«Wie wird die Land- und Ernährungswirtschaft fit für die neue Normalität?»

«Wie wird die Land- und Ernährungswirtschaft fit für die neue Normalität?»

Es sei Zeit, sich von der Millimeter-Agrarpolitik zu verabschieden, findet Liebegg-Direktor Hansruedi Häfliger angesichts der weltweiten Multikrise. Die Bauernfamilien sollen die notwendigen Handlungsspielräume zurückbekommen, damit die Land- und Ernährungswirtschaft resilienter wird.

Dienstag, 11. April 2023

Der Jahresanfang ist ein geeigneter Zeitpunkt für eine Standortbestimmung: Die Welt befindet sich in einer Multikrise! In Europa tobt ein brutaler Angriffskrieg, die weltweite geopolitische Lage ist so labil wie noch nie. Krieg herrscht auch im Cyberraum und sogar im Weltraum. Klima- und Hungerkrise sind Mitverursacher von gewaltigen Migrationsströmen und die Energiekrise ist zusammen mit den Corona-Auswirkungen Ursache für unsichere und unterbrochene Lieferketten. Geld- und Warenbörsen reagieren entsprechend instabil und befeuern Inflationstendenzen. Zudem herrscht ein weltweites Land- und Know-how-Grabbing und in Westeuropa ein Arbeitskräftemangel in noch nie dagewesenem Ausmass.


Krisen brauchen anpassungsfähige Systeme

Die Welt ist in einer «neuen Normalität» angekommen, die uns noch Jahrzehnte beeinflussen wird. Die volatile, unsichere, komplexe und mehrdeutige Welt überfordert Menschen zunehmend und führt als Folge zu einem Gefühl des Kontrollverlusts. Beim Versuch, die Kontrolle zu gewinnen, wird noch mehr geplant und das Bedürfnis nach Struktur und Ordnung steigt, genauso wie die Achtsamkeit auf Einhaltung von Vorschriften. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber, dass Routinen, Checklisten und standardisierte Prozeduren in turbulenten Zeiten wenig taugen. Hier sind generische Kompetenzen und Eigenverantwortung gefragt. Krisen brauchen widerstandsfähige Menschen mit Durchhaltefähigkeit und vertrauenswürdige Köpfe mit Leadership. Krisen brauchen anpassungsfähige Systeme mit Handlungsspielräumen für die Akteure.


Die Zielkonflikte sind wohlstandsgeprägt

Aktuell ist die Schweizer Wirtschaft noch robust aufgestellt. Grosszügige Handlungsspielräume und ein intensives «Training» mit den Handelspartnern haben die Akteure fit gehalten. Die Multikrise wird den heutigen Wohlstand aber zunehmend unter Druck setzen und parallel dazu werden die menschlichen Grundbedürfnisse an Stellenwert gewinnen. Wir tun also gut daran, unsere Land- und Ernährungswirtschaft resilienter auszurichten, indem wir den Bauernfamilien die notwendigen Handlungsspielräume zurückgeben und uns von der Millimeter-Agrarpolitik verabschieden. Auch die wohlstandsgeprägten Zielkonflikte im Umweltbereich und im Bereich des ländlichen Raums sollten vermehrt nach dem Prinzip der Systemrelevanz gewichtet werden. Noch ist es nicht zu spät, uns für die neue Normalität fit zu machen.

Hansruedi Häfliger ist Direktor des Landwirtschaftlichen Zentrums Liebegg. Dieser Gastbeitrag erschien als Erstveröffentlichung in der «BauernZeitung» vom 17. Februar 2023.

Ähnliche Artikel

Regionale Produkte sind gefragter denn je
Wissen

Regionale Produkte sind gefragter denn je

Die Nachfrage nach regionalen Produkten könnte kaum grösser sein. Das zeigt eine neue Studie der Hochschule für Wirtschaft in Zürich. Konsumenten schätzen regionale Produkte gar als deutlich nachhaltiger ein als Bio- oder Premium-Produkte. Um dem Trend gerecht zu werden, wird es deshalb umso wichtiger, moderne Züchtungstechniken und Pflanzenschutzmittel zu fördern.

Tomaten: Von der «Wasserbombe» zur aromatischen Frucht
Wissen

Tomaten: Von der «Wasserbombe» zur aromatischen Frucht

Die Vielfalt an kommerziell vertriebenen Tomatensorten ist heute so gross wie nie zuvor. Dies hat insbesondere mit der Züchtung neuer Sorten zu tun.

Staatsgelder für vermeidbare Ernteausfälle: weder nachhaltig noch ressourceneffizient
Wissen

Staatsgelder für vermeidbare Ernteausfälle: weder nachhaltig noch ressourceneffizient

Reduzierter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln führt bei Weizen und Raps zu stark verminderten Erträgen. Eine Studie von Agrarforschung Schweiz zeigt nun, dass diese Ernteausfälle nur durch staatliche Zuschüsse ausgeglichen werden können. Das ist weder nachhaltig noch ressourceneffizient.

Invasive Arten gefährden einheimische Pflanzen
Wissen

Invasive Arten gefährden einheimische Pflanzen

Die wirtschaftliche Verflechtung der Welt hat über die vergangenen Jahre und Jahrzehnte stark zugenommen. Durch die rege Handelstätigkeit zwischen den Kontinenten verbreiten sich auch invasive Pflanzen- und Tierarten immer schneller. Für die einheimische Vegetation und Landwirtschaft kann dies zu ernsthaften Problemen führen. Der Kanton Tessin ist gemäss BAFU besonders stark betroffen.

Weitere Beiträge aus Wissen