Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard: «Gentechnik bietet grosse Chancen für den Naturschutz»
Medien

Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard: «Gentechnik bietet grosse Chancen für den Naturschutz»

Gentechnisch veränderte Pflanzen werden in Europa nicht angebaut. Christiane Nüsslein-Volhard kritisiert das als wissenschaftsfeindlich und ideologiegetrieben.

Montag, 31. Oktober 2022

Dieser Beitrag erschien als Erstveröffentlichung im «Tagesspiegel» vom 27. Oktober 2022 unter dem Titel Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard: «Gentechnik bietet grosse Chancen für den Naturschutz»

Für ihre Entdeckung, wie Gene die Entwicklung von Menschen und Tieren steuern, erhielt Christiane Nüsslein-VolIhard 1995 den Nobelpreis für Medizin. Im Interview erklärt sie, warum sie grüne Gentechnik für ungefährlich hält – und gibt nebenbei Einblicke in ihre Leidenschaft fürs Gärtnern.


Bei Ihrer Forschung geht es um Tiere, doch seit vielen Jahren sprechen Sie sich immer wieder für den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft aus. Warum beschäftigt Sie das Thema?
Ich bin Genetikerin, ausserdem kenne ich mich mit Pflanzen ganz gut aus – ich habe als Kind oft Ferien auf dem Land verbracht und habe heute einen grossen Garten. Die Gentechnik bietet grosse Chancen für den Naturschutz. Was mir besonders am Herzen liegt: Man könnte damit etwas gegen das Insektensterben tun, das mir grosse Sorgen bereitet. Indem man Nutzpflanzen erzeugt, die resistent gegen Schädlinge sind – und so weniger Pestizide einsetzen muss. Oder aber man erzeugt Sorten, die auch unter Dürre noch gedeihen, oder die weniger Dünger brauchen. Es gibt viele Möglichkeiten.


Vor 24 Jahren haben Sie erstmals einen offenen Brief zu dem Thema verfasst. Was hat sich seither geändert?
Die mit Ideologie beladenen Vorbehalte sind seit dieser Zeit eher noch schlimmer geworden. Zugleich hat es durch die Genom-Editierung einen riesigen Fortschritt gegeben, das war auch für meine Arbeitsgruppe eine Revolution, bei unserer Erforschung von Fischen. Die Technik ist nicht nur schneller, präziser und sicherer, man kann ganz neuartige Dinge tun.


Was zum Beispiel?
Wir haben so viel gelernt über das sehr komplexe Immunsystem der Pflanzen, das die Pflanzen widerstandsfähig gegen Insektenfrass, oder Pathogene wie Viren, Bakterien, Pilze, macht. Mit Genom-Editierung kann man an mehreren Stellen zugleich subtile Änderungen im Genom vornehmen. Viele erwünschte Eigenschaften beruhen ja nicht auf einem einzelnen Gen, sondern auf dem Zusammenspiel von mehreren. Man kann auch alte gute, aber empfindliche Sorten widerstandsfähiger machen und vieles mehr.


Können Sie nachvollziehen, dass gentechnisch veränderte Pflanzen auch Ängste bei den Menschen auslösen?
Nur mit Mühe. Das sind pauschale Ängste vor allem Neuen, die auf die Atombombe zurückgehen – auf jenen Augenblick, als Forscher ihre Unschuld verloren. Seither gibt es ein Misstrauen gegenüber Wissenschaft. Aber welche Risiken sollen denn von den Pflanzen ausgehen? Das wird in vielen Diskussionen gar nicht genau gesagt. Es gab Schlagzeilen, dass gentechnisch veränderter Mais bei Ratten Tumore verursacht hätte, aber die Studie war Schrott und wurde später auch zurückgezogen.


Es gibt die Sorge, dass sich gentechnisch veränderte Pflanzen unwiederbringlich in der Umwelt ausbreiten könnten.
Seit 25 Jahren werden gentechnisch veränderte Pflanzen in vielen Ländern auf riesigen Feldern angebaut, und es ist bisher keinerlei Schaden für Mensch, Natur, Umwelt nachgewiesen worden. Es gab einmal die Behauptung, gentechnisch veränderter Mais habe sich in wilde Arten ausgekreuzt, aber das war eine Fälschung.


Aber das ist kein Beweis, dass es in der Zukunft nicht doch geschehen könnte.
Ist das kein Beweis, wenn man in unzähligen Studien nichts findet? Gezüchtete Nutzpflanzen können sich prinzipiell nicht ausbreiten wie Wildpflanzen. Sie sind nicht konkurrenzfähig, haben ihre Stacheln, Haare oder Schalen verloren. Auch die Gift- und Bitterstoffe hat man weggezüchtet, die die Wildpflanzen vor Frassfeinden schützen. In der Natur sind Nutzpflanzen gegenüber ihren wilden Vorfahren völlig im Nachteil.


Sie könnten sich mit wilden Verwandten kreuzen.
Dann hätten die Nachkommen jener Kreuzungen keine Chance. Und selbst, falls es doch passieren würde – es gibt bei uns so viele neue, eingewanderte Pflanzen, auch das wäre keine Tragödie.


Sie erhoffen sich von der grünen Gentechnik Pflanzen, die mit weniger Pestiziden auskommen. Aber die erfolgreichsten gentechnisch veränderten Pflanzen sind die, die gegen Glyphosat resistent sind. Dieses Unkrautvernichtungsmittel wird in riesigen Mengen ausgebracht.
Glyphosat ist ein hervorragendes Mittel der Unkrautvernichtung, auch wenn man das ja kaum noch sagen darf. Es ist einfach unbegründet, dass die Leute davor solche Angst haben. Die Bauern müssen Unkraut entfernen, bevor sie die Saat ausbringen. Wer pflügt und eggt, bringt Pflanzen um, und mischt noch dazu den Boden auf. Ich selbst benütze Glyphosat in meinem Garten und betupfe damit einzelne Wurzelunkräuter – wenn sich zum Beispiel die Seggen so sehr ausbreiten, dass alles andere sonst untergehen würde. Umgraben würde auch viele erwünschte Pflanzen umbringen.


