Düngerkrise erreicht Europa – und die Schweiz?

Düngerkrise erreicht Europa – und die Schweiz?

Der Irankrieg lässt die Düngerpreise steigen, Europa droht eine Versorgungslücke. Die Schweiz bleibt vorerst gelassen – aus gutem Grund.

Freitag, 12. Juni 2026

Rund ein Drittel des Welthandels mit stickstoffbasiertem Dünger läuft durch die Strasse von Hormus. Die wegen des Irankrieges anhaltende Blockade der Meerenge treibt die Düngerpreise seit Monaten nach oben. Was zunächst vor allem ärmere Weltregionen bedrohte, erreicht zunehmend auch Europa.

Bleibe die Meerenge blockiert, drohten schon im Herbst geringere Ernten auf der Nordhalbkugel, mit Engpässen beim Tierfutter und in der Folge teurerem Fleisch und teureren Eiern, wie Bayer-Chef Bill Anderson unlängst in einem Interview warnte.

Der Hintergrund: Moderne Ackerbau-Erträge hängen unmittelbar am Mineraldünger. Fällt Stickstoffdünger aus oder verteuert er sich stark, sinken die Erträge – und mit ihnen die Verfügbarkeit von Getreide und Futtermitteln.

Die Lage spitzt sich also zu. Die EU sah sich gezwungen, mit einem eigenen Aktionsplan Dünger auf die sich abzeichnenden Engpässe zu reagieren. Er soll die Landwirtschaftsbetriebe kurzfristig entlasten, zugleich die heimische Düngerproduktion stärken und die Abhängigkeit von Importen verringern. Denn wie eine EU-Kommissionssprecherin erklärt, hätten bisherige Kriege und Krisen gezeigt, dass der Preisschock am Düngemittelmarkt sechs bis zwölf Monate später in den Lebensmittelgeschäften ankommen wird. Die kommenden Monate werden also spannend oder eben teuer.

Und der Stickstoff ist offenbar erst der Anfang. Wie die Agrarzeitung warnt, könnte schon 2027 die nächste Verknappung drohen – diesmal bei Schwefel und Phosphor, zwei weiteren Grundbausteinen des Düngers. Die Engpässe dürften die Branche also länger beschäftigen.


Lagerhaltung zahlt sich aus

Und die Schweiz? Auch hier sind die Preise für Dünger gestiegen. Doch laut Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung zeichnet sich eine Störung der Versorgung in der Schweiz derzeit nicht ab. Der Grund ist Vorsorge: Die Schweiz hält Pflichtlager für Stickstoffdünger, auf die bei Bedarf zurückgegriffen werden kann. Während Europas Bauern auf Brüsseler Notfallgelder warten, hat die Schweiz einen Puffer.

Die Lehre: Versorgungssicherheit ist kein Naturgesetz. Sie ruht auf widerstandsfähigen Lieferketten, eigener Produktion und pragmatischer statt ideologischer Politik. Eine produktive Landwirtschaft und eine funktionierende Vorleistungsindustrie sind strategische Werte – nichts, was man wegregulieren sollte. Die Pflichtlager verschaffen der Schweiz Zeit; die strukturelle Antwort heisst Diversifizierung und effizientere Düngung. Wer Ernährungssicherheit will, muss vorsorgen. Die Schweiz hat es vorgemacht.

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