Sushi aus Schweizer Reis – seit ein paar Jahren möglich
Wo früher Feldsalat und Kartoffeln wuchsen, gedeiht heute eine Kultur, die man bisher eher aus Asien kennt: Reis. Was nach exotischer Spielerei klingt, hat sich in einigen Regionen der Schweiz zu einer spannenden Nische mit Zukunft entwickelt.
Montag, 27. Oktober 2025
Wer schon mal in Südostasien in den Ferien war, kennt den Anblick: Reisfelder, soweit das Auge reicht. Die Pflanzen, meist im Wasser stehend, liefern der asiatischen Küche eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel überhaupt. Reis ist in diesen Breitengraden, was in unserer Küche Weizen oder Kartoffeln sind.
Doch die Zeiten für unsere hiesigen Hauptnahrungsquellen werden zunehmend schwierig. Der Klimawandel, der steigende Schädlingsdruck und immer strengere Auflagen im Pflanzenschutz machen den Anbau von Weizen, Kartoffeln und anderen Grundnahrungsmitteln anspruchsvoller. Studien gehen davon aus, dass allein aufgrund von Hitze und Trockenheit die Ernteerträge zwischen 2050 und 2060 um mehr als 50 Prozent zurückgehen könnten. Kein Wunder also, dass die Schweizer Landwirtschaft nach Alternativen sucht – und auf Reis kommt.
Im Kanton Tessin wird bereits seit einiger Zeit Reis angebaut, und zwar im sogenannten Trockenbau. Anders als in Asien entstehen dort keine weiten, überschwemmten Felder. Vielmehr gedeihen die Pflanzen auf gut durchlässigen Böden, die regelmässig bewässert werden. Der Tessiner Ansatz zeigt, dass selbst in eher trockenen Gebieten ein wirtschaftlich tragfähiger Reisanbau möglich ist.
Reis statt Feldsalat
Noch weiter geht man im Schweizer Mittelland. Hier wird seit einigen Jahren auch Nassreis kultiviert – ähnlich wie in den klassischen asiatischen Anbaugebieten. Auf rund 14 Landwirtschaftsbetrieben nördlich der Alpen werden derzeit etwa 240 Tonnen pro Jahr geerntet. Die Felder stehen dabei im Wasser, was nicht nur das Wachstum der Pflanzen begünstigt, sondern zugleich wertvolle Lebensräume für Amphibien, Libellen und andere feuchtliebende Arten schafft. Agroscope, das landwirtschaftliche Forschungsinstitut des Bundes, begleitet diese Projekte wissenschaftlich und unterstützt die Betriebe bei der Optimierung des Anbaus.
Einer der Pioniere ist der Berner Landwirt und Agraringenieur Léandre Guillod. Zusammen mit seinem Bruder ist er heute der grösste Reisproduzent nördlich der Alpen. Auf seinen Feldern im Seeland und in Aarberg wuchs früher Feldsalat – doch der Temperaturanstieg in den heissesten Monaten verhindert zunehmend dessen Keimung. Reis hingegen profitiert von der Wärme. «Je heisser, desto besser», sagt Guillod und hat mit dem neuen Kulturgut eine vielversprechende Alternative gefunden.
Andere Pflanze, ähnliche Herausforderungen
Ganz ohne Hürden geht es aber nicht. Über alle Betriebe hinweg zeigt sich ein gemischtes Bild: Der Nassreisanbau erfordert viel Erfahrung, technische Präzision und Geduld. Erfolge wechseln sich mit Ausfällen durch kühle Sommer oder hohen Unkrautdruck ab. Die Verarbeitung kleiner Mengen ist aufwendig, was den Preis in die Höhe treibt – Schweizer Reis kostet im Handel rund zwölf Franken pro Kilo. Damit bleibt er vorerst ein Nischenprodukt für eine Kundschaft, die regionale Herkunft zu schätzen weiss.
Zudem zeigt sich, dass ein mehrjähriger Anbau auf demselben Feld Probleme mit hartnäckigem Unkraut verursachen kann. Deshalb setzen viele Landwirte auf Fruchtfolgen oder lassen Felder vorübergehend ruhen, um die Böden zu entlasten. Fachleute betonen, dass gute Anbautechnik, gezielte Unkrautbekämpfung und ein sorgfältiges Wassermanagement entscheidend für den Erfolg sind.
Der Reis mag angesichts der sich wandelnden Umweltbedingungen eine Zukunft in der Schweiz haben. Doch auch er ist nicht vor denselben Herausforderungen gefeit, die andere Kulturen treffen. Ohne wirksamen Pflanzenschutz und robuste Sorten dürfte das Experiment mit dem Schweizer Reis wohl buchstäblich ins Wasser fallen – und das wäre schade um eine Kultur, die zeigt, wie wandlungsfähig und anpassungsbereit die Schweizer Landwirtschaft sein kann.
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