Schleichende Bedrohung der Lebensmittelsicherheit
Immer wieder warnt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) vor Giftstoffen in Lebensmitteln, die natürlicherweise in Schimmelpilzen vorkommen. So zum Beispiel vor dem sogenannten Ochratoxin A, welches krebserregend und genotoxisch ist. Vom Konsum der betroffenen Produkte wurde abgeraten und zur Vernichtung der gekauften Packungen aufgerufen. Besonders gefährlich sind krebserregende Mykotoxine.
Publiziert: 06.07.2020, 08:34 Uhr | Aktualisiert: 25.09.2026, 13:26 Uhr
Das Wichtigste in Kürze:
- Sichere und gesunde Lebensmittel sind auch in der Schweiz keine Selbstverständlichkeit.
- Immer wieder kommt es zu Verunreinigungen mit Listerien oder Noroviren.
- Besonders gefährlich sind sogenannte Mykotoxine. Das sind Schimmelpilze, die krebserregend sind.
- Mykotoxine sind für das blosse Auge nicht erkennbar und lassen sich auch durch Kochen oder Backen nicht zuverlässig unschädlich machen.
Die Nachricht muss für viele Eltern, die mit dem Kauf von Bioprodukten nur das Beste für ihre Kinder wollten, ein grosser Schock gewesen sein. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat vor Enterobakterien in Bimbosan Getreidekost «Bio-Hosana» gewarnt. Der Biobrei kann die Gesundheit der Kinder gefährden. Das Problem für die Konsumentinnen und Konsumenten ist, dass sie den Herstellern blind vertrauen müssen. Die Verunreinigungen sind für nicht von blossem Auge erkennbar. Bio-Bimbosan ist jedoch kein Einzelfall. Immer wieder kommt es zu Verunreinigungen durch Lebensmittel. Und das BLV warnt dann vor Listerien im Käse oder Noroviren in Muscheln. Die Lebensmittelsicherheit ist in Gefahr. Besonders gefährlich sind Mykotoxine. Das sind Pilzgifte, die zum Beispiel Getreide oder Nüsse befallen.
Wie das «St. Galler Tagblatt» schreibt, ist das Wissen über die Gefahren von Schimmel in der Bevölkerung teilweise lückenhaft. In einer kürzlich erschienenen deutschen Onlinebefragung mit 1000 Teilnehmenden gaben gut 30 Prozent an, bei verschimmeltem Obst oder Gemüse lediglich die betroffene Stelle wegzuschneiden und den Rest zu essen. Mehr als ein Viertel glaubte zudem, Schimmelpilzgifte liessen sich durch starkes Erhitzen wie Kochen oder Backen unschädlich machen. Doch genau das ist bei Mykotoxinen nicht der Fall: Die Giftstoffe sind sehr hitzestabil und können durch die in der Küche üblichen Temperaturen nicht zuverlässig zerstört werden.
Schimmelpilze verursachen viele Leberkrebstote
Eines der gefährlichsten Pilzgifte ist Aflatoxin. Es kommt in Schimmelpilzen vor. Laut dem Consumer Choice Center gehen in Europa allein jedes Jahr Zentausende von Leberkrebstoten auf die Vergiftung mit Mykotoxinen zurück. In Entwicklungsländern ist das Problem noch viel grösser. Experten gehen davon aus, dass die Folgen durch die Vergiftung mit Aflatoxinen tödlicher ist als Malaria und Tuberkulose. Rund 40 Prozent der Leberkrebstoten in Afrika stünden in Zusammenhang mit der Einnahme von Aflatoxinen.
Auch Shana Sturla, Professorin an der ETH Zürich, weist gegenüber dem «St. Galler Tagblatt» auf die gesundheitlichen Risiken hin. Nicht der Schimmel selbst sei in der Regel das Hauptproblem, sondern die von bestimmten Schimmelpilzen gebildeten Mykotoxine. Diese seien für das blosse Auge nicht erkennbar. Bei hoher Belastung können sie schwere akute gesundheitliche Folgen haben. Besonders relevant ist jedoch auch die langfristige Aufnahme: Laut Sturla können bei wiederholtem Konsum selbst Mengen, die keine akuten Auswirkungen verursachen, langfristig zu Funktionsschäden an bestimmten Geweben oder zu Krebs führen.
Für Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz sei das Risiko aufgrund der umfangreichen Lebensmittelkontrollen in der Praxis allerdings eher gering, betont Sturla. Für bestimmte Mykotoxine gelten zudem gesetzlich festgelegte Höchstgehalte.
