Ein Beitrag seit Generationen

Ein Beitrag seit Generationen

Ernährungssicherheit beginnt lange vor der Ernte. Sie beginnt mit Sorten, die Ertrag bringen, Krankheiten widerstehen und unter wechselnden Umweltbedingungen verlässlich Leistung bringen.

Publié: 08.10.2026, 11:21 | Mis à jour: 08.10.2026, 13:06

Klimawandel, geopolitische Spannungen und fragile Lieferketten rücken deshalb die Pflanzenzüchtung und das damit verbundene Saat- und Pflanzgut wieder stärker in den Blick. Sie stehen am Anfang der landwirtschaftlichen Produktion – und damit auch am Anfang einer sicheren Versorgung.

Biotechnologische Verfahren ergänzen zunehmend die klassische Kreuzung.

Die Pflanzenzüchtung in Deutschland trägt seit Generationen dazu bei, Erträge zu sichern, Qualität zu verbessern und die Landwirtschaft an neue Herausforderungen anzupassen. Ihre Geschichte ist geprägt von wissenschaftlichen Durchbrüchen und unternehmerischer Initiative, aber auch von Krieg, Teilung und politischen Systemwechseln. Vor allem aber ist sie eine Geschichte kontinuierlicher Weiterentwicklung und Verbesserung. Viele ihrer Erfolge sind heute so selbstverständlich, dass kaum noch sichtbar ist, wie viel züchterische Arbeit hinter ihnen steht.


Neustart unter schwierigen Bedingungen

Nach Kriegsende stand zunächst die Versorgung der Bevölkerung im Mittelpunkt. Für viele Züchter bedeutete 1945 zugleich einen wirtschaftlichen und persönlichen Neuanfang. Betriebe in Ostpreußen, Pommern, Brandenburg oder Schlesien gingen verloren, ebenso Flächen, Gebäude und technische Ausstattung. Einigen Züchtern gelang es, wenigstens Teile ihres Zuchtmaterials in den Westen zu retten. Was äußerlich nur einige Säcke oder Tüten Saatgut waren, konnte das Ergebnis jahrzehntelanger Kreuzungs-und Selektionsarbeit enthalten – und damit die Grundlage für einen neuen Betrieb. Im Westen entstanden unter schwierigen Bedingungen neue Züchtungsstandorte. Es fehlte an Flächen, Technik und Kapital, doch Zuchtmaterial, Erfahrung und unternehmerischer Wille ermöglichten den Wiederaufbau. Nicht alle Unternehmen überlebten. Manche wurden aufgegeben oder übernommen, andere kooperierten miteinander. So entwickelte sich schrittweise eine vielfältige Struktur aus größeren sowie zahlreichen kleinen und mittelständischen Züchtungsunternehmen.

Im Osten nahm die Entwicklung einen anderen Weg. Bereits 1946 ordnete die sowjetische Militäradministration die Wiederherstellung der Saatzucht landwirtschaftlicher Kulturen an. In der späteren DDR wurde Pflanzenzüchtung zunehmend planwirtschaftlich organisiert. Züchter arbeiteten in Gemeinschaften, stimmten Kreuzungspläne ab und führten gemeinsame Prüfungen durch. Das Spektrum war breit: Neben Getreide und Kartoffeln wurden Gemüse, Arzneiund Gewürzpflanzen, Obst, Speisepilze sowie Kulturen wie Sanddorn und Soja bearbeitet.

Auch in der Bundesrepublik wurde die Züchtung zunehmend institutionell und rechtlich abgesichert. 1953 erhielt das Bundessortenamt Zuständigkeiten für Sortenzulassung und Sortenschutz. International schuf das UVOP-Übereinkommen von 1961 einen Rahmen zum Schutz neuer Pflanzensorten. In Deutschland wurden Saatgutverkehr und Sortenschutz 1968 getrennt geregelt. In dieser Phase formierte sich auch die gemeinsame Interessenvertretung der Branche. Bis heute vertritt der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) Pflanzenzüchtungsunternehmen und Saatenhändler in Deutschland.

