Düngerkrise erreicht Europa – und die Schweiz?
Der Irankrieg lässt die Düngerpreise steigen, Europa droht eine Versorgungslücke. Die Schweiz bleibt vorerst gelassen – aus gutem Grund.
Publiziert: 12.06.2026, 09:43 Uhr
Rund ein Drittel des Welthandels mit stickstoffbasiertem Dünger läuft durch die Strasse von Hormus. Die wegen des Irankrieges anhaltende Blockade der Meerenge treibt die Düngerpreise seit Monaten nach oben. Was zunächst vor allem ärmere Weltregionen bedrohte, erreicht zunehmend auch Europa.
Der Hintergrund: Moderne Ackerbau-Erträge hängen unmittelbar am Mineraldünger. Fällt Stickstoffdünger aus oder verteuert er sich stark, sinken die Erträge – und mit ihnen die Verfügbarkeit von Getreide und Futtermitteln.
Die Lage spitzt sich also zu. Die EU sah sich gezwungen, mit einem eigenen Aktionsplan Dünger auf die sich abzeichnenden Engpässe zu reagieren. Er soll die Landwirtschaftsbetriebe kurzfristig entlasten, zugleich die heimische Düngerproduktion stärken und die Abhängigkeit von Importen verringern. Denn wie eine EU-Kommissionssprecherin erklärt, hätten bisherige Kriege und Krisen gezeigt, dass der Preisschock am Düngemittelmarkt sechs bis zwölf Monate später in den Lebensmittelgeschäften ankommen wird. Die kommenden Monate werden also spannend oder eben teuer.
Und der Stickstoff ist offenbar erst der Anfang. Wie die Agrarzeitung warnt, könnte schon 2027 die nächste Verknappung drohen – diesmal bei Schwefel und Phosphor, zwei weiteren Grundbausteinen des Düngers. Die Engpässe dürften die Branche also länger beschäftigen.
Lagerhaltung zahlt sich aus
Und die Schweiz? Auch hier sind die Preise für Dünger gestiegen. Doch laut Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung zeichnet sich eine Störung der Versorgung in der Schweiz derzeit nicht ab. Der Grund ist Vorsorge: Die Schweiz hält Pflichtlager für Stickstoffdünger, auf die bei Bedarf zurückgegriffen werden kann. Während Europas Bauern auf Brüsseler Notfallgelder warten, hat die Schweiz einen Puffer.
Die Lehre: Versorgungssicherheit ist kein Naturgesetz. Sie ruht auf widerstandsfähigen Lieferketten, eigener Produktion und pragmatischer statt ideologischer Politik. Eine produktive Landwirtschaft und eine funktionierende Vorleistungsindustrie sind strategische Werte – nichts, was man wegregulieren sollte. Die Pflichtlager verschaffen der Schweiz Zeit; die strukturelle Antwort heisst Diversifizierung und effizientere Düngung. Wer Ernährungssicherheit will, muss vorsorgen. Die Schweiz hat es vorgemacht.
Über swiss-food.ch
swiss-food.ch ist eine Informationsplattform der forschenden Lebensmittel- und Agrartechnologiebranche und bündelt faktenbasierte Inhalte zu Ernährung, Landwirtschaft, Pflanzenschutz und Biotechnologie. Die Beiträge werden redaktionell aufbereitet, die verwendeten Quellen sind im Text verlinkt. Getragen wird die Plattform durch Syngenta und Bayer.
Sources
Parkinson, Zölle, Hormus: Bayer-Chef Bill Anderson über globale Risiken
swiss-food.ch - Das Nadelöhr des Hungers: Wie die Krise am Golf die Weltmärkte erschüttert
Kommission legt Plan zur Sicherung der Düngemittelversorgung und Ernährungssicherheit in Europa vor
EU mit Aktionsplan gegen hohe Düngemittelpreise | tagesschau.de
René Rempt rät: Vergiss Stickstoff, die echte Krise 2027 heißt Schwefelsäure
Ähnliche Artikel
Das Nadelöhr des Hungers: Wie die Krise am Golf die Weltmärkte erschüttert
Während in der Schweiz die Heizölpreise Achterbahn fahren, droht andernorts eine Katastrophe weit grösseren Ausmasses. Die Blockade der Strasse von Hormus kappt nicht nur die Ölversorgung, sondern unterbricht die weltweite Lebensader für Düngemittel – mit fatalen Folgen für die globale Ernährungssicherheit.
«Biologicals» – Biowirkstoffe aus der Forschung
Moderne Pflanzenschutzmittel müssen sicher, zielgerichtet und kurzlebig sein, also kurz nach Erreichen des Ziels abgebaut werden, ohne biologisch aktive Abbauprodukte zu hinterlassen.
Mythen zur Nahrungsmittelproduktion
Die «richtige» Ernährung spielt für viele Menschen eine immer wichtigere Rolle. Ein gesunder Lebensstil ist zu einem Statussymbol geworden. Entsprechend emotional wird über gesunde Nahrungsmittel und nachhaltige Produktionsweisen debattiert. Viele überholte Vorstellungen und Mythen haben sich in den Köpfen vieler Konsumentinnen und Konsumenten festgesetzt. Nachfolgend ein paar Mythen und ihre Dekonstruktion.
Die Anti-Food Waste-Banane
Die britische Biotechfirma Tropic hat mit der Genschere CRISPR/Cas eine Banane entwickelt, die nicht mehr braun wird. In den USA ist sie bereits auf dem Markt, in England hat sie die entscheidende Zulassungshürde genommen. Dieselbe Technik könnte auch helfen, die beliebteste Banane der Welt vor dem Aussterben zu retten.
Tigermücke: Bund setzt auf Massnahmenplan – doch Insektizide bleiben tabu
Invasive Arten wie die Asiatische Tigermücke breiten sich in der Schweiz zunehmend aus. Der Bund schlägt Alarm und will der Mücke mit einem nationalen Massnahmenplan den Garaus machen. Das wirksamste Mittel bleibt aber aussen vor: Insektizide.
Rekordhitze 2026: Warum die Landwirtschaft robuste Sorten braucht
Hitze, Dürre und Hagel haben den Schweizer Bauern 2026 schwer zugesetzt. Im NZZ-Interview warnt Adrian Aebi, Chef des grössten Schweizer Ernteversicherers: «Machen wir so weiter, blutet die Landwirtschaft aus». Für die Zukunft braucht es vor allem robuste Sorten, die Hitze und Trockenheit aushalten.
Kartoffelernte auf Rekordtief, und beim Bund herrscht Stillstand
Der Hitzesommer 2026 hat der Schweizer Kartoffel so stark zugesetzt wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Branche fordert deshalb raschere Fortschritte bei resistenten Sorten – und Zugang zu neuen Züchtungstechnologien, wie sie die EU bereits schrittweise erlaubt. Der Bundesrat lässt sich mit der entsprechenden Gesetzesvorlage derweil Zeit bis 2027.