«Natürlich ist gesund, Chemie ist Gift»
Alles, was in der Natur vorkommt, ist gesund und synthetisch hergestellte Stoffe, also «chemische» Substanzen, sind giftig. Dieser Mythos ist grundfalsch: In der Natur kommen viele hochgiftige Stoffe vor und gleichzeitig gibt es viele synthetisch hergestellte Substanzen, welche absolut ungefährlich sind.
Dienstag, 7. Juli 2026
Das Wichtigste in Kürze
- Die Möglichkeit, Wirkstoffe synthetisch herzustellen, wirkt sich auch positiv auf die Tierwelt und die Biodiversität aus.
- «Natürliche» Schwermetalle können bei falscher Anwendung sehr schädlich sein.
- Das Schimmelpilzgift Aflatoxin ist höchst krebserregend. Mit dem Einsatz von geeigneten Fungiziden kann dieser Gefahr jedoch vorgebeugt werden.
Gerade im Zusammenhang mit Pflanzenschutzmitteln ist die Meinung weit verbreitet, dass natürlich gut und chemisch schlecht sei. Doch eine derartige Schwarz-Weiss-Malerei ist sachlich falsch und unüberlegt.
Synthetische Herstellung naturidentischer Stoffe
Viele synthetisch hergestellte Pflanzenschutzmittel sind naturidentisch. Die Möglichkeit, Wirkstoffe synthetisch herzustellen, wirkt sich auch positiv auf die Tierwelt und die Biodiversität aus. Denn damit lässt sich verhindern, dass nützliche Stoffe direkt einem Tier entnommen werden müssen. Das gilt beispielsweise für die im Biolandbau wichtigen Pheromone. Das sind Lockstoffe, mit denen Schadinsekten angelockt werden. Auf «natürliche» Weise müsste man den Wirkstoff aus Millionen von Faltern extrahieren.
Die Anwendung ist entscheidend
Sogar potenziell gefährliche Pflanzenschutzmittel, ob synthetisch oder direkt aus der Natur stammend, sind bei fachgerechter Anwendung für Mensch, Tier und Umwelt sicher. Umgekehrt können aber auch natürlich vorkommende Mittel wie die in der Biolandwirtschaft beliebten Kupfermittel bei falscher Anwendung durchaus sehr schädlich sein. So reichert sich Kupfer im Boden an und wirkt auf Bodenorganismen wie Regenwürmer toxisch. Auch auf die Gesundheit des Menschen kann sich Kupfer negativ auswirken. Es kann sogar vorkommen, dass unbehandelte, «natürliche» Lebensmittel gefährlich sind. Dann nämlich, wenn sie Rückstände des Schimmelpilzgiftes Aflatoxin enthalten. Dieses gilt als höchst krebserregend. Mit dem Einsatz von geeigneten Fungiziden kann dieser Gefahr jedoch vorgebeugt werden. Ein anderes Beispiel sind giftige Unkräuter, die mit dem Haupterzeugnis mitgeerntet werden können. Der Einsatz von Herbiziden wie Glyphosat kann verhindern, dass Giftstoffe von unerwünschten Pflanzen die Ernte kontaminieren. Die Beispiele zeigen: Auch «natürlich» kann giftig sein.
Blindspot-Artikel
Letztlich ist alles Chemie
Chemie wird in der Regel mit der synthetischen Herstellung von Stoffen im Labor gleichgesetzt. Dabei ist auch der Mensch und vieles was er täglich macht Chemie, wie dieses kurze Video anschaulich zeigt. Synthese bezeichnet den Vorgang, bei dem aus Elementen eine Verbindung oder aus Verbindungen ein neuer Stoff hergestellt wird. Dies hat grundsätzlich überhaupt nichts mit Gift zu tun. Es lassen sich nämlich auch natürliche Stoffe synthetisch herstellen. Die synthetische Herstellung von Pflanzenschutzmitteln bietet viele Vorteile und kann auch die Umwelt entlasten. Mehr dazu erfahren Sie hier.
Die Natur als Labor: Das Beispiel der Pfeilgiftfrösche
Wie fliessend die Grenzen zwischen Natur, Chemie und synthetischen Wirkstoffen sind, zeigt das Beispiel der Pfeilgiftfrösche, wie die «Weltwoche» berichtet. Diese winzigen, farbenfrohen Amphibien leben in den tropischen Regenwäldern Süd- und Zentralamerikas und gehören zu den giftigsten Tieren der Welt. Spannend daran ist: Auch Pflanzen «synthetisieren» – also im Prinzip stellen sie im eigenen Labor – hochwirksame chemische Stoffe her. Dazu gehören sogenannte Alkaloide, organische Verbindungen wie Koffein oder Nikotin, mit denen sich Pflanzen vor Fressfeinden schützen. Inzwischen hat man 300 verschiedene Alkaloide als Giftstoffe identifiziert. Die Frösche nehmen die Gifte schliesslich über ihre Nahrung (Insekten) auf und nutzen sie als Abwehrcocktail auf ihrer Haut.
Die Biochemie und die Pharmaforschung interessieren sich schon lange für diese potenten Naturstoffe. Was in der Wildnis als passive Waffe dient, nutzt der Mensch als Inspiration für moderne Medikamente: Bestimmte Froschgifte wirken extrem stark schmerzstillend oder beeinflussen die Herztätigkeit positiv. So hat beispielsweise das Gift eines ecuadorianischen Pfeilgiftfroschs, eine 200-mal schmerzstillendere Wirkung als Morphin. Zudem schützen sich die Frösche mit ihren Hautgiften vor Pilzen und Bakterien. Die Medizin imitiert diese Abwehrkräfte der Natur heute im Labor, um beispielsweise wirksame Fusspilzsalben herzustellen.
Das zeigt einmal mehr: Chemie ist kein künstliches Gegenstück zur Natur, sondern alles ist Chemie.
Inspiration aus der Natur im Pflanzenschutz
Nicht nur in der Medizin, auch der Pflanzenschutz lässt sich von der Natur inspirieren.
Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Zylinderputzer-Pflanze:
Die Entdeckung: Im Jahr 1977 bemerkte ein Forscher in seinem Garten, dass unter dieser Pflanze überhaupt kein Unkraut wuchs.
Das Geheimnis: Im Labor fand man heraus, dass die Pflanze einen eigenen Abwehrstoff produziert (Leptospermon). Dieser Stoff sorgt dafür, dass konkurrierende Unkräuter im Sonnenlicht ausbleichen und eingehen.
Die Erfindung: Das Unternehmen Syngenta nutzte diesen natürlichen Stoff als exakte Vorlage. Einige Jahre später synthetisierten Forscherinnen und Forscher von Syngenta den strukturverwandten Wirkstoff Mesotrion. Er war 50-100 Mal wirksamer als Leptospermon und sicher in der Anwendung. Inspiriert durch die Pflanze Callistemon Citrinus wurde 2001 das Pflanzenschutzmittel unter dem Namen CALLISTO® im amerikanischen und europäischen Markt eingeführt und seither stetig weiterverbessert.
Auch andere Unternehmen nutzen diesen Ansatz: Bayer hat mit «FLiPPER» ein biologisches Insektizid gegen Schädlinge entwickelt, das auf ganz natürlichen Fettsäuren basiert. Es bekämpft gezielt Schadinsekten, ist aber absolut sicher für Nützlinge wie beispielsweise Bienen.
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