Entscheidend für den Fortschritt waren jedoch nicht die Institutionen allein. In den Zuchtgärten, Gewächshäusern und auf den Versuchsflächen wurde sichtbar, wie sehr neue Sorten die Landwirtschaft verändern konnten.


Zwei deutsche Systeme – und ein neuer gemeinsamer Anfang

Bis Ende der 1980er entwickelten sich Pflanzenzüchtung und Pflanzenforschung in beiden deutschen Staaten unter sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen Bedingun- gen. Während in der Bundesrepublik privatwirtschaftliche Züchtungsunternehmen ihre Programme ausbauten und sich zunehmend spezialisierten, war die Züchtung in der DDR staatlich organisiert. Beide Systeme verfügten über leistungsfähige Züchter und Forschungseinrichtungen, setzten aber auf unterschiedliche Strukturen und Prioritäten.


Weizen

Beim Weizen waren hoher Kornertrag und gute Backqualität lange nur schwer miteinander zu verbinden. Mehr Ertrag ging häufig zulasten der Qualität. Intensive Züchtungsarbeit führte in den 1970ern zu ertragreichen Sorten mit hoher Backqualität. Neue Labor- und Analyseverfahren erleichterten später die Auswahl geeigneter Pflanzen, doch bis heute entscheidet sich der Erfolg nicht allein im Labor. Eine neue Sorte muss im Feld unter unterschiedlichen Bedingungen bestehen und zugleich die Anforderungen von Mühlen und Bäckereien erfüllen. Gerade diese Verbindung von Ertrag, Stabilität und Qualität hat den Ruf deutscher Qualitätsweizensorten mitgeprägt.


Mais

Aus dem Wildgras Teosinte ist über Jahrtausende hinweg durch Auslese Kulturmais entstanden. In Mitteleuropa blieb die wärmeliebende Pflanze jedoch lange auf günstige Standorte beschränkt. Einen entscheidenden Schub brachte die Hybridzüchtung. 1965 wurde die erste Maishybride in der Bundesrepublik zugelassen. Steigende Erträge und eine verbesserte Kälteverträglichkeit ermöglichten den Anbau zunehmend auch in nördlicheren Regionen. Heute gehört Mais zu den prägenden Ackerkulturen – ein Beispiel dafür, wie Züchtung nicht nur die Leistung einer Pflanze, sondern auch ihre Anbaugrenzen verändern kann.


Raps

Raps wurde durch Züchtung in seiner Nutzung grundlegend verändert. Über lange Zeit diente Rapsöl vor allem als Lampenöl oder technischen Schmierstoff. Für die Ernährung war es wegen hoher Gehalte an Erucasäure und Glucosinolaten nur eingeschränkt geeignet. Seit den 1960ern gelang es Züchtern, beide Inhaltsstoffe stark zu vermindern. Der sogenannte 00-Raps machte die Kultur zu einer hochwertigen Nahrungs- und Futterpflanze. Mitte der 1990er folgte mit den ersten Rapshybriden ein weiterer Innovationsschritt, der Ertrag, Pflanzengesundheit und Ölgehalt weiter verbesserte.


Zuckerrübe

Bei der Zuckerrübe ging es nach der Steigerung des Zuckergehalts Anfang des 20. Jahrhunderts um ein ganz praktisches Problem. Die damals üblichen Samenknäuel enthielten mehrere Keime. Nach dem Auflaufen mussten die Pflanzen deshalb mühsam von Hand vereinzelt werden. In den 1940ern wurden Rüben gefunden, bei denen aus einer Fruchteinheit nur ein Keimling entstand. Diese Eigenschaft wurde züchterisch genutzt. 1966 kam in Deutschland die erste monogerme Hybridsorte auf den Markt. Ein einziges züchterisches Merkmal veränderte damit die Produktionstechnik grundlegend und reduzierte den Arbeitsaufwand erheblich.