Wie sieht es denn in Ihrem Garten aus?
Bei mir wachsen viele Wildkräuter, meist keine gezüchteten Sorten. Aber manchmal spritze ich dennoch Insektizide; gegen manchen Befall von Blattläusen und Käfern ist man einfach machtlos. Ich habe hauptsächlich schneckenresistente Stauden, benütze aber gelegentlich auch Schneckenkorn.


Sie haben keine Bedenken, dass Glyphosat Ihnen schadet?
Glyphosat ist der Hemmstoff eines Enzyms, das nur in Pflanzen vorkommt. Pflanzen brauchen es, um eine bestimmte Aminosäure herzustellen. Für uns ist Glyphosat kein Gift im eigentlichen Sinne. Nur die Pflanze, deren Blätter damit in Berührung kommt, verkümmert. Es schadet Insekten und Wirbeltieren nicht und ist biologisch abbaubar, nach 24 Stunden ist es wieder weg.


Glyphosat und andere Herbizide werden auch für das Insektensterben verantwortlich gemacht – weil es den Insekten in den Monokulturen an Futterpflanzen mangelt, wenn in der Landwirtschaft so rigoros alle Unkräuter vernichtet werden.
Das hat aber hat nichts mit Gentechnik zu tun. Alles, was Leuten an moderner Landwirtschaft nicht gefällt, wird gerne der Gentechnik angekreidet. Sogar in Deutschland, obwohl es hier keine Gentechnik im Landbau gibt. Aber für wirtschaftlichen Anbau brauchen wir Monokulturen und Pflanzenschutzmittel, anders kann man die Menschheit nicht ernähren.


Viele Hobbygärtner kommen ohne Glyphosat und Schneckenkorn aus, auch im Biolandbau gelingt das. Kann man davon nicht lernen?
Ja, natürlich gibt es einige sehr sinnvolle Verfahren, aber das ist alles sehr mühsam und gelingt nicht sicher.


Kaufen Sie Biolebensmittel?
Nicht oft. Die sind nicht gesünder, aber viel teurer. Die Leute, die Biolebensmittel kaufen, haben das Gefühl, sie tun etwas Gutes für sich, aber auch fürs Land. Aber das stimmt gar nicht, denn der Biolandbau bringt weniger Ertrag, braucht also im Verhältnis mehr Kulturland. Eigentlich wäre es besser, auf kleiner Fläche effizient zu wirtschaften und dafür andere, nicht so lukrative Gegenden der Natur zurückzugeben.


Bei der neuen Methode der Gen-Editierung unterscheiden sich die neuen Sorten im Prinzip nicht von denen, die durch zufällige Mutationen entstehen könnten. Sollte man also auch ihre Zulassung erleichtern, wie das manche fordern?
Genomeditierte Pflanzensorten sollten vom Anwendungsbereich des Gentechnikrechts ausgenommen werden. Das würde auch Freilandversuche ermöglichen, die notwendig sind, eine neue Sorte zu testen. Denn sonst werden die sofort von radikalen Gegnern zerstört. Auf lange Sicht sollte das europäische Gentechnikrecht von 2001 gründlich überarbeitet werden, um die inzwischen gesammelten positiven Erfahrungen der «klassischen» Gentechnik zu berücksichtigen.

Ähnliche Artikel

Philippinen: Bauern ernten ersten Golden Rice
Medien

Philippinen: Bauern ernten ersten Golden Rice

Auf den Philippinen ist kürzlich der weltweit erste Goldene Reis geerntet worden. Der Reis ist mit einem Beta-Carotin-Gen angereichert, welches vom menschlichen Körper in Vitamin A umgewandelt werden kann. Er soll dem weitverbreiteten Vitamin A-Mangel in Entwicklungsländern ein Ende setzen. Doch die Widerstände gegen den Anbau sind nach wie vor enorm.

Versorgungssicherheit gewinnt an Bedeutung
Medien

Versorgungssicherheit gewinnt an Bedeutung

Schweizerinnen und Schweizer sind mit der inländischen Landwirtschaft zufrieden. An Bedeutung gewonnen hat jedoch die Versorgungssicherheit. Das zeigt eine repräsentative Umfrage, welche das Bundesamt für Landwirtschaft zusammen mit dem Agrarbericht 2022 veröffentlicht hat.

Pflanzenzüchtung: Klimawandel erfordert schnelles Handeln
Medien

Pflanzenzüchtung: Klimawandel erfordert schnelles Handeln

Die Auswirkungen des Klimawandels spüren Schweizer Landwirte bereits heute. In der Vergangenheit waren Neuzüchtungen ein Garant für stabile Ernteerträge. Doch mit der Geschwindigkeit des Klimawandels kann die klassische Züchtung nicht mithalten. Es braucht neue Züchtungsmethoden wie die Genom-Editierung.

40 Prozent Ernteausfall: Geht den Räbeliechtli bald das Licht aus?
Medien

40 Prozent Ernteausfall: Geht den Räbeliechtli bald das Licht aus?

Im November finden wieder die traditionellen Räbeliechtli-Umzüge statt. Doch die Produktion der Räben wird für die Bauern gemäss «Aargauer Zeitung» immer schwieriger. Weil wichtige Pflanzenschutzmittel vom Markt genommen werden, können die Räben immer schlechter vor Schädlingen und Krankheiten geschützt werden.

Weitere Beiträge aus Medien