Ohne Pestizide ein Hungerjahr
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Ohne Pestizide ein Hungerjahr

Just in dem Jahr, in dem über das Verbot von Pestiziden in der Schweiz abgestimmt wurde, sah sich die hiesige Landwirtschaft mit äusserst schwierigen Witterungsbedingungen konfrontiert. Der Fall ist klar: Ohne Pflanzenschutz geht es nicht.

Überraschend ist die Erkenntnis eigentlich nicht. Und doch dürfte so mancher Leser des Artikels im Tagesanzeiger Sorgenfalten bekommen haben. Die Aussagen liessen schliesslich aufhorchen: «Früher hätte es in solchen Jahren eine Hungernot gegeben.» Diese Einschätzung stammt von Bio-Landwirt Urs Dünner. Der Bauer auf dem Kanton Thurgau wird in diesem Jahr nur die Hälfte seiner üblichen Kartoffelernte einfahren. Die Kraut- und Knollenfäule hat wegen des nasskalten Wetters auf seinen Feldern richtiggehend gewütet. Die Kupfer- und Steinmehlpräparate, welche der Biobauer dagegen als Bio-Pestizide einsetzen durfte, halfen bei diesen Bedingungen wenig. Etwas besser sieht es derweil bei Daniel Peter aus. Der konventionell arbeitende Landwirt verlor rund ein Drittel seiner Kartoffelernte. Ohne Pflanzenschutzmittel hätte auch er rund die Hälfte seiner Kartoffeln abschreiben müssen.


Viele Kulturen unter Druck

So wie Dünner und Peter ging es 2021 den meisten Bauern in der Schweiz. Zwar fehlen noch die finalen Zahlen. Doch die bis jetzt erhaltenen Rückmeldungen würden darauf hinweisen, dass vielerorts massiv tiefere Kartoffel-Erträge eingefahren werden konnten als in anderen Jahren. Im Biolandbau würden sich die Unterscheide noch deutlicher zeigen, sagt Niklaus Ramseyer, Geschäftsführer der Vereinigung Schweizerischer Kartoffelproduzenten im besagten Artikel. Ohne einen erhöhten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sähe es in der Schweiz also noch viel düsterer aus. Dies zeige sich auch beim Obstbau. Ohne Pflanzenschutzmitteln wäre bei den Kirschen und Zwetschgen durch Fäulnis und Schädlinge ein Totalausfall entstanden, schätzt Beatrice Rüttimann vom Branchenverband Swissfruit.

In vielen Teilen der Schweiz wurde zudem der Rebbau vom Wetter arg mitgenommen. In der Stadt Zürich war es wegen des Hagelsturms vom 13. Juni besonders bitter. Doch auch ohne diesen wäre es ein schwieriges Jahr geworden. So hatte das Jahr schon schlecht begonnen, und auf den Frost im Frühjahr folgte dann ein nasser Sommer. Das Regenwasser spülte den aufgesprühten Pflanzenschutz sofort wieder von den Blättern, weshalb der Mehltau – ein Pilz, der die Blätter und Früchte der Reben vertrocknen lässt – leichtes Spiel hatte, schreibt der Tagesanzeiger in einem weiteren Artikel.


Pestizidinitiativen sind reinste Utopie

Gerade erst im vergangenen Juni hat die Schweiz über die beiden Agrarinitiativen abgestimmt, welche Pestizide verbieten respektive stark einschränken wollten. Das aktuelle Jahr zeigt eindrücklich, wie utopisch diese Initiativen waren. Ohne Pflanzenschutz geht es nicht. Aber natürlich belasten Jahre wie dieses die Böden durch vermehrte Durchfahrten zusätzlich, da zum Schutz der Kulturen mehr gespritzt werden muss als üblich. 2021 macht besonders deutlich, wie wichtig die Züchtung resistenterer Sorten ist. Dies sehen auch die beiden Bauern Dünner und Peter so. Nicht zuletzt aus Kostengründen würden solche Sorten Sinn machen. Bio-Bauer Dünner warnt jedoch: «Es darf nicht sein, dass Pestizide vom Markt genommen werden, bevor neue Sorten den Praxistest wirklich bestanden haben.» Die Entwicklung neuer Sorten nimmt zuweilen Jahre bis Jahrzehnte in Anspruch. In der Schweiz kommt erschwerend hinzu, dass neuen Züchtungsmethoden wie die Genom-Editierung bis auf weiteres im Rahmen des Gentech-Moratoriums verboten werden sollen. Damit beraubt man sich auch einer Möglichkeit, schnell und präzise resistentere Sorten zu züchten als mit den gängigen Züchtungsmethoden. Dabei wäre es gerade auch mit Blick auf die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen in der Landwirtschat angezeigt, sämtliche Möglichkeiten offenzuhalten – für eine ertragsstarke und möglichst nachhaltige Landwirtschaft.

Schlechtes Erntejahr 2021

Das Jahr 2021 hinterlässt in praktisch allen Kulturen Spuren in Form von Ernteverlusten und Totalausfällen. Besonders betroffen sind Weinbau und Obstbau, wo starke Hagelschläge einen Grossteil der Früchte zerstörten. Hinzu kam jedoch auch Staunässe auf den Feldern und der starke Druck von Pflanzenkrankheiten. Mehltau sowie Kraut- und Knollenfäule konnten sich aufgrund der feuchtnassen Bedingungen besonders gut ausbreiten. Um die Kartoffeln einigermassen vor der Kraut- und Knollenfäule zu schützen, waren Bauern auf wirksame Pflanzenschutzmittel angewiesen. Ohne diese Mittel wäre es wohl auch im Kartoffelbau zu Totalausfällen gekommen. Vor 150 Jahren zerstörte die Pilzkrankheit ganze Jahresernten und führte zu schrecklichen Hungersnöten, die in Irland eine Million Todesopfer (bei damals 8 Millionen Einwohnern) forderte und eine Massenemigration auslöste. Der nasse Sommer 2021 hätte in früheren Generationen – wo keine wirksamen Pflanzenschutzmittel vorhanden und Importe nicht möglich waren – wohl ebenfalls zu einer Hungersnot geführt. Dies just in dem Sommer, in dem zwei Volksinitiativen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbieten oder den Nicht-Einsatz und damit den Food Waste auf dem Acker finanziell belohnen wollten. Eine aktuelle Untersuchung von Agroscope bestätigt einmal mehr: Ein Totalverzicht auf Pflanzenschutzmittel würde Ernteausfälle von bis zu 47 Prozent mit sich bringen. Das hiesse: Mehr Importe, dort wo Importe möglich sind. Wo kein Ersatz beschafft werden kann, kommt Zweitklass-Ware in die Regale oder sie bleiben leer. Für die Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet Verknappung auch höhere Preise.

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