Kartoffel

Bei der Kartoffel stand die Abwehr eines gefährlichen Schädlings im Mittelpunkt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bedrohten aus Südamerika eingeschleppte Nematoden die Bestände. Ertragsverluste von bis zu 80 Prozent waren möglich. 1948 wurde eine Wildkartoffel mit natürlicher Resistenz entdeckt. Züchter kreuzten diese Eigenschaft in Kulturkartoffeln ein. Damit war die Arbeit allerdings nicht beendet: Unerwünschte Eigenschaften der Wildform mussten anschließend über viele Generationen wieder herausgezüchtet werden. Seit den 1970ern stehen marktrelevante nematodenresistente Sorten zur Verfügung.

Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung begann erneut ein tiefgreifender Umbruch. Unternehmen, die nach 1945 in den Westen gegangen waren, kehrten zum Teil an frühere Standorte zurück oder bauten neue Züchtungsstationen im Osten auf. Gleichzeitig musste die ostdeutsche Forschungslandschaft neu geordnet werden.

Vieles konnte erhalten und weiterentwickelt werden. Das heutige Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben führte seine Arbeit als international bedeutende Genbank fort. Weitere Einrichtungen der DDR-Pflanzenforschung gingen in neue Strukturen ein, aus denen später unter anderem das Julius-Kühn-Institut hervorging. Zugleich zeigte die Transformation ihre Schattenseiten: Einzelne Züchtungsprogramme und insbesondere Erfolge der ostdeutschen Gemüsezüchtung gingen verloren.

Der Umbruch fiel in eine Zeit, in der sich auch die Züchtungsmethoden stark veränderten. Molekulare Marker und biotechnologische Verfahren ergänzten zunehmend die klassische Kreuzung, Selektion und Prüfung im Feld. Pflanzen ließen sich früher und genauer auf bestimmte Eigenschaften untersuchen. Für die Unternehmen bedeutete das neue Chancen, aber auch wachsende Investitionen in Forschung, Technik und qualifiziertes Personal. Gleichzeitig rückte die Pflanzenzüchtung stärker in die gesellschaftlichen Debatten. Fragen nach Gentechnik, Pflanzenschutz, Biodiversität und später dem Klimawandel veränderten die Erwartungen an Landwirtschaft und Züchtung. Neben Ertrag und Qualität traten neue oder stärker gewichtete Ziele: Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Schädlinge, Toleranz gegenüber Trockenheit, Hitze oder Kälte sowie eine effizientere Nutzung von Wasser und Nährstoffen.


Von der Kreuzung zu Daten und Präzision

Die moderne Pflanzenzüchtung hat sich damit weit von ihren Anfängen entfernt – und folgt doch weiterhin demselben Grundprinzip. Züchter nutzen genetische Vielfalt, kombinieren Eigenschaften und wählen über mehrere Generationen hinweg diejenigen Pflanzen aus, die einem definierten Zuchtziel am nächsten kommen. Was sich verändert hat, sind Geschwindigkeit, Präzision und die Menge der verfügbaren Informationen.

Früher entschieden vor allem Beobachtung, Erfahrung und jahrelange Feldprüfung darüber, welche Pflanzensorten weitergeführt wurden. Heute kommen Genomdaten, moderne Phänotypisierung und umfangreiche Informationen über Umweltbedingungen hinzu. Biotechnologie und digitale Methoden helfen zunehmend, Zusammenhänge zu erkennen und vielversprechende Kreuzungen früher auszuwählen. Das Feld wird dadurch nicht ersetzt. Im Gegenteil: Erst dort zeigt sich, ob eine Pflanze unter realen Bedingungen tatsächlich hält, was genetische Analysen und Modelle erwarten lassen.

