Wie wir Agrarland zurückgewinnen
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Wie wir Agrarland zurückgewinnen

Von der Landwirtschaft hängt es ab, ob künftige Generationen genug zu essen haben. Die Bauern müssen alle Möglichkeiten zur Nahrungsmittelproduktion ausschöpfen.

Donnerstag, 28. April 2022

In der Ukraine erleben wir gerade eine schreckliche humanitäre Krise und der Krieg wird einen globalen Nahrungsmittelnotstand auslösen, der einige der ärmsten Länder der Welt am härtesten treffen wird. Bereits vor dem Krieg in der Ukraine hatte die UNO davor gewarnt, dass Hunderte von Millionen Menschen auf der ganzen Welt von einer Hungerkatastrophe bedroht seien. Eine der grössten Herausforderungen des Klimawandels dürfte es deshalb sein, die Weltbevölkerung, die im Jahr 2050 auf zehn Milliarden angewachsen sein wird, mit gesunden, nahrhaften und breit verfügbaren Lebensmitteln zu versorgen und zugleich die Auswirkungen der Landwirtschaft auf das Klima deutlich zu reduzieren.

Die Landwirtschaft ist für etwa 23 Prozent der globalen Schadstoffemissionen verantwortlich und die Hauptursache von Abholzung und Verlust an Lebensraum. Bei der Weltklimakonferenz 2021 in Glasgow (COP 26) war die Landwirtschaft daher zu Recht ein zentrales Thema. Aber selbst wenn viele agrarische Anbaumethoden zum Klimawandel beitragen, so wird doch umgekehrt die Arbeit der Bauern durch die Auswirkungen der Klimaveränderung zusätzlich erschwert. Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen, Polarwirbel – durch Klimastörungen verursachte Wetterextreme – sowie neue klimabezogene Risiken in Gestalt von migrierenden Schädlingen und Krankheiten setzen die Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion weltweit unter Druck, wie man es bisher nicht erlebt hat. Solange die Welt nicht zu kühnen, radikalen Veränderungen in der Landwirtschaft bereit ist – und so lange Agrarindustrie, Investoren und Regierungen nicht auf solche Veränderungen hinarbeiten –, werden sich die Probleme immer weiter verschärfen, denn der Nahrungsmittelbedarf wird in den nächsten 30 Jahren wohl um etwa 50 Prozent steigen.

Eine der wirksamsten Massnahmen zur Verbesserung der Lage in der Landwirtschaft ist die Wiederherstellung von unbrauchbar gewordenem, degradiertem Ackerland. Der Klimawandel und ungeeignete Anbaumethoden haben in den vergangenen 40 Jahren dazu geführt, dass mehr als ein Drittel des kultivierbaren Bodens nicht mehr nutzbar ist. Durch jahrzehntelange Überweidung, falschen Einsatz von Chemikalien und Dünger oder den Anbau immer derselben Feldfrucht wurden viele Böden ausgelaugt, erschöpft.

Wenn Agrarland unproduktiv oder unbrauchbar wird, greift man oft auf ursprüngliche, naturbelassene Lebensräume, Habitate zurück, um diese für die Nahrungsmittelproduktion zu nutzen – was die Umweltprobleme zusätzlich verschärft.


Rekultivierung von Weideland

Wenn wir dagegen Techniken und Methoden finden, um degradierte Flächen wieder instand zu stellen, dann ist das ein grosser Schritt hin zu einer Lösung globaler Krisen. Umweltorganisationen, die Agrarindustrie und ihre Investoren sowie internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen machen sich nun daran, Massnahmen zur Rekultivierung von Agrarland zu fördern. Man besinnt sich dabei auch auf traditionelle, bewährte Methoden wie etwa Zwischenfruchtanbau sowie Bewirtschaftungsweisen, die zu gesunden Böden führen. Daneben zieht man neuste agrarwissenschaftliche Erkenntnisse heran, arbeitet mit angewandter Forschung, digitalen Instrumenten und nachhaltigen Anbaumethoden.

Für Bauern ist es oft kostengünstiger, Land zu roden, statt Böden wieder produktiv zu machen.

Know-how und Technologie sind vorhanden, aber das ist nur das eine. Oft ist es nämlich kostengünstiger, einfach Flächen freizuroden, statt Böden wieder produktiv zu machen. Es geht deshalb in erster Linie nicht um die Lösungen im engeren Sinn, sondern darum, finanzielle Anreize zu schaffen, damit Bauern diese Transformation in Angriff nehmen. Ob Kleinbauern mit kleinen Parzellen oder Agrarkonzerne, die Millionen Zentner auf Tausenden Hektaren produzieren – unsere Nahrungsmittelproduzenten sind Unternehmer. Lösungen müssen also nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch Sinn ergeben.

