Wenn nicht mal mehr Kupfer hilft
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Wenn nicht mal mehr Kupfer hilft

Der nasskalte Sommer 2021 verursacht im Kartoffelanbau Ertragseinbussen von bis zu 80 Prozent. Besonders betroffen ist die Biolandwirtschaft. Selbst der massive Einsatz von Kupfer konnte die Ernten häufig nicht mehr retten. Der Schweiz droht eine Kartoffelknappheit, die wohl nur durch zusätzliche Importe aus dem Ausland gedeckt werden kann.

Mittwoch, 22. September 2021

Die Kartoffel ist die am meisten konsumierte Stärkepflanze der Schweiz. Pro Jahr und Kopf konsumieren Schweizerinnen und Schweizer rund 45 Kilogramm. Wie die «Tribune de Genève» berichtet, droht dieses Jahr jedoch eine Kartoffelknappheit in der Schweiz. Insbesondere die Liebhaber von Schweizer Biokartoffeln müssen wohl auf andere Produkte ausweichen. Der Grund dafür sind der extrem nasse und kalte Sommer sowie die starken Hagelschläge im Juni und Juli. Diese haben den Kartoffeln stark zugesetzt. Jocelyn Bussy, Direktorin von Bio Pack Swiss, sagt gegenüber der «Tribune de Genève»: «Insgesamt schätzen unsere Erzeuger, dass ihre Erträge um 50 Prozent sinken werden.»

Ein Fünftel der Ernte nur noch als Tierfutter zu gebrauchen

Im Biolandbau sind die Ausfälle bei den Kartoffeln besonders gross. Landwirt André Gallandat baut auf seinem Hof in Démoret auf 30 seiner 170 Hektaren Biokartoffeln an. Pro Hektar erzielt er durchschnittlich 25 Tonnen Kartoffeln. Dieses Jahr ist der Ernteertrag kaum halb so hoch. Hinzu kommt, dass ein grosser Anteil davon als Abfall eingestuft wird und damit nur noch als Tierfutter verwendet werden kann. Fast 20 Prozent seiner Ernte landen dieses Jahr in den Futtertrögen. Bei Demeter ist es sogar fast ein Drittel. Durch das viele Wasser haben sich in einigen Sorten Hohlköper gebildet. Die wenigen warmen Tage haben zudem dazu geführt, dass gewisse Sorten zu schnell gewachsen sind und sich Risse gebildet haben.

Blindspot-Artikel

Eine umfassend nachhaltige Lebensmittelproduktion und eine gesunde Ernährung sind komplexe Themenfelder. Es braucht die Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln. Doch unliebsame Fakten kommen in der öffentlichen Diskussion häufig zu kurz. Wir beleuchten, was gerne im Schatten bleibt. So kommen die Zielkonflikte zur Sprache.

Auch Kupfer hilft nicht

Kälte im Mai, Regen, Hagel und stehendes Wasser im Juni und Juli: Das waren ideale Bedingungen für die Verbreitung der Kraut- und Knollenfäule. In der konventionellen Landwirtschaft kann die Pilzkrankheit im Normalfall gut mit synthetischen Fungiziden bekämpft werden. Im Biolandbau wird meist das ebenfalls synthetisierte Kupfer verwendet. Doch dies reichte in einem Jahr wie diesem gemäss André Gallandat nicht: «Das ist zu wenig für ein solches Jahr, zumal die verabreichten Dosen oft vom nachfolgenden Regen weggespült wurden.» Gemäss «Tribune de Genève» rechnet Swisspatat mit noch höheren Ernteausfällen. In der konventionellen Landwirtschaft betragen die Ertragseinbussen 15 bis 30 Prozent, in der biologischen Landwirtschaft 60 bis 80 Prozent.


Kartoffelknappheit befürchtet

Die Kraut- und Knollenfäule führte auf manchen Feldern gar zu Totalausfällen. In normalen Zeiten kann sich die Schweiz zu 85 Prozent selbst mit Kartoffeln versorgen. Doch dieses Jahr ist alles anders: «Wir haben noch keine konkreten Zahlen für 2021, aber wir werden wahrscheinlich weit davon entfernt sein», sagt Christian Bucher, Direktor von Swisspatat, gegenüber «Tribune de Genève». Es besteht ein Risiko, dass Kartoffeln knapp werden. In diesem Fall müsste die Branche gemäss Bucher eine Erhöhung des Importkontingents beantragen. Das BLV habe einer solchen für Verarbeitungskartoffeln bereits zugestimmt. Konsequenz: Anstelle des Namens des Schweizer Bauern, von dem die Kartoffeln stammen, steht nun auf mancher Chips-Packung einfach «Herkunft Deutschland».

Schlechtes Erntejahr 2021

Das Jahr 2021 hinterlässt in praktisch allen Kulturen Spuren in Form von Ernteverlusten und Totalausfällen. Besonders betroffen sind Weinbau und Obstbau, wo starke Hagelschläge einen Grossteil der Früchte zerstörten. Hinzu kam jedoch auch Staunässe auf den Feldern und der starke Druck von Pflanzenkrankheiten. Mehltau sowie Kraut- und Knollenfäule konnten sich aufgrund der feuchtnassen Bedingungen besonders gut ausbreiten. Um die Kartoffeln einigermassen vor der Kraut- und Knollenfäule zu schützen, waren Bauern auf wirksame Pflanzenschutzmittel angewiesen. Ohne diese Mittel wäre es wohl auch im Kartoffelbau zu Totalausfällen gekommen. Vor 150 Jahren zerstörte die Pilzkrankheit ganze Jahresernten und führte zu schrecklichen Hungersnöten, die in Irland eine Million Todesopfer (bei damals 8 Millionen Einwohnern) forderte und eine Massenemigration auslöste. Der nasse Sommer 2021 hätte in früheren Generationen – wo keine wirksamen Pflanzenschutzmittel vorhanden und Importe nicht möglich waren – wohl ebenfalls zu einer Hungersnot geführt.Dies just in dem Sommer, in dem zwei Volksinitiativen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbieten oder den Nichteinsatz und damit den Food Waste auf dem Acker finanziell belohnen wollten. Eine aktuelle Untersuchung von Agroscope bestätigt einmal mehr: Ein Totalverzicht auf Pflanzenschutzmittel würde Ernteausfälle von bis zu 47 Prozent mit sich bringen. Das hiesse: Mehr Importe, dort wo Importe möglich sind. Wo kein Ersatz beschafft werden kann, kommt Zweitklassware in die Regale oder sie bleiben leer. Für die Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet Verknappung auch höhere Preise.

Kraut- und Knollenfäule: Resistenzen aus Wildkartoffeln nutzen

Die Kraut- und Knollenfäule zählt zu den gefährlichsten Kartoffelkrankheiten. Sie verursacht jedes Jahr schätzungsweise 20 Prozent Ernteeinbussen beim Kartoffelanbau. Sowohl in der Bio- wie auch in der konventionellen Landwirtschaft ist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nötig, um grössere Verluste durch die Pilzkrankheit zu verhindern. Zur Reduktion der Pflanzenschutzmengen braucht es Forschung und Innovation. Mit der Agrarbiotechnologie lassen sich Kartoffeln mit einem Resistenzgen gegen die Krautfäule ausstatten. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln lässt sich auf ein Minimum reduzieren. Ein weiterer Vorteil: Resistente Sorten schützen die Pflanzen auch, wenn wie in diesem nassen Sommer Äcker nicht befahren werden können, um den Boden nicht zu schädigen.

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