Zwiebeln schneiden ohne Tränen

Zwiebeln schneiden ohne Tränen

Im Schweizer Detailhandel gibt es nun Zwiebeln , die beim Schneiden keine Tränen mehr verursachen sollen. Die unter dem Namen «Sunions» vertriebenen Zwiebeln sind deutlich milder als die bisher bekannten Sorten. Über 30 Jahre hat es gedauert, bis das durch traditionelle Züchtungsmethoden gelungen ist. Die neue Zwiebelsorte ist nur ein Beispiel von Züchtungen mit Vorteilen für Konsumentinnen und Konsumenten.

Freitag, 12. Januar 2024

Die Züchtung neuer Pflanzensorten ist für die Landwirtschaft eine der grössten Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Aufgrund des Klimawandels verschlechtern sich die Anbaubedingungen vielerorts. Es braucht deshalb anpassungs- und widerstandsfähigere Sorten für eine ressourceneffiziente Landwirtschaft. Doch die Pflanzenzüchtung sorgt ab und zu auch für Abhilfe bei den kleineren Problemen des Alltags. Wie die «Coop Zeitung» berichtet, kommen nun bei uns Zwiebeln auf den Markt, die Köchinnen und Köche beim Schneiden nicht mehr zu Tränen rühren. Verursacht wird die Reizwirkung durch einen tränenreizenden Stoff, der die Pflanze in der Natur vor Fressfeinden schützt und in der Küche freigesetzt wird, wenn die Zwiebel aufgeschnitten wird.

30 Jahre Arbeit für die Züchter

Die «Sunions», von Bayer gezüchtet und heute im Besitz von BASF, sind milder und ärmer an jenem Reizstoff, welcher die typischen feuchten Augen beim Zwiebelschneiden verursacht. Auch werden sie gemäss dem Unternehmen im Laufe der Lagerung im Gegensatz zu herkömmlichen Sorten milder und süsser. Doch die augenschonende Varietät ist das Ergebnis von mehr als drei Jahrzehnten konventioneller Züchtungsarbeit durch Kreuzzüchtung. Nun muss sich noch weisen, ob sich der Aufwand gelohnt hat und die Konsumenten die neue Sorte tatsächlich kaufen. Immerhin ist die Sorte, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet, schon seit wenigen Jahren in den USA und Grossbritannien auf dem Markt. In der Schweiz sind die neuen Zwiebeln gemäss «Coop-Zeitung» vorerst nur «in ausgewählten Coop-Supermärkten» erhältlich. Ob die neuen Zwiebeln bereits in der Schweiz angebaut oder für die Markteinführung zunächst noch importiert werden, wie dies für die Einführung in Grossbritannien der Fall war, verrät die «Coop-Zeitung» nicht.

Sorten mit Konsumenten-Nutzen werden immer wichtiger

Die Sunion-Zwiebel folgt einem klaren Trend: Insbesondere Gemüse und Früchte noch mehr auf die Bedürfnisse der Konsumenten auszurichten und sie damit für die Landwirte noch vermarktbarer zu machen. Was Konsumenten heute wollen, ist frisches Obst und Gemüse, das zu ihrem geschäftigen und gesundheitsbewussten Lebensstil passt.

Zum Beispiel Erbsen zum Snacken wie die neue Zuckererbse «Snak Hero», eine wohlschmeckende Alternative zu traditioneller Zwischenverpflegung. Die nahrhaften grünen Schoten haben, egal ob sie roh oder gekocht gegessen werden, eine frische, knackige Konsistenz. Sie sind eine ausgezeichnete Wahl für die Lunchbox oder den Rucksack von Kindern und Erwachsenen, die viel unterwegs sind. Oder Zuckermais, der sich nicht nur durch seine Süsse auszeichnet, sondern gesundheitsbewusste Verbraucher auch durch seinen hohen Gehalt an Kalium und Magnesium überzeugt. Und wer kennt nicht das traurige Bild, das das obligate Salatblatt im Hamburger abgibt – schlapp und welk. Die neue Blattsalatsorte «Burger Leaf» ist wie geschaffen für runde Sandwichbrötchen. Die runde Form der Salatblätter und ihre dauerhaft knackige Textur auch beim Kontakt mit warmen Speisen machen sie zur idealen Zutat für Hamburger und andere warme Sandwiches. Da die runden Blätter nicht eigens auf die Form der Brötchen zugeschnitten werden müssen, fällt zudem weniger Abfall an.

Der Burger Leaf-Salat trägt damit zur Verhinderung von Food Waste bei – genauso wie die Blumenkohlsorte iStem mit essbaren Kopfblättern und Stiel sowie der Brokkoli EasyBroq, eine Brokkoli-Art mit langem, zartem und daher ebenfalls essbaren Stiel. Durch die langen Stiele ist er auch für den Landwirt einfacher zu ernten. Dies sind nur ein paar Beispiele aus der aktuellen Sortenzüchtung mit explizitem Verbrauchernutzen.

