Chancen für Startups im Bereich der Agrar- und Ernährungswirtschaft
Es gibt aus technologischer Sicht keinen Grund, warum die Schweiz im Bereich Agri-Food-Tech den derzeitigen Hotspots wie Singapur oder Israel hinterherhinken muss. Ernährung ist vor allem auch eine Frage der Innovationsfähigkeit.
Montag, 6. September 2021
Der Diskurs bei den Agrar- und Klimainitiativen hat die enorme Vielfalt der Standpunkte gezeigt und neben den ökologischen Herausforderungen auch die sozialen, politischen und ökonomischen Schwierigkeiten in den Mittelpunkt gerückt. Gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen wie Klimawandel, Food-Waste, Fleischkonsum, artgerechte Tierhaltung, Tierwohl, Bodenfruchtbarkeit, gesundes Altern sowie die Last der Gesundheitskosten gewinnen zunehmend an Relevanz. Die Schaffung eines nachhaltigen Ernährungssystems, Stichwort «one planetary health», ist sowohl in der Schweiz wie auch in der Welt insgesamt eines der drängendsten Probleme – werden doch im Jahr 2050 etwa 9 Milliarden Menschen auf der Erde leben.
Innovation und Wettbewerbsfähigkeit
Praktikable Lösungen erfordern eine zukunftsgerichtete, ganzheitliche Betrachtungsweise, neue Produktionsansätze und eine Beteiligung aller – von der Landwirtschaft, der verarbeitenden Industrie, dem Handel, der Politik und der Wissenschaft bis hin zum Konsumenten. Innovative Ideen und Lösungen im Bereich der Agri- oder Food-Tech wie «indoor farming», «cell-based protein», «3-D-printed food», «novel food ingredients» haben grosses Potenzial zur Lösung der anstehenden Probleme.
Die Schweiz belegt seit Jahren eine Spitzenposition im Bereich von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit und verfügt über beste Voraussetzungen, um mit ihren Hochschulen, Unternehmen, Startups, den finanziellen Mitteln, den politischen Rahmenbedingungen und den offenen und engagierten Konsumenten ein stabiles und erfolgreiches «Agri-Food-Tech-Ecosystem» auf die Beine zu stellen.
Die Schweiz könnte dieses Potenzial allerdings noch besser und stärker ausschöpfen in Richtung einer nachhaltigeren Nahrungsmittelproduktion und -verwertung.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Innovationsökosystem mit den verschiedenen Innovationsnetzwerken, Plattformen und Förderprogrammen. Sie helfen, Ideen entstehen zu lassen, sind Katalysatoren und Kompetenzvermittler. Gemeinsam mit der hervorragenden Forschungslandschaft, den Unternehmen und Startups können so neue, innovative Lösungen entwickelt und global erfolgreich skaliert werden.
Es gibt aus technologischer Sicht keinen Grund, wieso die Schweiz im Agri-Food-Tech-Bereich den derzeitigen Hotspots wie Singapur oder Israel hinterherhinken muss. Herausforderungen bestehen im Bereich der Regulierung und der Finanzierung. Themen wie neuartige Lebensmittel (Novel-Food-Verordnung), neue Konzepte zur Förderung von Ideen oder das schnelle Umsetzen im Markt gilt es anzugehen.
Innovationsökosystem ist zentral
Insbesondere die Unterstützung des Innovationsökosystems und neue Wege in der Förderung von Startups sind zentrale Fragen. Die Schweiz ist noch geprägt von einem breiten Mittelstand – wie kann durch geeignete Konzepte aus den vielen Startups die nächste Generation der eigenständigen Unternehmen im Nahrungsmittelsektor aufgebaut werden? Hier liegt gesamtwirtschaftlich eine grosse Chance, die es zu nutzen gilt.
Eine Innovationsoffensive im Lebensmittel- und Ernährungsbereich ist angezeigt. Ähnlich wie die Strategie Digitale Schweiz, die der Bundesrat im September 2018 verabschiedet hat, kann auch der Agri-Food-Tech-Bereich mit all seinen Chancen für eine grössere Nachhaltigkeit und wirtschaftlichen Erfolg in den Fokus politischer Strategien gestellt werden.
Innovations-Biotop Schweiz fördern
Die forschenden Industrieunternehmen Syngenta, Bayer und DSM unterstützen in Zusammenarbeit mit dem Branchenverband scienceindustries seit mehreren Jahren den Start-up Innovation Corner an der Konferenz «Brennpunkt Nahrung», der von Swiss Food Research ins Leben gerufen wurde. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Innovations-Biotop Schweiz.
Dieser Beitrag wurde von Daniel M. Böhi, Unternehmer und Direktor des Founder Institute im kalifornischen Palo Alto, Bettina Brinkmann, Mitgründerin des Zürcher Think-Tanks Food Visionaries, und Peter Braun, CEO von Swiss Food Research, verfasst. Er erschien als Erstveröffentlichung in der Neuen Zürcher Zeitung vom 20. Oktober 2021.
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