«Die EU macht vorwärts – die Schweiz darf den Anschluss nicht verlieren»

«Die EU macht vorwärts – die Schweiz darf den Anschluss nicht verlieren»

Die EU hat die genomische Pflanzenzüchtung weitgehend zugelassen. Vier Pflanzenforscher der Universität Zürich, ETH und Agroscope ordnen den EU-Entscheid vom 17. Juni 2026 ein.

Freitag, 19. Juni 2026

«Heute schreiben wir Geschichte» – mit diesen Worten brachte Berichterstatterin Jessica Polfjärd die Stimmung im EU-Parlament auf den Punkt. Am 17. Juni 2026 hat es die neuen Züchtungsmethoden weitgehend freigegeben; weil die Mitgliedstaaten bereits zugestimmt hatten, ist die Verordnung beschlossene Sache. Was die Wissenschaft seit Jahren festhält, ist damit auch regulatorisch angekommen: Die neuen genomischen Techniken (NGT) sind sicher – und eine wichtige Ergänzung zum Pflanzenschutz im Kampf gegen Klimawandel und Pilzkrankheiten. Die Schweiz hingegen zögert. Wir haben vier Schweizer Pflanzenforscher um eine Einordnung gebeten.

Was bedeutet ein positiver EU-Entscheid aus Ihrer Sicht für den Forschungsstandort Schweiz?

Prof. em. Beat Keller, Universität Zürich: «Im Vergleich zum EU-Entscheid ist die aktuelle und auch die geplante Regulierung solcher Technologien in der Schweiz deutlich restriktiver. Dies stellt einen erheblichen Nachteil für den Forschungsstandort Schweiz dar. Auch die Schweizer Landwirtschaft wird – anders als jene in der EU – nicht in gleichem Mass von den erwarteten Fortschritten in der Pflanzenzüchtung profitieren können.»

Prof. Bruno Studer, ETH Zürich: «Der Entscheid des EU-Parlaments stärkt die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Forschungsraums und erhöht den Druck auf die Schweiz, regulatorisch nicht abseits zu stehen.»

Prof. Ueli Grossniklaus, Universität Zürich: «Ohne eine angepasste Regulierung riskiert die Schweiz, Forschung und Innovation sowie deren praktische Anwendung anderen Ländern zu überlassen. Ich hoffe, dass auch die Schweiz die Reglementierung so weiterentwickelt, dass das grosse Potenzial der neuen Züchtungstechniken auch hierzulande genutzt werden kann.»


Was verändert der Entscheid für die Forschung – und wie rasch kommt er in der Praxis an?

Prof. em. Beat Keller, Universität Zürich: «Moderne Züchtungstechnologien erlauben es, Kulturpflanzen wesentlich präziser und zielgerichteter zu verbessern als mit herkömmlichen Methoden. Gleichzeitig verkürzen sie die Entwicklungszeit neuer Sorten, sodass die Züchtung schneller auf aktuelle Herausforderungen reagieren kann – beispielsweise auf neu auftretende Krankheitserreger, die durch den Klimawandel begünstigt werden.»

Dr. Etienne Bucher, Agroscope: «Konkrete Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung können nun schneller in der Praxis genutzt werden.»

Prof. Bruno Studer, ETH Zürich: «Für die Pflanzenforschung schafft der Entscheid wichtige Planungssicherheit und erleichtert den Transfer von Innovationen in die Praxis.»


Was bringen die neuen Methoden konkret für Landwirtschaft und Umwelt?

Prof. Ueli Grossniklaus, Universität Zürich: «Neue Züchtungstechniken beschleunigen die Entwicklung klimaresilienter und ressourceneffizienter Sorten. Sie schaffen die Grundlage für eine nachhaltige Landwirtschaft, wie sie für die Zukunft der Schweiz unumgänglich ist.»

Prof. Bruno Studer, ETH Zürich: «Neue genomische Techniken können helfen, resilientere und ressourceneffizientere Kulturpflanzen zu züchten und Prinzipien der Agrarökologie in der Landwirtschaft umzusetzen.»

Dr. Etienne Bucher, Agroscope: «Relativ rasch werden wir konkrete Resultate sehen, die zu einer Reduktion von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft führen können. Zudem lassen sich mit diesen neuen Zuchtmethoden Kulturpflanzen schneller an den Klimawandel anpassen.»

Zu den Experten:

Prof. em. Beat Keller: Keller ist ehemaliger Professor für Molekulare Pflanzenbiologie an der Universität Zürich und einer der renommiertesten Experten im Bereich der Weizenzucht - die ebenfalls unter den Begriff Gentechnik fällt.

Prof. Dr. Bruno Studer: Bruno Studer ist Professor für Molekulare Pflanzenzüchtung und Leiter der gleichnamigen Gruppe an der ETH in Zürich. Die Professur Molekulare Pflanzenzüchtung steht in enger Zusammenarbeit mit Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung.

Dr. Etienne Bucher: Bucher leitet eine Forschungsgruppe am Schweizer Kompetenzzentrum Agroscope. Als anerkannter Experte widmet er sich seit vielen Jahren der Erforschung neuer Züchtungsmethoden, die in der Schweiz derzeit noch unter das Gentechnik-Moratorium fallen.

Prof. Ueli Grossniklaus: Grossniklaus ist Direktor des Instituts für Pflanzen- und Mikrobiologie an der Universität Zürich und ein international renommierter Experte für die Entwicklungsgenetik von Pflanzen.

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