Weinbau: Ohne Synthetik geht es nicht
Die nasse Witterung der vergangenen Wochen begünstigt die Verbreitung von Mehltau. Die Pilzkrankheit gehört zu den gefürchtetsten Gegenspielern der Winzer. Besonders schwer ist die Situation für Landwirte, die auf biologischen oder biodynamischen Anbau setzen. Aber auch sie müssen in Notsituationen auf synthetische Pestizide zurückgreifen. Diese bleiben für ein gutes Risikomanagement unentbehrlich.
Mittwoch, 15. September 2021
Die Westschweizer Tageszeitung «ArcInfo» berichtet über den Mehltau, der sich derzeit in den Neuenburger Weinbergen ausbreitet. Starker Regen mit milden Zwischenphasen, das sind ideale Voraussetzungen für die Verbreitung der Pilzkrankheit. Anzeichen für den Befall ist der typische weisse Belag, der sich auf den Blättern bildet. Befallene Trauben wachsen oft nicht weiter und vertrocknen. Aufgrund der heftigen Niederschläge gestaltet sich die Bekämpfung des Erregers für Bio- und Demeterbauern besonders schwer: «Im Moment behandeln wir alle sechs bis sieben Tage, im Gegensatz zu allen acht bis zehn Tagen in normalen Zeiten», sagt der Winzer Jean-Denis Perrochet gegenüber «ArcInfo».
Ohne Kupfer geht es nicht
Das Problem: Der Regen wäscht die Pflanzenschutzmittel sofort wieder weg. Dies ist insbesondere bei Natursubstanzen, wie sie in der biodynamischen Landwirtschaft eingesetzt werden, problematisch. Perrochet hat in den vergangenen Jahren Versuche mit Milch gemacht. Damit könnten 50 bis 60 Prozent des Mehltaus bekämpft werden. «Wenn das nicht ausreicht, wechseln wir auf Kupfer», sagt Perrochet. Kupfer gehört zu den Schwermetallen und ist im Biolandbau zugelassen. Die Kupferlösungen, die dort als Fungizide zum Einsatz kommen, werden synthetisch hergestellt.
Auch Biowinzer brauchen «Notfallschrank»
Ein Winzer aus Cressier, der im Beitrag ebenfalls zu Wort kommt, sagt, es komme auf das richtige Verhältnis zwischen biologisch und konventionell an: «Wir versuchen, eine Balance zwischen Bio und Pestiziden zu finden. Auf jeden Fall ist es falsch zu glauben, dass alle synthetischen Produkte schlecht sind.» Ein weiterer Winzer stimmt zu. Er versuche, so viele natürliche Produkte wie möglich zu verwenden. Doch als vorbeugende Massnahme bis zur Blüte verwende auch er synthetische Pflanzenschutzmittel. Ob biologisch oder konventionell: «Die Möglichkeit, bei Bedarf in die Apotheke gehen zu können, bleibt ein Sicherheitsventil», sagt Johannes Rösti, Leiter der kantonalen Weinbaustation mit Sitz in Auvernier.
Damit im Ernstfall ein «Notfallschrank» mit den nötigen Wirkstoffen bereitsteht, muss man diese auch zulassen. Nur dann investieren Firmen in Forschung und Entwicklung von immer zielgenaueren und umweltverträglicheren Pflanzenschutzmitteln. Das Beispiel aus dem Kanton Neuenburg zeigt: Landwirte brauchen einen vollen Werkzeugkasten, um die Risiken, denen ihre Ernten ausgesetzt sind, managen zu können. Offenheit gegenüber Technologien ist Trumpf. Ideologische Scheuklappen sind fehl am Platz.
Sources
Ähnliche Artikel
Die billige Tomate aus Spanien ist Vergangenheit – jetzt braucht es Innovation
Immer weniger Pflanzenschutzmittel, gleichzeitig steigender Schädlingsdruck und Grossverteiler, die tiefe Preise wollen: Spaniens Gemüseproduktion steckt in einem Dilemma, das auch die Schweiz betrifft. Lösen lässt es sich nur mit Züchtung und Digitalisierung.
Düngerkrise erreicht Europa – und die Schweiz?
Der Irankrieg lässt die Düngerpreise steigen, Europa droht eine Versorgungslücke. Die Schweiz bleibt vorerst gelassen – aus gutem Grund.
Unerwünschte Einwanderer: Warum Pestizide bei invasiven Arten unverzichtbar sind
Sie sind klein, reisefreudig und äusserst hartnäckig: Invasive Arten breiten sich in der Schweiz zunehmend aus. Ob Japankäfer, Asiatische Hornisse oder neu entdeckte Ameisenarten – die ungebetenen Gäste bedrohen nicht nur unsere einheimische Natur, sondern auch Landwirtschaft und Siedlungsgebiete. Es braucht dringend Pestizide – also Biozide und Pflanzenschutzmittel – , um die Schädlinge wirksam zu bekämpfen.
Nicht links, nicht rechts: Vorwärts!
In der Klima-, Energie- und Agrarpolitik dominieren oft Glaubenssätze statt Fakten. Die amerikanische Denkfabrik The Breakthrough Institute macht vor, wie es anders geht: Meinungsverschiedenheiten zulassen, Technologien offen prüfen – und Produktivität als Verbündete des Umweltschutzes begreifen.