Pestizide im Wasser: Die Quellen sind vielfältig und liegen näher, als wir denken
Eine neue nationale Studie zeigt: Die Belastung Schweizer Flüsse und Bäche mit Pestiziden hat komplexere Ursachen als bisher angenommen. Zwar stammen Substanzen weiterhin aus der Landwirtschaft, doch ein beträchtlicher Teil gelangt über andere Wege in die Gewässer.
Montag, 27. Oktober 2025
Im Rahmen der «Nationalen Beobachtung Oberflächengewässerqualität» («NAWA spez 2023») untersuchte die Wasserforschungsanstalt Eawag gemeinsam mit Partnerinstitutionen systematisch die Eintragspfade von Pestiziden. Das Ergebnis, das Anfang Oktober 2025 publiziert wurde, ist überraschend: Nur ein Teil der Belastung lässt sich auf den diffusen Eintrag aus dem Pflanzenbau zurückführen.
Viele Stoffe, insbesondere Insektizide, stammen aus Quellen, die näher im Alltag der Bevölkerung liegen. Wirkstoffe wie Imidacloprid oder Fipronil, die als Pflanzenschutzmittel längst verboten sind, gelangen weiterhin über Abwasserreinigungsanlagen in die Bäche. Sie stammen beispielsweise aus Floh- und Zeckenschutzmitteln für Haustiere, aus Reinigungs- und Desinfektionsmitteln oder aus Holzschutzprodukten. Rückstände können an Tierhaaren, Händen oder Textilien haften und beim Waschen über die ARA ins Gewässer gelangen. Damit verschiebt sich der Blickwinkel – vom Acker in die Waschküche. Waschküche? Das hatten wir doch bereits....? Genau – Glyphosat! Wie eine Untersuchung zeigte, bildet sich Glyphosat auch als Abbauprodukt gewisser Waschmittel. Auch hier ist also einseitiges Zeigen auf Pflanzenschutzmittel nicht angebracht.
Die neue NAWA-Analyse macht deutlich, dass der Alltag jedes Einzelnen eine Rolle spielt. Wer Haustiere mit bestimmten Insektenschutzmitteln behandelt, trägt ungewollt zur Belastung der Gewässer bei. Ebenso können Reinigungsprodukte, Biozid-Sprays oder imprägnierte Materialien zur chemischen Gesamtfracht beitragen. Damit rückt ein Teil des Problems buchstäblich in unsere eigenen vier Wände.
Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sind Pestizide Substanzen oder Stoffmischungen aus chemischen oder biologischen Inhaltsstoffen, die zur Abwehr und Bekämpfung von Schädlingen, Krankheiten und Unkräutern sowie als Pflanzenwachstumsregulatoren eingesetzt werden.
Pestizide lassen sich dabei in Biozide und Pflanzenschutzmittel unterteilen. Erstere sind Produkte zum Schutz der Produkte des Menschen oder der Gesundheit von Menschen und Tieren vor Schädlingen und Krankheitserregern. Pflanzenschutzmittel sind demgegenüber Produkte zum Schutz von Pflanzen.
Ökotoxikologisch betrachtet sind Insektizide nach wie vor die grössten Risikotreiber für Wasserlebewesen. Im Rahmen der Studie wurden die Grenzwerte insbesondere für Cypermethrin, Imidacloprid, Metazachlor, Metribuzin, Nicosulfuron und Thiacloprid überschritten. Viele dieser Stoffe sind als Pflanzenschutzmittel inzwischen verboten, bleiben aber als Biozide oder Tierarzneimittel im Umlauf. Selbst nach regulatorischen Eingriffen können diese Wirkstoffe also weiter in der Umwelt zirkulieren.
Geweiterter Fokus ist zielführend
Die Eintragspfade unterscheiden sich deutlich je nach Substanz. Diffuser Eintrag ist typisch für aktuelle Pflanzenschutzmittel wie Aclonifen, die über Regenwasser von Feldern abgeschwemmt werden. Eintrag über Abwasserreinigungsanlagen ist charakteristisch für Stoffe aus nicht-landwirtschaftlichen Anwendungen, etwa Imidacloprid oder Fipronil. Bei vielen anderen Substanzen treten beide Pfade parallel auf, je nach Standort und Nutzung. Die Verantwortung ist damit breit verteilt. Nicht nur Bauernhöfe, sondern auch Haushalte, Tierärzte, Handwerksbetriebe und Verbraucher tragen zur chemischen Belastung der Gewässer bei.
Die Studie führt vor Augen: Pestizidbelastung ist kein rein landwirtschaftliches Problem. Die Eintragspfade sind vielfältig, manche führen direkt aus unseren Badezimmern und Waschküchen in die Bäche. Der Schutz unserer Gewässer beginnt somit nicht nur auf dem Feld, sondern bei uns zu Hause.
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