Mythen zur Nahrungsmittelproduktion
Die «richtige» Ernährung spielt für viele Menschen eine immer wichtigere Rolle. Ein gesunder Lebensstil ist zu einem Statussymbol geworden. Entsprechend emotional wird über gesunde Nahrungsmittel und nachhaltige Produktionsweisen debattiert. Viele überholte Vorstellungen und Mythen haben sich in den Köpfen vieler Konsumentinnen und Konsumenten festgesetzt. Nachfolgend ein paar Mythen und ihre Dekonstruktion.
Freitag, 19. November 2021
«Kleinbauern ernähren die Welt»
Die oft verbreitete Behauptung, Kleinbauern bildeten das alleinige Rückgrat der Welternährung, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Tatsächlich beruht diese Zahl auf einer Verwechslung von kleinsten Parzellen mit modernen Familienbetrieben, die oft hochmechanisierte Grossbetriebe sind. Echte Kleinbauern, die weniger als zwei Hektar Land bewirtschaften, tragen laut FAO lediglich etwa 16 % zur globalen Nahrungsenergie bei. Eine rein kleinbäuerliche Low-Input-Landwirtschaft ohne moderne Sorten, Dünger und effizienten Pflanzenschutz kann die wachsende Weltbevölkerung aufgrund zu niedriger Erträge nicht ernähren. Um das Ziel «Zero Hunger» zu erreichen, muss die Produktivität auf bestehenden Flächen drastisch gesteigert werden, statt auf ineffiziente Low-Input-Methoden zu setzen. Echte Fortschritte für die ärmsten Produzenten sind nur durch technologische Innovationen wie verbessertes Saatgut und Digitalisierung möglich. Mehr zum Thema
«Die pflanzengenetische Vielfalt geht verloren»
Die oft zitierte Warnung, dass in den letzten hundert Jahren über 75 % der pflanzengenetischen Vielfalt verschwunden seien, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Historische Nachforschungen zeigen, dass diese alarmierende Zahl ursprünglich aus einer Broschüre einer NGO-Aktivistin stammt und seither ungeprüft von Organisationen und Medien übernommen wurde. Tatsächlich gibt es keine Studie oder Statistik der FAO, die diesen massiven Verlust belegt; vielmehr beruht die Aussage auf einer Fehlinterpretation lokaler Beobachtungen aus den 1970er-Jahren. Fakt ist hingegen, dass die Sortenvielfalt weltweit eher zu- als abnimmt, da moderne Züchtungen die Auswahl ständig erweitern. Zudem sichern internationale Genbanken zehntausende traditionelle Sorten und Wildarten, wie etwa über 100'000 Reissorten allein in Indien. Eine umfassende Metaanalyse bestätigt zudem, dass es langfristig zu keiner wesentlichen Verringerung der regionalen Vielfalt gekommen ist. Die Behauptung eines dramatischen Schwunds ist somit ein Mythos, der den tatsächlichen Erfolg moderner Erhaltungs- und Züchtungsarbeit ignoriert. Mehr zum Thema
«Pestizide werden immer giftiger»
Neue Wirkstoffe müssen ein strenges Zulassungsverfahren durchlaufen.
Oberstes Prinzip ist: Bei sachgerechter Anwendung dürfen sie Mensch und Umwelt
nicht gefährden. Die zur Verfügung stehenden Daten belegen, dass
Pflanzenschutzmittel in den vergangenen 20 Jahren nicht nur sicherer, sondern
auch umweltfreundlicher geworden sind. Es werden immer weniger davon mit
besonderem Risikopotenzial zugelassen und verkauft. Die akute Toxizität der
Pflanzenschutzmittel hat abgenommen. Zudem müssen für den gleichen Schutzeffekt
immer geringere Wirkstoffmengen ausgebracht werden. Dass Pflanzenschutzmittel
immer giftiger werden, widerspricht den Tatsachen. Mehr zum
Thema
«Gentechnik gefährdet die Gesundheit»
Häufig hört man, gentechnisch veränderte Lebensmittel seien nicht sicher und
könnten die Gesundheit von Menschen und Tieren negativ beeinflussen. Diese
Behauptungen lassen sich nicht mit Fakten belegen. Gentechnische
Pflanzenzüchtung ist nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung genauso sicher
wie herkömmliche Züchtungsverfahren. In den USA fressen mittlerweile 95 Prozent
