Industry research for large-scale sustainability
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Inkohärente Politik gefährdet nachhaltige Landwirtschaft


Seit Jahren wird ganzheitliches Denken gefordert. Es handelt sich um einen wichtigen Aspekt der ökologischen Bewegung. Wenn es um das Ablegen von Scheuklappen geht, können wohl viele der Forderung nach Ganzheitlichkeit zustimmen. Ehrlicherweise müssen wir uns indes eingestehen, dass umfassende Ganzheitlichkeit nicht erreichbar ist. Aber im Diskurs können mindestens Zielkonflikte angesprochen und damit informierte Kompromisse eingegangen werden.

Bescheidener und realistischer ist das Streben nach Kohärenz. Kohärenz geht auf das lateinische Verb «cohaerere» zurück, was «zusammenhängen» heisst. Wenn die Ganzheitlichkeit wie ein Schatten immer wieder entwischt, schadet es nicht, wenigstens in Zusammenhängen zu denken. Natürlich gilt dies auch für die Politik. Zusammenhänge sind besonders wichtig, will man politische Ziele wirklich erreichen und nicht einfach «etwas tun».

Allerdings ist gerade im Bereich der Land- und Ernährungswirtschaft die Politikkohärenz oft mangelhaft. Es fehlt die zusammenhängende Sicht und Anreize sind falsch gesetzt. Oder einzelne Massnahmen torpedieren sich gegenseitig. Das stimmt im Grossen wie im Kleinen. Der europäischen Agrarstrategie «Farm to Fork» mangelt es an globaler Perspektive. Gleich drei wichtige Studien zu den Auswirkungen zeigen, dass die Reduktion von Pflanzenschutzmitteln und die Erhöhung des Anteils der Biolandwirtschaft auf 25 Prozent massive Auswirkungen auf die Produktivität der EU-Landwirtschaft hat. Eine verminderte Produktivität der EU-Landwirtschaft kollidiert mit dem Bestreben nach regionaler Versorgungssicherheit. Und die europäischen Ziele kollidieren mit dem globalen Ziel, im Jahr 2050 gegen zehn Milliarden Menschen zu ernähren, weil die eigene Produktion ausgelagert wird. Das ist weder ressourceneffizient noch nachhaltig.

Gemäss der Studie des Joint Research Centre of the EU (JRC) wird mit der Farm to Fork-Strategie nicht nur die Produktion ausgelagert, sondern mit ihr auch die ökologischen Belastungen. Die amerikanische USDA-Studie rechnet mit einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion in der EU von 12 Prozent und einem Anstieg der Preise um 17 Prozent. Auch die ersten Resultate des Impact Assessments der Wageningen University and Research (WUR) im Auftrag einer Verbandsallianz aus der Nahrungsmittelkette deuten in die gleiche Richtung. Die ökologisch motivierten EU-Politziele senken die europäische Landwirtschaftsproduktion und exportieren den ökologischen Fussabdruck. Aus Sicht der europäischen Agrarwirtschaft braucht es unbedingt eine ganzheitliche Betrachtung der Landwirtschaftsziele durch die EU-Kommission. Denn die Politikkohärenz ist mangelhaft.

Von der EU können wir auch lernen. Der Anbau von Zuckerrüben in der Schweiz ist politisch gewollt. «Schweizer Zucker», heisst es in der Werbung, «natürlich, natürlich». Allerdings ist der Zuckeranbau eine wahre Wissenschaft. Denn Zuckerrüben haben viele Feinde. Neben Schädlingen drohen Krankheiten wie die Viröse Vergilbung. Um den Bedrohungen Herr zu werden, wurden in vielen EU-Ländern mit Neonicotinoiden gebeiztes Saatgut notfallmässig zugelassen. Die Landwirte brauchten die Technologie dringend für den Schutz ihrer Kulturen. Und diese EU-Länder verfügen über ausgefeilte, gesundheitsbezogene Regulierungssysteme und höchste Standards. Auch die European Food Safety Authority (EFSA) hat 2020/21 die Entscheide der Mitgliedstaaten zur Zulassung von Neonicotinoiden ausdrücklich unterstützt, weil den Landwirten keine anderen praktikablen Alternativen blieben. «Entweder weil keine alternativen Produkte oder Methoden - chemische oder nicht-chemische - zur Verfügung standen oder weil die Gefahr bestand, dass die Schädlinge gegen die verfügbaren Alternativprodukte resistent werden könnten».

Doch in der Schweiz ist die Anwendung der Produkte nicht erlaubt. So müssen die Bauern auf einen wirksamen Pflanzenschutz verzichten. Derweil erhöht die Politik den Grenzschutz und verteilt Subventionen. Aber wenn die Landwirte ihre Kulturen nicht schützen können, helfen weder Subventionen noch Grenzschutz weiter. Entsprechend lassen sich die Landwirte nur zögerlich auf das Lockvogel-Angebot ein. Denn: Mit Geld kann man fehlende Erträge nicht ersetzen.

