Krimi um Herkunft von Glyphosat

Krimi um Herkunft von Glyphosat

Lange schien die Antwort klar: Die Landwirtschaft ist schuld. Doch neue Forschungsergebnisse stellen diese Annahme auf den Kopf. Eine Spurensuche führt vom Acker über Gartenzäune bis tief ins Abwassersystem und endet überraschend.

Donnerstag, 3. Juli 2025

Lange galt Glyphosat in Flüssen und Bächen als eindeutiges Indiz für die Anwendung des umstrittenen Herbizids in der Landwirtschaft. Die Bauern waren denn auch schnell als die Hauptschuldigen ausgemacht. Doch wie ein aktueller Artikel in der «NZZ am Sonntag» zeigt, ist die Realität weit komplexer, als es viele Bauernkritiker es gerne hätten. 2007 entdeckten Schweizer Forscher nämlich, dass das Herbizid nicht nur wie erwartet im Frühling und Herbst in Flüssen und Bächen nachgewiesen werden konnte, sondern auch im Sommer, wenn es in der Landwirtschaft gar nicht eingesetzt wird.

Diese Befunde machten stutzig: Woher kommt diese Konzentration in den Gewässern, wenn die Landwirtschaft offensichtlich nicht infrage kommt? Schnell rückten die «Hüüslibesitzer» in den Fokus. Könnte es sein, dass die Glyphosatrückstände von übereifrigen Hobbygärtnern kommen? So war nämlich auffällig, dass die Konzentration unterhalb von Kläranlagen grösser war als in den Flussabschnitten oberhalb. Die Forscher mutmassten, dass Privatpersonen wohl mit dem Herbizid grosszügig auf versiegelten Flächen hantiert hätten, von wo aus es bei Regen in die Kanalisation gelangt sei.


«
Ort müsste kahl sein»

Zur Kontrolle analysierte eine Forscherin in Deutschland den Ausfluss einer Kläranlage, in die lediglich Abwasser aus einer kleinen Siedlung floss. Die Ergebnisse waren eindeutig: So berechnete die Forscherin, dass die 500 Bewohner des Dorfes rund eine Tonne Glyphosat pro Jahr verbraucht haben müssten, um die im Abwasser festgestellten Konzentrationen des Herbizids zu erreichen. Die «NZZ» zitiert die Wissenschaftlerin wie folgt: «Der Ort müsste kahl sein, wenn diese Menge ausgebracht worden wäre.» Die Einfamilienhaus-Hobbygärtner waren also auch nicht die Schuldigen. Doch woher kommt nun die erhöhte Herbizidkonzentration?

Was gesichert feststand: Die erhöhte Konzentration hat etwas mit den Haushaltsabwässern und den Kläranlagen zu tun. Im Zentrum der neuen Hypothese steht ein Waschmittelzusatzstoff, DTPMP (Diethylentriaminpentamethylenphosphonsäure), ein Wasserenthärter, der in vielen Haushaltsprodukten enthalten ist. Kommt dieser Stoff im Abwasser mit Manganoxid in Sedimenten in Kontakt, entsteht daraus Glyphosat. Dies belegte die erwähnte Wissenschaftlerin in Laboranalysen. Damit war der Beweis erbracht, dass im Klärwerk aus dem Waschmittelzusatz DTPMP in Verbindung mit Manganoxid Glyphosat entsteht. Es ist bis heute aber nicht klar, wie das genau vonstattengeht.


Der Glyphosat-Reaktor unter unsern Füssen

Und vor allem bleibt bis heute unklar, weshalb es in den Abschnitten oberhalb von Kläranlagen ebenfalls aussersaisonal höhere Konzentrationen gibt. Die aktuelle Vermutung: Unter unseren Füssen, im Zehntausende Kilometer langen Netz der Abwasserkanäle, könnte eine Art «grosser Glyphosat-Reaktor» liegen. Genaueres weiss man aber nicht. Ein Indiz, dass das DTPMP dort in Glyphosat umgewandelt werden könnte, kommt aus den USA. Denn dort werden Phosphonate wie DTPMP nicht in Waschmitteln verwendet. Und so würde dort das Glyphosat in Gewässern auch in dem Mass auftreten, wie man es für Pflanzenschutzmittel erwarte: nach dem Einsatz in der Landwirtschaft.

Bei all dem gilt es zu bedenken, was auch das Bundesamt für Umwelt (BAFU) immer wieder festhält: Vom Glyphosat in den Gewässern geht keine Gefahr aus, da es deutlich unter den ökotoxikologisch relevanten Konzentrationen vorliegt. Die Bedenkenträger, welche diese etwas anders beurteilen, dürften an diesem Urteil wenig Freude haben. Doch auch für diese Kreise gibt es eine gute Nachricht. Denn laut dem Bafu sollen bis 2040 70 Prozent der Kläranlagen mit Anlagen zur Entfernung von Mikroverunreinigungen ausgestattet sein, die auch Glyphosat aus dem Abwasser eliminieren. Und so dürfte zumindest unterhalb der Anlagen kaum mehr Glyphosat in den Gewässern entstehen, welche durch uns alle – auch die Haushalte – verursacht werden.

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