Wahrgenommene Natürlichkeit entscheidet über Akzeptanz
Forschung

Wahrgenommene Natürlichkeit entscheidet über Akzeptanz

Für die Wissenschaft ist der Nutzen von Pflanzenschutz mit synthetischen Produkten und durch biotechnologische Züchtungsmethoden in der Landwirtschaft unbestritten. Die Befragungen von Konsumentinnen und Konsumenten ergibt indes ein völlig anderes Bild: Die Akzeptanz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln und gentechnischen Züchtungsmethoden ist unterentwickelt. Eine Studie der ETH Zürich hat das Phänomen untersucht. Letztlich hängt die Akzeptanz stark mit der wahrgenommenen Natürlichkeit der Methoden zusammen.

Montag, 8. März 2021

Das Wichtigste in Kürze

  • Synthetische Pflanzenschutzmittel und gentechnische Verfahren geniessen in der Bevölkerung eine nicht sehr ausgeprägte Akzeptanz.
  • Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die Technologien als etwas Künstliches wahrgenommen werden.
  • Eine Studie der ETH zeigt, dass die Akzeptanz einer Methode stark von deren wahrgenommenen Natürlichkeit abhängt.

Das «Institute for Environmental Decisions» der ETH Zürich untersucht das Konsumentenverhalten mit wissenschaftlichen Methoden. In einer neuen Forschungsarbeit gehen Rita Saleh, Angela Bearth und Michael Sigrist der Frage nach, wie die Chemophobie – mit anderen Worten die in der Öffentlichkeit verbreitete Angst vor chemischen Stoffen – die Akzeptanz des Gebrauchs von Pflanzenschutzmitteln sowie von biotechnologischen Züchtungsmethoden in der Landwirtschaft beeinflusst. Die Ergebnisse zeigen klar, warum Konsumentinnen und Konsumenten wissenschaftlich anerkannten Methoden des Pflanzenschutzes und gentechnologischen Züchtungsmethoden kritisch bis ablehnend gegenüberstehen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die wahrgenommene Natürlichkeit und die Angst vor chemischen Stoffen. Beispielsweise ist die Bevölkerung am ehesten bereit, Gentechnologie als Mittel für resistente Pflanzenzüchtungen zu akzeptieren, wenn die ausgetauschten Gene von wilden Pflanzen derselben Sorte stammen.


Nahe an der Natur

Letztlich stellt die Wahrnehmung von wissenschaftlich anerkannten Methoden des Pflanzenschutzes durch das Publikum eine grosse Hürde für ihre Anwendung dar. Die Forschenden folgern deshalb, dass die Zukunft des Pflanzenschutzes und somit des Managements von Pflanzenkrankheiten durch die Landwirtschaft stark von der wahrgenommenen Natürlichkeit der Methoden abhängt. Deshalb werden bei Züchtungen mithilfe von gentechnologischen Methoden cisgene Pflanzen am ehesten akzeptiert. Cisgene Pflanzen sind gentechnisch veränderte Pflanzen, die jedoch ausschliesslich arteigenes Erbgut enthalten.

Um die Akzeptanz von synthetischem Pflanzenschutz und Gentechnologie insgesamt zu verbessern, müssen die wissenschaftlichen und politischen Akteure stark an der Wahrnehmung von Chemie und Gentechnik arbeiten. Die Forschenden folgern: «Adressing chemophobia and informing consumers about the role of technologies in pest-management and crop-protection could lead them to trust and accept related agricultural policies.»


Natürliche Chemie

Ein wichtiger Hinweis für diesen weiteren Weg liefert die Arbeit mit der Erkenntnis, dass die wahrgenommene Natürlichkeit über die Akzeptanz des Publikums entscheidet. So ist zum einen der Nutzen von Pestiziden und Gentechnologie für die Umwelt klarer herauszuarbeiten. Zum anderen muss der Gegensatz zwischen «Natur» und «Chemie» adressiert werden. «Chemie» ist nicht gleich giftig. Und «natürlich» ist nicht gleich gesund. Chemie ist ja auch etwas Natürliches. Der menschliche Körper beispielsweise besteht ebenfalls hauptsächlich aus Chemie. Den grössten Anteil machen Sauerstoff und Wasser aus. Der Rest sind Metalle und Nichtmetalle. Die verschiedenen Stoffe teilen sich folgendermassen auf: Wasserstoff 60,3%, Sauerstoff 25,5%, Kohlenstoff 10,5%, Stickstoff 2,42%, Natrium 0,73%, Calcium 0,226%, Phosphor 0,134%, Schwefel 0,041%, Kalium 0,036%, Chlor 0,032% und Magnesium 0,010%. Hinzu kommen noch diverse Spurenelemente.

Doch weil Ängste die Wahrnehmung von «Chemie» und auch «Gentechnologie» stark beeinflussen, werden Positivaussagen allein nicht genügen. Auch die Ängste müssen kommunikativ adressiert werden. Beispielsweise indem die Risiken der Nichtanwendung von Pflanzenschutz und Gentechnologie herausgearbeitet werden. Oder dass Gentechnologie und Pflanzenschutz auch der Umwelt, der Biodiversität und dem Klima einen grossen Nutzen bringen – dem «Natürlichen» also dienen. Aber auch mit der simplen Wahrheit, dass sowohl natürliche als auch chemische Stoffe Risiken bergen. Entscheidend ist und bleibt in jedem Fall die Dosis. Und das hat man schon im ausgehenden Mittelalter gewusst.

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