Ist Bio ökologischer?
Eine Studie der Technischen Universität München (TUM) stellt die These auf, dass die biologische Landwirtschaft deutlich geringere Umweltkosten verursache als die konventionelle Landwirtschaft. Der Agrarökonom Herbert Strübel widerspricht jedoch, da die deutlich niedrigeren Erträge der Biolandwirtschaft nicht in die Rechnung miteinbezogen werden.
Donnerstag, 9. Februar 2023
In einer Ende Januar 2023 zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin publizierten Studie der Professur für Ökologischen Landbau und Pflanzenbausysteme der TUM bescheinigen Forschende dem Biolandbau eine bessere Klima- und Umweltbilanz als der konventionellen Anbauweise. Konkret sollen die Umweltkosten beim Ökolandbau pro Hektare um rund 800 Euro geringer ausfallen. Die Münchner Forschenden kommen zum Schluss, dass pro Jahr rund vier Milliarden Euro an Umweltkosten eingespart werden könnten, wenn die von Deutschland angestrebten 30 Prozent Bioanbauflächen erreicht würden.
Gravierende Lücken
Wie das deutsche Onlineportal «top agrar» berichtet, liegen diesen Berechnungen jedoch gravierende Lücken zugrunde. Diese hat der emeritierte Agrarökonom Herbert Strübel von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf in einem Kommentar aufgegriffen. Gemäss Strübel blenden die Studienautoren die Umweltkosten, die durch die Mindererträge des Biolandbaus einhergehen, komplett aus. Die Münchener Forschenden weisen selbst darauf hin, dass die Ernten im Ökolandbau im Durchschnitt um 50 Prozent niedriger ausfallen als in der konventionellen Landwirtschaft. Die daraus resultierenden Mindererträge müssen in der Praxis durch Ersatzbeschaffungen kompensiert werden. Dies geschieht in aller Regel durch den Import von Nahrungsmitteln.
Importe verursachen Umweltkosten
Die importierten Lebensmittel verursachen ebenfalls Produktions- und Umweltkosten. Nur fallen die Umweltkosten anstatt im Inland im Ausland an: «Werden die Mindererträge des Ökolandbaus, wie zurzeit vorherrschend, durch zusätzliche Importe ausgeglichen, verlagern sich diese Wirkungen ins Ausland (virtuell importierte Flächen) und verstärken sich, weil dort aufgrund niedriger Erträge die Landnutzungsänderungen noch grössere Flächen betreffen können und zusätzliche Emissionen durch Transporte und Transportverluste entstehen», schreibt Strübel auf «top agrar». Strübel berechnet, dass für die Ersatzbeschaffungen folgende Kosten anfallen:
- Zusätzliche Produktionskosten für die gleiche Erntemenge in der Höhe von 4 Milliarden Euro
- Umweltkosten aus der Ersatzproduktion in Höhe von 4 Milliarden Euro
- Umweltkosten aus Landnutzungsänderungen in Höhe von 6 Milliarden Euro
Den von den Münchner Forschenden errechneten Einsparungen von vier Milliarden Euro stehen auf einmal Kosten in der Höhe von 14 Milliarden Euro gegenüber, die durch Importe anfallen. Das Fazit von Strübel: «30 Prozent Ökolandbau sparen zwar 4 Milliarden Euro an Umweltkosten ein, verursachen aber andererseits mehr als 10 Milliarden Euro an Umweltkosten und dazu noch 4 Milliarden Euro an zusätzlichen Produktionskosten.» Das heisst im Klartext: Die These, dass der Ökolandbau weniger Umweltkosten verursacht als der konventionelle Anbau von Lebensmitteln, lässt sich mit der Studie der TU München nicht erhärten, wenn richtigerweise Umweltkosten auch ins Verhältnis zu den Erträgen gesetzt werden.
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