Grosse Verbreitung von Pilzgiften
Gefährliche Schimmelpilze können sich sowohl vor als auch nach der Ernte ausbreiten, wenn auf adäquaten Pflanzenschutz mit Fungiziden verzichtet wird. So mussten in Kenia laut Consumer Choice Center vier Millionen Maissäcke vernichtet werden, weil eine Verunreinigung mit Mykotoxinen festgestellt wurde. Oft bleiben die Kontaminationen jedoch unbemerkt und landen mit verheerender Wirkung in der Nahrungskette. Gefährdet sind auch Milchprodukte, wenn Futtermittel verunreinigt sind. Die Verbreitung der Schimmelpilze wird durch feuchtwarmes Klima, Schäden durch Insekten und nicht fachgerechte Lagerung gefördert. Die Pilzgifte werden in ganz unterschiedlichen Produkten gefunden. Das Spektrum reicht von Weizen über Pistazien, Haselnüssen, Gewürzmischungen bis zu Wassermelonen. Der Einsatz von Fungiziden kann die Verbreitung der Schimmelpilze verhindern. Sie können das Wachstum der Pilze sowohl auf dem Feld als auch in der Lagerhalle stoppen und die Vergiftungsgefahr abwenden. Auf der Grundlage neuerer wissenschaftlicher Studien ist gemäss dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen zukünftig mit höheren Mykotoxingehalten in Lebensmitteln, aber auch mit dem Aufkommen neuer Mykotoxine oder neuer Kombinationen von Mykotoxinen/Lebensmitteln zu rechnen. Veränderte landwirtschaftliche Methoden können auch einen Einfluss auf das Vorkommen von Mykotoxinen in Lebensmitteln haben.
Gerade Gewürze können ebenfalls mit Mykotoxinen belastet sein. Viele von ihnen stammen laut BLV aus warmen und feuchten Regionen, in denen Schimmelpilze gute Wachstumsbedingungen vorfinden. Eine ungenügende Trocknung nach der Ernte, ungünstige Lagerbedingungen oder lange Lagerzeiten können eine Belastung zusätzlich begünstigen.
Fungizide bekämpfen Mykotoxine wirksam
Aus Sicht der Lebensmittelsicherheit und der Gesundheit von Konsumentinnen und Konsumenten ist es unverantwortlich, auf Fungizide zu verzichten, solange nicht alternative Technologien wie Gen-Editierung zur Verfügung stehen. Mit Gen-Editierung können die Abwehrmechanismen von Pflanzen gegen Schimmelpilzbefall gestärkt werden. Wer jedoch auf den Einsatz von Fungiziden ohne Alternative verzichtet, gefährdet Menschenleben. Doch die schleichende Bedrohung der Lebensmittelsicherheit und der Gesundheit durch Mykotoxine wird noch viel zu wenig wahrgenommen. Oft stehen Pestizide in der Kritik, doch in der Realität kann der Verzicht auf Fungizide tödlich sein.
Dass Mykotoxine nicht einfach durch die spätere Verarbeitung verschwinden, unterstreicht die Bedeutung der Prävention bereits auf dem Feld und während der Lagerung. Sind Lebensmittel einmal mit den hitzestabilen Giftstoffen belastet, lassen sich diese durch Kochen, Braten oder Backen nicht einfach beseitigen. Auch Trocknen oder Einfrieren macht sie nicht unschädlich.
Gut zu wissen
Verunreinigte Lebensmittel sind eine grosse Gefahr. Jedes Jahr leiden weltweit rund 600 Millionen Menschen an Krankheiten, die durch Lebensmittel übertragen werden. Schätzungsweise drei Millionen Menschen sterben an Erkrankungen durch verunreinigtes oder verdorbenes Essen oder Wasser. Diese schrecklichen Opferzahlen betreffen jeden Teil der Welt. In manchen Regionen wurden zwar seit den 1980er-Jahren grosse Fortschritte gemacht, aber das Problem ist noch immer weit verbreitet und dringend.
Gefahren bei der Lebensmittelsicherheit können überall auf dem Weg vom Feld bis zu unserem Teller auftreten. Viele dieser Gefahren entstehen bei der Zubereitung von Lebensmitteln. Jeder Koch muss alle verfügbaren Vorkehrungen treffen, um seine Küche sauber und sicher zu halten. Weniger bekannt sind Massnahmen, die in früheren Phasen des Prozesses die Lebensmittelsicherheit gewährleisten. Zum Beispiel in den landwirtschaftlichen Betrieben, in denen sie produziert werden. Lebensmittelsicherheit beginnt bei den Anbaupraktiken, zu denen auch der Schutz des Ernteguts gegen eine Kontaminierung mit pathogenen Mikroorganismen und potenziellen Toxinen zählt.
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Schlagworte: Lebensmittelsicherheit · Mykotoxine · Schimmelpilze · Fungizide · Pflanzenschutz · BLV · Ochratoxin A · Aflatoxin
Sources
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