Schneller zu neuen gewünschten Eigenschaften dank moderner Züchtung

Um landwirtschaftliche Erzeugnisse künftig nachhaltiger, gesünder und klimafreundlicher machen zu können, kommen neuen Züchtungsmethoden eine entscheidende Rolle zu. Die Genom-Editierung hat das Potenzial, neue Sorten mit verbesserten Eigenschaften für Landwirte und Konsumenten effizient und zeitnah zur Verfügung stellen zu können oder bewährte und beliebte Sorten gezielt mit spezifischen Eigenschaften auszugestalten – ohne die bewährten Eigenschaften zu verlieren. So sind zum Beispiel bei Kartoffeln oft Resistenzgene in den Wildtypen enthalten. Aber durch die Einkreuzung werden mit den herkömmlichen ungezielten Züchtungsmethoden auch viele unerwünschte Mutationen hinein gezüchtet. Das macht viele langwierige Rückkreuzungsschritte notwendig und kann Jahrzehnte dauern – im Falle der «Sunions» Zwiebeln über 30 Jahre, wie berichtet. Doch diese Zeit fehlt angesichts der Herausforderungen, denen sich die Landwirtschaft gegenübersieht.

Beispiele für verbesserte Anbaueigenschaften mittels moderner Züchtung sind etwa dürretoleranter Mais, gegen die Kraut- und Knollenfäule resistente Kartoffeln und gegen Feuerbrand resistente Äpfel. Und bezüglich Konsumentennutzen ist nebst der Verminderung von Reizstoffen und Allergenen – wie Gluten oder eben dem Reizstoff in Zwiebeln – ein besonderes Augenmerk auf «Functional Food» gerichtet, um auch Menschen mit weniger Zugang zu ausgewogener Ernährung zu unterstützen. Dabei werden Lebensmittel mithilfe der Genom-Editierung mit zusätzlichen Nährstoffen wie Vitaminen, Mineralstoffen, ungesättigten Fettsäuren oder Bakterienkulturen angereichert. Aktuelle Beispiele dafür sind etwa Tomaten mit hohem Aminosäuregehalt oder Salat mit mehr Vitamins B und C sowie Beta-Carotin.

Die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) hat kürzlich Anwendungsbeispiele genom-editierter Nutzpflanzen publiziert, die für die Schweizer Landwirtschaft geeignet sind. Auch swiss-food.ch hat eine Liste von möglichen Anwendungen neuer Züchtungstechnologien in der Schweiz erstellt. Zwar führen nicht zufälligerweise verbesserte agronomische Eigenschaften und Qualitätsmerkmale die Liste von 140 genomeditierten Nutzpflanzen an. Doch die vorher genannten Beispiele zeigen, dass Züchtungen mit Konsumenten und -Gesundheitsnutzen Zukunft haben und wir uns als Konsumenten auf zahlreiche neue Sorten freuen dürfen.

Ähnliche Artikel

Warum Vertrauen in die Wissenschaft so wichtig ist
Medien

Warum Vertrauen in die Wissenschaft so wichtig ist

Es ist essenziell, dass die Gesellschaft Vertrauen in die Forschung hat. Nur so kann sie ihr maximales Potenzial ausschöpfen und schliesslich gesellschaftliche Herausforderungen wie den Klimawandel oder eine Pandemie meistern. Aber es gibt auch kritische Stimmen: Ein Teil der Schweizer Bevölkerung hat wenig oder kein Vertrauen in die Wissenschaft. Wie die Forschung das Vertrauen der Menschen gewinnen kann, darüber haben vier Experten an einer «NZZ Live»-Podiumsdiskussion debattiert.

Pflanzenschutzmittel fehlen – und bald auch die ersten Gemüsesorten
Medien

Pflanzenschutzmittel fehlen – und bald auch die ersten Gemüsesorten

Die Gemüseproduzenten haben derzeit zu kämpfen. Grund dafür sind die fehlenden Pflanzenschutzmittel. Es werde zunehmend schwieriger, verkaufsfähige Produkte auf den Markt zu bringen. Einige Landwirte kommen gar derart an ihre Grenzen, dass sie die Produktion gewisser Gemüsesorten einstellen mussten.

Schädlinge bedrohen zunehmend Obst-, Beeren- und Weinernte
Medien

Schädlinge bedrohen zunehmend Obst-, Beeren- und Weinernte

Der Obst-, Beeren- und Weinbau wird zunehmend durch Schädlinge wie den Japankäfer, die Fleckenminiermotte und die Mittelmeerfruchtfliege bedroht. Die Produzenten schlagen Alarm – doch es fehlt an Pflanzenschutzmitteln, die den Schädlingen den Garaus machen können.

Bio-Bauer fordert Genom-Editierung für den Obstbau
Medien

Bio-Bauer fordert Genom-Editierung für den Obstbau

Die hohe Zahl an Pflanzenschutzbehandlungen fordert Bio-Bauern stark. Einer davon ist Apfelbauer Marco Messerli aus Kirchdorf BE. Ganze 48-mal musste er anfällige Apfelsorten mit biologischen Pflanzenschutzmitteln behandeln. Zu viel, findet er und fordert jetzt die Zulassung von neuen Züchtungsmethoden. Experten geben dem Bauern Recht.

Weitere Beiträge aus Medien