der jährlich mehr als neun Milliarden Rinder, Schweine und Geflügeltiere
Futter, das aus gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellt wurde. Mithilfe
neuer gentechnischer Verfahren können Forschende Pflanzen widerstandsfähiger
gegen Krankheiten oder Schädlinge wie auch gegen Hitze, Nässe oder versalzte
Böden machen. Mehr
zum Thema
«Bio kann die Welt ernähren»
Zur Produktion der gleichen Menge an Lebensmitteln benötigt Bio rund 40
Prozent mehr Fläche als die konventionelle Landwirtschaft. Um die wachsende
Weltbevölkerung komplett biologisch ernähren zu können, wären künftig bis zu 80
Prozent mehr Fläche notwendig. Riesige Waldflächen müssten zusätzlich gerodet
werden, damit genügend Ackerland zur Verfügung stehen würde. Die zusätzliche
Fläche ginge zulasten von Mooren, Wäldern und Naturschutzgebieten. Die
Biodiversität käme weiter unter Druck. Mehr Anbauflächen sind auch vor dem
Hintergrund des Klimawandels keine Option. Zudem: Energie, Arbeit und Rohstoffe
in den Anbau zu stecken ohne oder mit wenig Ertrag ist nicht
ressourceneffizient. Ernteverluste bedeuten geringere Einkommen für Bauern,
höhere Konsumentenpreise, sind unökologisch und belasten das Klima. Um die
wachsende Weltbevölkerung mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen, ist eine
produktive, ressourceneffiziente Landwirtschaft unabdingbar. Mehr zum Thema
«Pestizide vergiften unser Essen»
Gemessene Rückstände von Pflanzenschutzmitteln werden in den Medien gerne skandalisiert. Die Tatsache, dass diese Rückstände weit unter den Werten liegen, die einen Einfluss auf unsere Gesundheit haben könnten, bleibt dabei meist unerwähnt. Ebenso, dass Pestizide die Produktion von gesunden Lebensmitteln für breite Bevölkerungsschichten überhaupt erst ermöglichen und somit viel zur Volksgesundheit beitragen. Hohe Sicherheitsmargen gewährleisten einen sicheren Genuss. Viele giftige Pilze, Krankheitserreger und gefährliche Unkräuter lassen sich ohne Pestizide nicht bekämpfen. Konsumentinnen und Konsumenten können Schweizer Lebensmittel aus konventionellem Anbau jederzeit bedenkenlos konsumieren. Noch nie waren die Schweizer Lebensmittel so sicher wie heute. Mehr zum Thema
«Jährlich über 200'000 Tote wegen Pestizid-Vergiftungen»
Auf Kundgebungen und in Publikationen gegen forschende Agrarunternehmen hält
sich hartnäckig die Behauptung, dass aufgrund des Einsatzes von
Pflanzenschutzmitteln jährlich über 200'000 Menschen an Pestizid-Vergiftungen
sterben. Bei genauer Betrachtung lässt sich feststellen: Die Zahl stammt aus
einer 35 Jahre alten Studie. In einem Gedankenexperiment wurden damals Suizide
durch Schädlingsbekämpfungsmittel in Sri Lanka weltweit hochgerechnet. Mit
dieser Zahl lässt sich die Behauptung, wonach der landwirtschaftliche Gebrauch
von Pestiziden für so viele Tote verantwortlich sei, in keiner Weise belegen. Mehr
zum Thema
«Natürlich ist gesund, Chemie ist Gift»
Es ist grundfalsch anzunehmen, die Natur mit «gesund» gleichzusetzen und synthetisch hergestellte Stoffe als «giftig» zu verurteilen. In der Natur kommen viele hochgiftige Stoffe vor und gleichzeitig gibt es viele synthetisch hergestellte Substanzen, welche absolut ungefährlich sind. Das Schimmelpilzgift Aflatoxin ist höchst krebserregend. Mit dem Einsatz von geeigneten Fungiziden kann dieser Gefahr jedoch vorgebeugt werden. Als sogenannt «natürliches» Fungizid kommt im Biolandbau das Schwermetall Kupfer zum Einsatz. Doch Kupfer reichert sich im Boden an und wirkt auf Bodenorganismen wie Regenwürmer toxisch. Die Möglichkeit, Wirkstoffe synthetisch herzustellen, wirkt sich auch positiv auf die Tierwelt und die Biodiversität aus. «Natürliche» Schwermetalle können bei falscher Anwendung sehr schädlich sein. Mehr zum Thema
«Dem Schweizer Wasser geht es schlecht»
