Landwirtschaft zwischen Wissenschaft und Marketing

Landwirtschaft zwischen Wissenschaft und Marketing

Eco Spezial von ORF geht der Frage nach, wie Pflanzenzüchtung und Gentechnik funktionieren. Dabei wird Klartext gesprochen: Jede Züchtung ist ein Eingriff in die Gene. Ob Mais oder Karotten, seit der Mensch züchtet, verändert er die DNA seines Saatguts, um zu Pflanzen mit immer besseren Eigenschaften zu kommen. Und in als “gentechnikfrei” beworbenen Produkten steckt längst Gentechnik drin – auch in Bioprodukten.

Dienstag, 6. Februar 2024

Nirgendwo in Europa ist die negative Haltung zur Gentechnik grösser als in Österreich. Auch die Skepsis gegenüber der Wissenschaft ist in Österreich sehr ausgeprägt. Nur gerade 57 Prozent der Bevölkerung geben gemäss einer Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2021 an, dass die Wissenschaft positive Auswirkungen auf unser Leben hat. Entsprechend nimmt sich ORF den weit verbreiteten, aber falschen Erzählungen der Gentechnik-Gegnern an.


Eine unangenehme Wahrheit für alle, die Gentechnik ablehnen

Was die Konsumenten meist nicht wissen: Selbst in als “gentechnikfrei” beworbenen Produkten steckt seit Jahrzehnten Gentechnik. Und das auch in Bioprodukten. Denn Mutagenese durch Bestrahlung oder chemischer Mutation sind in der EU und der Schweiz «rechtlich erlaubte Gentechnik». In Österreich wird Mutagenese am internationalen Atomenergieinstitut betrieben. Pooja Mathur, Leiterin Pflanzenzucht IAEA Seibersdorf, sagt gegenüber ORF, dass um die 70 Prozent aller gegenwärtig angemeldeten Pflanzensorten durch Mutagenese gezüchtet wurden. Diese Technik wird schon seit 100 Jahren angewendet und gilt als sicher, weil noch nie jemand dadurch zu Schaden gekommen ist. Im Gegenteil: Die Mutagenese hat entscheidend zur Bekämpfung des Welthungers beigetragen.

Genom Editierung ist viel präziser

Die Zufallsmutagenese greift deutlich stärker ins Genom ein als die neuen Züchtungstechnologien. Genom Editierung ohne transgene DNA ist eine sanftere und präzisere Weiterentwicklung der klassischen Mutagenese. Es ist damit möglich, durch gezielte, geringfügige Veränderungen im Erbgut bereits bestehende Sorten robuster gegen Hitze, Pilze oder Schädlinge zu machen. Auch können mit neuen Züchtungstechnologien Gene aus dem gleichen Genpool (cisgen = innerhalb der Artgrenze) übertragen werden, viel effizienter als das mit herkömmlicher Züchtung möglich ist. Mehr dazu hier.

Natur oder Technik?

Seit der Mensch züchtet, verändert er die DNA seines Saatguts. «Keine unserer jetzigen Kulturpflanzen ist auch nur annähernd ähnlich zu den Wildpflanzen, welche die Natur vor dem Menschen zustande gebracht hat», sagt Ortrun Mittelsten-Scheid, Molekularbiologin, Österreichische Akademien der Wissenschaften, gegenüber ORF. Die Mutationen, die von neuen Züchtungstechnologien ausgelöst werden, sind dabei nicht unterscheidbar von einzelnen Mutationen, die zufällig in der Natur entstehen. Allein auf einem Hektar eines Weizenfelds entstehen durch natürliche Zufälle 20 Milliarden Mutationen pro Jahr. Das erläuterte auch Prof. Detlef Weigel im swiss-food-Talk im März 2022. Die Sicherheitsbedenken der Gegner sind unbegründet. Die neuen Züchtungstechnologien sind präziser als zufällige Mutationen. «Das wird jeder Genetiker, Wissenschafter oder Züchter Ihnen sagen», sagt Herrmann Bürstmayr, Leiter Institut für Pflanzenzüchtung BOKU gegenüber ORF. Dennoch profitieren Label wie «gentechnikfrei» in Österreich und Deutschland vom vermeintlich natürlichen Image der Nahrungsmittel. Und verdienten mit dem Natürlichkeits-Marketing viel Geld – das deutsche Label «Gentechfrei» erschien im Jahr 2022 auf Produkten mit einem Gesamtumsatz von 16 Milliarden Euro.


Neue Züchtungstechnologien demokratisieren die Züchtung

Bei Saatgut mit gentechnisch veränderten Merkmalen ist die Marktkonzentration deutlich höher als bei konventionell gezüchtetem. Denn dieser Markt wird wegen der hohen Regulierungskosten fast ausschliesslich von grossen multinationalen Unternehmen beherrscht, die sich die exorbitanten Zulassungskosten und Sicherheitsstudien für gentechnisch verändertes Saatgut in Europa leisten können. Gerade die neuen Züchtungstechnologien bergen nun jedoch die Chance, auch für kleinere Unternehmen zugänglich zu sein. Die politischen Entscheidungsträger sollten daher unnötige regulatorische Hindernisse für den Marktzugang vermeiden und eine effiziente Lizenzvergabe für geistiges Eigentum auch für kleine Züchtungsunternehmen erleichtern.

Fakten zur Patentierung

Was in der Natur einfach so vorkommt, ist nie patentierbar. Zudem können, im Gegensatz zur oftmals gehörten Behauptung, keine Pflanzenarten oder -Sorten patentiert werden, sondern nur menschgemachte technische Erfindungen. Bei Pflanzen sind das klar definierte neuartige genetische Eigenschaften, die mit technischen Mitteln («im Labor») erzeugt wurden und die gemessen am neuesten Stand der Technik erfinderisch und einzigartig sein müssen. Das Schweizer Patentrecht kennt zudem eine Züchterausnahme, wonach auch mit Material gezüchtet werden kann, das patentgeschütztes Material enthält. Für die Vermarktung einer neuen Sorte muss nur dann eine Lizenz erworben werden, falls das patentgeschützte Merkmal genutzt wird. Mehr dazu hier.

Pflanzen-Eigenschaften, die durch traditionelle Züchtung durch Kreuzung und Rekombination entstanden sind (sog. «im wesentlichen biologische Verfahren»), können nicht mehr patentiert werden. Auch können keine natürlichen Eigenschaften aus Wildpflanzen oder alten Sorten patentiert werden (sog. «natural traits»). Bei den jeweils durch NGOs erwähnten «Skandal»-Beispielen handelt es sich meist um vor 2017 eingereichte Patente, als die Rechtslage in Europa noch eine andere war.

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