In Brasilien arbeiten unsere beiden Organisationen – The Nature Conservancy und die Syngenta-Gruppe – mit Viehzüchtern, Bauern und anderen Interessierten an einem Plan zur Rekultivierung von einer Million Hektar degradierten Weidelandes im Cerrado, einer riesigen Savanne, die reich ist an Pflanzen und Tieren. Ziel dieses regionalen Projekts mit Namen Reverte ist es, eine effizientere und nachhaltigere Viehhaltung auf vorhandenem Weideland und den Anbau von Soja und anderen Feldfrüchten auf erschöpftem, aber rekultivierbarem Weideland zu fördern.

Bislang haben sich landwirtschaftliche Betriebe mit insgesamt 31'400 Hektar bereit erklärt, beim Projekt Reverte mitzumachen, das ein überzeugendes Geschäftsmodell darstellt und den Farmern eine attraktive Rendite verspricht. Wir kooperieren auch mit Embrapa, einem staatlichen brasilianischen agrarwissenschaftlichen Institut, sowie Itaú BBA, einer der führenden Banken in Lateinamerika. Mit diesen Partnern können wir das auf mehrere Jahre angelegte Programm mit neuen Methoden, Technologien und zusätzlichen Maschinen unterstützen und den beteiligten Bauern günstige Kredite anbieten – die tragenden Säulen von Reverte. Nach unseren Schätzungen werden Investitionen in der Höhe von zwei Milliarden Dollar benötigt, um das Ein-Millionen-Hektar-Ziel zu erreichen.


Süsswasser- und Biodiversitätsspeicher

Wir müssen diese vielversprechenden Anstrengungen verstärken und ausbauen. Ein Ansatz wäre, weitere internationale Kooperationen ins Leben zu rufen, die sich der Aufgabe verschreiben, Ackerböden zu restaurieren sowie Abholzung und die Umwandlung ursprünglicher Lebensräume zu beenden, und zwar so, dass die landwirtschaftliche Produktivität auf ökologisch verträgliche und ökonomisch sinnvolle Weise gesteigert wird. Eine neue solche Koalition hat sich bereits zusammengefunden. Dieses Projekt ist unter dem Namen Innovative Finance for the Amazon, Cerrado and Chaco (IFACC) bekannt. Ziel ist es, die Investitionen in nachhaltige Viehzucht und Sojaproduktion im Amazonasbecken, der Cerrado-Savanne und dem Gran Chaco (einer Ebene, die sich über Teile von Argentinien, Paraguay und Bolivien erstreckt) deutlich zu steigern.

Andere Partner der neuen IFACC-Initiative sind das UNO-Umweltprogramm und die Tropical Forest Alliance. Bei der Weltklimakonferenz in Glasgow haben IFACC-Partner drei Milliarden Dollar an Krediten und Investitionen zugesagt (angestrebt sind insgesamt zehn Milliarden Dollar), bis 2025 soll eine Milliarde Dollar investiert werden. Als Hilfe für Bauern, die auf nachhaltigeres Wirtschaften umsteigen wollen.

Durch bessere Bodennutzung können wir natürliche Landschaften erhalten – in den kritischen Ökosystemen von Lateinamerika, den Subsahara-Savannen, den zentralasiatischen Steppen und den noch unbewirtschafteten Weiten Nordamerikas. Diese ursprüngliche Vegetation speichert grosse Mengen an CO2 und schützt die Biodiversität, die das erforderliche Gleichgewicht zwischen Natur und Menschen erhalten hilft. Die Erderwärmung einzudämmen und zugleich den Nahrungsmittelbedarf einer rasant wachsenden Weltbevölkerung zu decken, ist eine gigantische Herausforderung. Mit neuen Ansätzen wie der Rekultivierung degradierten Ackerlandes können wir Lösungen auf den Weg bringen.

Autoren

Erik Fyrwald ist CEO der Syngenta Group, eines internationalen Agrartechnologieunternehmens mit Sitz in Basel.

Jennifer Morris ist CEO der gemeinnützigen Umweltschutzorganisation The Nature Conservancy.

Dieser Artikel erschien als Erstveröffentlichung in der Weltwoche vom 20. April 2022.

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