Meinungen
Babette Sigg Frank

«Politik darf Nahrungsmittelpreise nicht weiter in die Höhe treiben»

Leider stehen die Zeichen derzeit politisch eher auf mehr Dirigismus und auf Konsumenten-Erziehung. Das treibt die Preise hoch, schreibt Babette Sigg Frank in der Neuen Zürcher Zeitung.

Mittwoch, 1. März 2023

Im vergangenen Jahr sind die Preise für Lebensmittel um vier Prozent gestiegen. Es ist der höchste Anstieg seit Langem. Wie stark diese Teuerung auf das alltägliche Leben durchschlägt, hängt selbstredend mit der finanziellen Situation in den Haushalten ab: Je knapper die finanziellen Mittel, desto deutlicher ist der Preisanstieg spürbar.

Doch wie es scheint, machen die steigenden Preise mittlerweile auch Konsumenten zu schaffen, die anderen Kriterien als dem Preis ein grösseres Gewicht bei der Konsumentscheidung geben. Der überraschende Konkurs der Reformhaus-Gruppe Müller zeigt, dass selbst Reformhauskonsumenten Lebensmittelpreise als wichtiges Kaufkriterium sehen. Nachhaltigkeit hat eben auch eine wirtschaftliche Dimension. Essen muss bezahlbar sein.


Entmündigung der Konsumenten

Preise für Nahrungsmittel sind auch eine Folge von politischen Entscheidungen. Wer die Regulierungen für Produzenten und Konsumenten hochfährt, den Markt abschottet und den Handel mit dem Ausland erschwert oder Innovationen bei den heimischen Produzenten behindert, der wird steigenden Preisen nur wenig entgegensetzen können.

Leider stehen die Zeichen derzeit eher auf mehr Dirigismus und Konsumenten-Erziehung. Das treibt die Preise weiter in die Höhe. So sind beispielsweise Ampelsysteme für Lebensmittel bereits Realität. Dieser sogenannte «Nutri-Score», der Auskunft darüber geben soll, wie gesund oder eben ungesund das entsprechende Lebensmittel ist, basiert zwar noch auf der Freiwilligkeit der Anbieter. Doch wie ein Bericht des Bundes vom Dezember 2022 zeigt, nimmt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen in der Thematik eine zunehmend aktive Rolle ein.

Für 2023 sind gemäss dem Bericht weit mehr als nur staatliche (das heisst von Steuerzahlenden finanzierte) «Kommunikationsmassnahmen» geplant. Dabei ist bis heute fraglich, ob diese Kennzeichnungen tatsächlich zu einem gesünderen Konsumverhalten anregen. Das mögen Marginalien sein, sie sind aber Zeichen dafür, dass der Konsument auf seine Kosten zunehmend angeleitet und schleichend entmündigt wird.

Jüngstes Beispiel: Wenn es nach der WHO geht, dürfen schon bald keine Tiger mehr auf Cornflakes-Packungen abgebildet werden, Schoko-Samichläuse sollen nicht mehr lachen, und Fast-Food-Ketten gehören am besten gleich ganz verboten. So zumindest die Vision zweier WHO-Vertreterinnen, die unlängst an einem vom Bund organisierten Anlass auftraten.

Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis solche Ansinnen auch in der Schweiz auf fruchtbaren Gesetzesboden fallen. Gleichzeitig verpasst man es, sich bietende Chancen zu nutzen. So tut sich die Schweiz beispielsweise schwer mit den neuen Züchtungstechnologien. Solche könnten die Pflanzen resistenter gegen Trockenheit oder Schädlinge machen und damit den hiesigen Bauern mittelfristig helfen, ihre Ernten auch bei schwieriger werdenden klimatischen Verhältnissen zu retten und damit «Food-Waste auf dem Acker» zu verhindern.


Bevormundete Bauern

Viele dieser Ansätze sind nichts anderes als eine Verbesserung bestehender Züchtungsmethoden. Verschiedene Länder haben den Anbau denn auch schon seit Längerem freigegeben. Hierzulande liegt der Ball beim Bundesrat, nachdem das Parlament 2022 entschieden hat, dass es für diese neuen Züchtungsmethoden endlich eine Ausnahmeregelung vom Gentechnikgesetz geben soll.

Bis aber eine liberale Regulierung in Kraft tritt, wird es noch Jahre dauern. Somit bleibt den Bauern ein wichtiger Baustein im Kampf um ihre Ernten vorenthalten, mit den entsprechenden Effekten für die Produktionskosten, die sich dann auch im Portemonnaie von uns Konsumenten niederschlagen.