Unsere Oberflächengewässer, das Grundwasser sowie das Trinkwasser sind in einem sehr guten Zustand. Die Schweizer Wasserqualität steht im internationalen Vergleich top da. Das Trinkwasser in der Schweiz ist nachweislich von guter Qualität. Der Gewässerschutz ist ein zentrales und prioritäres Thema im nationalen Aktionsplan des Bundesrates zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln. Landwirtschaft, Behörden und Industrie arbeiten laufend daran, unerwünschte Einträge kontinuierlich zu reduzieren. Einen wichtigen Beitrag leistet auch die forschende Industrie, um den Pflanzenschutz möglichst zielgenau und nachhaltig zu gestalten. Mehr zum Thema
«Pestizide sind schuld am Insektensterben»
Der Rückgang an Insekten ist differenziert zu betrachten und kennt viele Ursachen. Während bei Landinsekten ein Rückgang von neun Prozent pro Jahrzehnt zu verzeichnen ist, haben Wasserinsekten in der gleichen Zeitspanne im Schnitt um elf Prozent zugenommen. Klar ist, dass für den Populationsrückgang von Landinsekten verschiedene Ursachen verantwortlich sind. Dazu gehören: Mangel an Lebensräumen (z.B. durch fehlende Freiflächen und oder Hecken); Flächenversiegelung aller Art (z.B. durch Überbauungen und Strassen); Einbringen von Substanzen in die Umwelt (für Reinigung und Pflanzenschutz); Zunahme der Lichtquellen (z.B. durch Dauerbeleuchtung von Strassen); Verkehrszunahme (Kollisionen mit Insekten); Mangelnder Schutz von Biotopen (weniger Feuchtgebiete). Mehr zum Thema
«Pestizide schaden dem Klima»
Pflanzenschutzmittel helfen, auf weniger Nutzfläche mehr Lebensmittel herzustellen. Höhere Flächenerträge schützen die Ressource Boden vor einer noch grösseren Inanspruchnahme – und das nicht nur regional, sondern weltweit. Wälder, Sümpfe und Moore werden davor bewahrt, landwirtschaftlich genutzt zu werden. Auch der Verzicht auf den Pflug senkt die CO2-Emissionen. Moderne Direktsaattechniken, bei denen der Acker vor der Aussaat nicht umgepflügt wird und das natürliche Bodengefüge deswegen erhalten bleibt, würden ohne Herbizide nicht funktionieren. Ohne Bodenbearbeitung verringert sich die Erosion, Regenwürmer und anderes Bodenleben sind vielfältiger und Humus bildet sich schneller. Mehr zum Thema
«Bio kommt ohne Pestizide aus»
Dass Biolandwirte ohne Pestizide arbeiten, ist zwar eine weitverbreitete Ansicht, ist aber klar falsch. Pestizide können als Pflanzenschutzmittel auf dem Feld gespritzt werden oder als Biozide in der Lagerhaltung zum Einsatz kommen. Rund 60 Prozent der in der Schweiz am meisten verkauften Pflanzenschutzmittel sind auch für den Biolandbau zugelassen. Eine Biolandwirtschaft, wie sie heute in der Schweiz betrieben wird, kann ohne Pflanzenschutzmittel nicht existieren. Mehr zum Thema
Ähnliche Artikel
«Kleinbäuerinnen und -bauern erzeugen 70 % der weltweiten Nahrungsmittel»
Es tönt eindrücklich, wird seit Jahren verbreitet und 2026 einmal mehr auch durch die Fastenaktion behauptet: «Kleinbauern und -bäuerinnen bilden das Rückgrat der Nahrungsmittelproduktion»
«Die pflanzengenetische Vielfalt geht verloren»
Es tönt alarmierend, wird seit Jahren verbreitet und 2026 auch durch die Fastenaktion behauptet: «Laut der Welternährungsorganisation FAO sind in den letzten hundert Jahren über 75 Prozent der pflanzengenetischen Vielfalt verloren gegangen.»
Gentechnik im Schweizer Alltag - «Überall häts Genli drin!»
Das seit 2005 bestehende Gentechnik-Moratorium vermittelt den Eindruck, dass die Schweiz weitgehend frei von Gentechnik ist. Doch ein genauerer Blick zeigt: Die Gentechnik hat längst ihren festen Platz in unserem Alltag – nur bemerken wir es meistens nicht.
Globale Fakten zu Welternährung und Landwirtschaft
Nur dank technologischem Fortschritt und modernem Pflanzenschutz werden wir in Zukunft unsere Ressourcen schonen und gleichzeitig immer mehr Menschen gesund und erschwinglich ernähren können.