Kriege und politisches Kalkül befeuern Hungersnöte
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Kriege und politisches Kalkül befeuern Hungersnöte

Im 20. Jahrhundert sind schätzungsweise 70 Millionen Menschen infolge von Hungersnöten gestorben. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Fast immer waren Kriege oder autoritäre Herrschaften die Ursache für Hunger.

Dienstag, 5. April 2022

Der Krieg in der Ukraine bedroht die Ernährungssicherheit vieler Länder. Aufgrund der andauernden Kämpfe drohen in der Kornkammer Europas katastrophale Ernteausfälle. Die Aussaat im Frühjahr ist bedroht. Ebenso die Ernte des bereits im Herbst angesäten Winterweizens im Sommer. Länder wie Ägypten oder der Libanon importieren grosse Mengen ihres Weizens aus der Ukraine. Die drohenden Ernteausfälle sowie die damit verbundenen Preiserhöhungen könnten im schlimmsten Fall zu Hungersnöten in besagten Ländern führen. Wie «The Conversation» schreibt, sind autoritäre Herrscher, Kriege und Preiserhöhungen die Hauptursachen für viele Hungersnöte.


Diktatur und Krieg – ein toxischer Mix

Häufig sind es mehrere Faktoren, die im Zusammenspiel zu einer Hungersnot führen. In Europa war es im 20. Jahrhundert aber vor allem der Krieg, der die Hauptursache für Hunger darstellte. Doch auch die unmenschlichen politischen Programme von Diktaturen führten zu Millionen von Hungertoten. Eines der schlimmsten Beispiele im europäischen Kontext stellt die Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1931 bis 1933 dar.

Die stalinistische Zwangskollektivierung der Landwirtschaft führte zu einem drastischen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion. Gleichzeitig wurde Getreide in grossem Stil exportiert, um die geplante Industrialisierung zu finanzieren. Bauern, die sich der Zwangskollektivierung widersetzten, wurden deportiert oder ermordet. Schätzungsweise drei Millionen Menschen verhungerten in der Folge alleine in der Ukraine. Sechs bis acht Millionen Menschen verhungerten auf dem gesamten Gebiet der Sowjetunion.

Der Krieg führte auch in Deutschland während des Ersten Weltkriegs zu Hungersnöten. Weil ein Grossteil des Stickstoffs in die Produktion von Munition gesteckt wurde, kam es zu einer Verknappung von Düngemitteln. Die Rekrutierung junger Soldaten für den Krieg führte zudem dazu, dass auf dem Land zu wenige Arbeitskräfte für die Lebensmittelproduktion vorhanden waren. Importe waren damals kaum möglich. Zusammen mit der Spanischen Grippe endeten diese Entwicklungen in katastrophalen Zuständen. Rund 700'000 Menschen starben in Deutschland während des Ersten Weltkriegs an Hunger. Die allermeisten davon gehörten zu den ärmsten Schichten des Landes.


Ökonomische Dimension und eigene Versorgungssicherheit beachten

Die Ärmsten der Armen sind grundsätzlich als Erste von Hungerkatastrophen betroffen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen zeigte in seinen Arbeiten, dass Hunger auch eine grosse ökonomische Dimension hat. So kann es in einem Land auch zu Hungersnöten kommen, selbst wenn objektiv genügend Nahrung vorhanden ist. Einer der Gründe sind Preissteigerungen für Lebensmittel, die Arme am härtesten treffen. Sen sieht in Preissteigerungen für Nahrungsmittel einen der Hauptgründe für die Hungersnot in Bengalen im Jahr 1943, in deren Verlauf zwei bis vier Millionen Menschen starben.

Die Ursachen für Preissteigerungen liegen häufig in regionalen Missernten und der damit verbundenen Verknappung des Angebots auf dem Weltmarkt.