Auch ökologisch stimmen die Zusammenhänge nicht. Die Politik will Bienen schützen. Allerdings gefährdet die Saatgutbeizung mit Neonicotinoiden Bienen nicht. Zuckerrüben werden geerntet, bevor sie blühen. Mit dem geeigneten Anbauregime lässt sich auch die minime Gefahr für Folgekulturen bannen. Während die umweltfreundliche Saatgutbeizung verboten ist, werden gleichzeitig Flächenspritzmittel notfallmässig zugelassen. Und die Branche will auch für 2022 wieder Notfallzulassungen dafür beantragen. Sie sind für Bienen ungünstiger. Auch das gehört zur mangelnden Politikkohärenz.

Für ausgeblendete Zusammenhänge steht auch der Raps. So gibt es in der Schweiz neuerdings ein Pflichtlager für Rapssaatgut, aber keine Pflanzenschutzmittel mehr, um die Felder zu schützen. Zurzeit stecken viele umweltverträglichere Pflanzenschutzmittel im Zulassungsprozess fest. Bei der Zulassung harzt es an allen Ecken und Enden. Deshalb fordern die Branchenverbände eine Harmonisierung mit der EU-Zulassung. Denn viele der in der EU seit Jahren zugelassenen Pflanzenschutzmittel stehen den Schweizer Landwirten nicht zur Verfügung. Den Worten «Stärkung der regionalen Produktion» müssen auch Taten folgen!

Auch Technologieverbote blenden Zusammenhänge aus: Raps könnte – gezielt gezüchtet – Soja als Tierfutter ersetzen, doch Genom-Editierung soll weiterhin unter das Gentech-Moratorium fallen. Soja-Importe werden kritisiert, gleichzeitig fehlt der Konnex zum Moratorium und zur gezielten Züchtung. Zudem kann Raps in einigen Bereichen ein geeigneter Ersatz für das viel kritisierte Palmöl sein. Die Gesellschaft will tropisches Palmöl durch einheimische Produkte ersetzen. Doch auch da werden Zusammenhänge ausgeblendet.

Im Übrigen setzen Biobauern Rapsöl als Insektizid im Biolandbau ein. Einheimischer Raps ist ein Alleskönner. Gleichzeitig ist Raps eine heikle Kultur. Gleich mehrere Schädlinge breiten sich in Rapsfeldern aus und gefährden die Ernte. Ohne synthetische Pflanzenschutzmittel ist der inländische Anbau nicht möglich. Insgesamt ist Raps ein gutes Beispiel für mangelnde Politikkohärenz.

Eine ähnliche Inkohärenz hat kürzlich die Branchenorganisation swiss granum angesprochen. Sie will die Swissness verstärken und hat die Marke «Schweizer Brot» lanciert. Das Label garantiert 80 Prozent Schweizer Weizen. Allerdings müssen dieses Jahr insgesamt die Importkontingente erhöht werden, weil die einheimische Ernte buchstäblich ins Wasser fiel und Menge sowie Qualität der Schweizer Weizenernte zu wünschen übriglässt. Verantwortlich dafür ist die nasse Witterung in Kombination mit der behördlich verordneten Verkleinerung des Angebots an Pflanzenschutzmitteln.

In Deutschland will die neue Regierungskoalition Glyphosat bis 2023 verbieten. Doch eine klimafreundliche und bodenschonende Landwirtschaft ist herbizidfrei kaum zu haben. Nach dem Wegfall anderer Wirkstoffe bleibt Glyphosat das einzige breit wirkende Blattherbizid. Viele klima- und bodenschonende Direktsaatmethoden sind ohne Glyphosat kaum anwendbar oder würden zu einem deutlich höheren Herbizid-Einsatz in den Nachfolgekulturen führen. Ein Ende 2020 veröffentlichter Expertenbericht des Bundesamts für Landwirtschaft in der Schweiz zeigt anschaulich die Nachteile der bereits heute verfügbaren Alternativen auf. Mit den bestehenden Ersatzlösungen erhöht sich die Gefahr der Bodenerosion. Zudem verursachen die Alternativen höhere Produktionskosten. Auch die Kontrolle mehrjähriger Unkräuter ist mit diesen Verfahren schwieriger. Ausserdem weisen aktuelle mechanische Methoden im Vergleich zu den Glyphosat-Verfahren einen erhöhten Energieverbrauch und erhöhte Treibhausgasemissionen auf. Politik für die Galerie blendet Zusammenhänge aus.

Das gilt auch bei der Gentechnik. Politikinkohärent ist es, wenn die klassische Mutationszüchtung, die mit Chemikalien und radioaktiver Strahlung ins Genom eingreift, als «gentechfrei» bezeichnet wird und erlaubt ist, jedoch viel präzisere und sanftere Eingriffsmethoden als Gentech gelten sollen und verboten werden. Alle wollen eine nachhaltige Landwirtschaft. Doch diese braucht auch die entsprechenden Tools. Und das ist beispielsweise die hoch präzise Genom-Editierung für resistentere Kulturpflanzen. Insgesamt ist es inkohärent, Techniken zu verbieten und Innovationen zu blockieren. Eine im umfassenden Sinne nachhaltige und ressourceneffiziente Landwirtschaft braucht Planungssicherheit und Kohärenz.


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