasserbombe» zur aromatischen Frucht

Die Vielfalt an kommerziell vertriebenen Tomatensorten ist heute so gross wie nie zuvor. Dies hat insbesondere mit der Züchtung neuer Sorten zu tun.

Weitere Beiträge aus Wissen