Bevormundete Bauern, denen Innovationen verboten werden, und zunehmend entmündigte Konsumenten, welche indirekt für die eigene Erziehung aufkommen müssen, sind schlechte Voraussetzungen für eine nachhaltige Versorgung mit hochstehenden, preiswerten Lebensmitteln. Mit ideologisch und dirigistisch getriebenen Erziehungsmassnahmen und Verhinderungspolitik wird die Preisspirale kaum zu bekämpfen sein.

Babette Sigg Frank ist Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums (KF). Dieser Gastartikel erschien als Erstveröffentlichung in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 6. Februar 2023.

Neuorientierung bei der «Gentechnik»

Raphael Bühlmann

Raphael Bühlmann

Land- und Betriebswirt FH.

Politik scheint resistent gegen Fakten

Beat Keller

Beat Keller

Professor für Molekulare Pflanzenbiologie an der Universität Zürich

«Präzise Verfahren brauchen liberale Regeln»

Jürg Niklaus

Jürg Niklaus

Jürg Niklaus ist promovierter Jurist und setzt sich für Pflanzenzüchtung ein.

Mehr Pestizide, mehr Gentechnik: Wie wir den Hunger überwinden.

Markus Somm

Markus Somm

Journalist, Publizist, Verleger und Historiker

«Die Angst vor Gentech-Pflanzen ist unnötig»

Anke Fossgreen

Anke Fossgreen

Leiterin Wissenteam Tamedia

«Politik darf Nahrungsmittelpreise nicht weiter in die Höhe treiben»

Babette Sigg Frank

Babette Sigg Frank

Präsidentin Konsumentenforum

Chance der grünen Biotechnologie nutzen

Roman Mazzotta

Roman Mazzotta

Länderpräsident Syngenta Schweiz

«Nachhaltigkeit bedeutet mehr»

Hendrik Varnholt

Hendrik Varnholt

Ressortleiter Industrie bei der Lebensmittel Zeitung

«Ein Drittel Bio löst das Problem nicht»

Olaf Deininger

Olaf Deininger

Entwicklungs-Chefredakteur Agrar-Medien

«Allein mit ökologischen Methoden werden wir es nicht schaffen»

Saori Dubourg

Saori Dubourg

Mitglied des Vorstands der BASF SE

«Die meisten Ängste gegenüber Pestiziden sind unbegründet»

Michelle Miller

Michelle Miller

Kolumnistin bei Genetic Literacy Project und AGDaily

Neue Technologien braucht die Landwirtschaft

Erik Fyrwald

Erik Fyrwald

CEO Syngenta Group

«Moderne Pestizide können zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen»

Jon Parr

Jon Parr

Präsident von Syngenta Crop Protection

«Wer hat Angst vor den bösen GVO?»

Jürg Vollmer

Jürg Vollmer

Chefredaktor Zeitschrift «die grüne»

«Was uns Pflanzenzüchtung bringt»

Achim Walter

Achim Walter

Professor für Kulturpflanzenwissenschaften, ETH Zürich

«Forschungs- und Werkplatz braucht Impuls»

Jan Lucht

Jan Lucht

Leiter Biotechnologie bei Scienceindustries

«Landwirtschaft spielt eine tragende Rolle»

Jan Grenz

Jan Grenz

Dozent für Nachhaltigkeit, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL

«Wirkungsmechanismen der Natur besser verstehen»

Urs Niggli

Urs Niggli

Agrarwissenschafter und Präsident von Agroecology Science

«Ernährungssicherheit braucht echte Schweizer Produktion»

Jil Schuller

Jil Schuller

Redaktorin «BauernZeitung»

«Laien lassen die Dosis völlig ausser Acht»

Michael Siegrist

Michael Siegrist

Professor für Konsumentenverhalten, ETH Zürich

«Ist Bio wirklich gesünder?»

Anna Bozzi

Anna Bozzi

Leiterin Bereich Ernährung und Agrar bei scienceindustries

«Gentechnik und Umweltschutz gehen Hand in Hand»

Dr. Teresa Koller

Dr. Teresa Koller

Forscht am Institut für Pflanzen- und Mikrobiologie der Universität Zürich

«Die «Greta»-Generation wird mit Paradigmen rigoros aufräumen.»

Bruno Studer

Bruno Studer

Professor für Molekulare Pflanzenzüchtung, ETH Zürich

«Stadt-Land-Graben mit konstruktiver Agrarpolitik überwinden»

Jürg Vollmer

Jürg Vollmer

Chefredaktor Zeitschrift «die grüne»

«Wir schützen was wir nutzen»

Regina Ammann

Regina Ammann

Leiterin Business Sustainability, Syngenta Schweiz

«Der Kampf gegen Food Waste beginnt auf dem Acker»

Joel Meier

Joel Meier

Joel Meier ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Phytomedizin.

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