Die beste Lösung, um dem entgegenzuwirken, wäre eine Erhöhung der Produktion in anderen Teilen der Welt. So trugen beispielsweise Getreideeinfuhren aus den Vereinigten Staaten dazu bei, einen Teil des durch die Missernte von Kartoffeln in Irland in den 1840er-Jahren verursachten Mangel zu lindern (während gleichzeitig viele Menschen in die andere Richtung auswanderten). Zu den Ländern, die am stärksten von der Nahrungsmittelinflation betroffen sind, gehören Ägypten, Syrien und Afghanistan. Diese Länder müssen vorrangig unterstützt werden, damit sie ihre Produktion selbst steigern können. Langfristig bedeutet dies weniger Hilfsbedarf, weniger menschliches Leid und bessere Chancen für Landwirte in weniger entwickelten Volkswirtschaften, selbst von einer reichen Ernte zu profitieren. Pläne in Ägypten, neue Flächen in der Wüste zu erschliessen, dürften mit dem Krieg in der Ukraine forciert werden. Das Land bezieht 80 Prozent seines Weizens aus der Ukraine und aus Russland.


Aussaat braucht Vertrauen und Resilienz

Vereinzelte Ernteausfälle können durch Nahrungsmittelimporte kompensiert werden. Dies setzt jedoch voraus, dass anderswo Nahrungsmittel im Überfluss vorhanden sind und die Transportmöglichkeiten und die Infrastruktur intakt bleiben. Die Tatsache, dass die Ukraine normalerweise die Quelle für reichlich Nahrungsmittel ist, mit denen die Hungernden der Welt ernährt werden, macht diese Situation besonders schwierig. Letztlich scheinen jedoch Frieden und Demokratie die grössten Garanten für die Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln zu sein. Denn Unsicherheit ist Gift – gerade in der Landwirtschaft, wo es Monate der Feldarbeit braucht, bis die Ernten eingefahren werden können. So fragen sich auch viele Landwirte in der Ukraine, ob sich die Aussaat lohnt, wenn nicht sicher ist, ob geerntet und exportiert werden kann.

Das Risiko künftiger Hungersnöte hängt aber auch davon ab, wie sich die Welt an den Klimawandel anpasst. Die Autoren in «The Conversation» ziehen den Schluss: «Unser Erfolg bei der Bewältigung der ersten ernsthaften globalen Herausforderung für die Ernährungssicherheit im 21. Jahrhundert wird zeigen, wie gut wir für die Bewältigung mehrerer Katastrophen in der Zukunft gerüstet sind. Wir können uns nicht isoliert auf eine Krise vorbereiten. Wir müssen darüber nachdenken, wie Krisen zusammenwirken.»

Schlechtes Erntejahr 2021

Auch Wetterunbill führt zu Ernteausfällen. Das Jahr 2021 hinterlässt in der Schweiz in praktisch allen Kulturen Spuren in Form von Ernteverlusten und Totalausfällen. Besonders betroffen sind Weinbau und Obstbau, wo starke Hagelschläge einen Grossteil der Früchte zerstörten. Hinzu kam jedoch auch Staunässe auf den Feldern und der starke Druck von Pflanzenkrankheiten. Mehltau sowie Kraut- und Knollenfäule konnten sich aufgrund der feuchtnassen Bedingungen besonders gut ausbreiten. Um die Kartoffeln einigermassen vor der Kraut- und Knollenfäule zu schützen, waren Bauern auf wirksame Pflanzenschutzmittel angewiesen. Ohne diese Mittel wäre es wohl auch im Kartoffelbau zu Totalausfällen gekommen. Vor 150 Jahren zerstörte die Pilzkrankheit ganze Jahresernten und führte zu schrecklichen Hungersnöten, die in Irland eine Million Todesopfer (bei damals 8 Millionen Einwohnern) forderte und eine Massenemigration auslöste. Der nasse Sommer 2021 hätte in früheren Generationen – wo keine wirksamen Pflanzenschutzmittel vorhanden und Importe nicht möglich waren – wohl ebenfalls zu einer Hungersnot geführt. Dies just in dem Sommer, in dem zwei Volksinitiativen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbieten oder den Nichteinsatz und damit den Food Waste auf dem Acker finanziell belohnen wollten. Eine aktuelle Untersuchung von Agroscope bestätigt einmal mehr: Ein Totalverzicht auf Pflanzenschutzmittel würde Ernteausfälle von bis zu 47 Prozent mit sich bringen. Das hiesse: Mehr Importe, dort wo Importe möglich sind. Wo kein Ersatz beschafft werden kann, kommt Zweitklassware in die Regale oder sie bleiben leer. Für die Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet Verknappung auch höhere Preise.

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