Eine wichtige Entwicklungsstufe markieren die neuen Züchtungsmethoden. Neue Genomische Techniken (NGT) mit Verfahren wie Crispr/Cas können einzelne Eigenschaften gezielt verändern. Das kann Züchtungsprozesse beschleunigen und neue Möglichkeiten eröffnen, etwa bei Resistenzen gegen Pflanzenkrankheiten. Die neuen Verfahren ersetzen die klassische Züchtung jedoch nicht: Auch eine gezielt veränderte Pflanze muss mit weiteren Eigenschaften kombiniert, geprüft und unter unterschiedlichen Umweltbedingungen getestet werden. Gerade angesichts des Klimawandels gewinnt diese Verbindung an Bedeutung. Eine Sorte muss künftig nicht auf einem einzelnen idealen Standort funktionieren, sondern möglichst stabil mit sehr unterschiedlichen Bedingungen zurechtkommen. Hitzeperioden, Trockenheit, Starkregen oder neue Krankheitserreger können innerhalb weniger Jahre die Anforderungen an eine Kultur verändern. Pflanzenzüchtung arbeitet deshalb immer stärker mit einem beweglichen Ziel.

Hinzu kommt der Faktor Zeit. Von der ersten Kreuzung bis zu einer neuen Sorte vergehen häufig viele Jahre. Entscheidungen, die heute in einem Zuchtprogramm getroffen werden, bestimmen daher mit, welche Sorten der Landwirtschaft in den 2030ern zur Verfügung stehen werden. Züchtung ist deshalb ihrem Wesen nach langfristig – und zugleich auf zukünftige Herausforderungen ausgerichtet.


Innovation aus Tradition

Die Geschichte der Pflanzenzüchtung in Deutschland zeigt, wie eng wissenschaftlicher Fortschritt und landwirtschaftliche Praxis miteinander verbunden sind. Aus einer Futterrübe wurde eine leistungsfähige Zuckerpflanze. Mais erschloss kühlere Regionen. Kartoffeln erhielten durch die Nutzung genetischer Vielfalt Schutz gegen einen gefährlichen Schädling. Weizen verband hohen Ertrag mit Backqualität. Raps wandelte sich vom technischen Öl zur hochwertigen Nahrungs- und Futterpflanze. Gemüse wurde widerstandsfähiger und über längere Zeiträume verfügbar.

Solche Erfolge entstehen selten in einem einzigen großen Sprung. Meist sind sie das Ergebnis jahrelanger, oft jahrzehntelanger Arbeit: kreuzen, prüfen, verwerfen, neu kombinieren und wieder prüfen. Gerade darin liegt eine Besonderheit der Pflanzenzüchtung. Innovation zeigt sich am Ende in einer neuen Sorte – der Weg dorthin bleibt für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar.

Die Pflanzenzüchtung in Deutschland hat politische Systeme, Kriege, Teilung und Wiedervereinigung ebenso durchlaufen wie wissenschaftliche Revolutionen und tiefgreifende Veränderungen der Landwirtschaft. Eine Konstante ist die Verbindung von praktischer Züchtung, wissenschaftlicher Erkenntnis und langfristigem unternehmerischem Engagement. Heute sind die Methoden präziser, die Datenmengen größer und die Anforderungen komplexer. Neben Ertrag und Qualität geht es um Resilienz, Ressourceneffizienz und die Fähigkeit, Landwirtschaft an ein sich veränderndes Klima anzupassen. Der Kern aber bleibt derselbe wie zu Beginn der systematischen Pflanzenzüchtung: Pflanzen so weiterzuentwickeln, dass sie den Bedürfnissen der Menschen und den Bedingungen ihrer Umwelt besser entsprechen. Jede neue Sorte ist damit eine Innovation und ein Stück angewandte Zukunftsvorsorge.

Unsere Autorin ist Politologin sowie stellvertretende Geschäftsführerin und Leiterin Kommunikation und Strategie im Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP).

Dieser Beitrag ist am 25. September 2026 als Erstveröffentlichung in der Jubiläumsausgabe der Agrarzeitung erschienen. Der Originalbeitrag ist hier zu finden.

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