Das Nadelöhr des Hungers: Wie die Krise am Golf die Weltmärkte erschüttert

Das Nadelöhr des Hungers: Wie die Krise am Golf die Weltmärkte erschüttert

Während in der Schweiz die Heizölpreise Achterbahn fahren, droht andernorts eine Katastrophe weit grösseren Ausmasses. Die Blockade der Strasse von Hormus kappt nicht nur die Ölversorgung, sondern unterbricht die weltweite Lebensader für Düngemittel – mit fatalen Folgen für die globale Ernährungssicherheit.

Montag, 27. April 2026

Alle schauen seit Wochen auf die Strasse von Hormuz. Kommen Schiffe durch? Gibt es eine totale Blockade oder nicht? Die Situation ist unübersichtlich. Klarer ist der Blick auf die Energiepreise. Pendelten in der Schweiz die Preise für Heizöl im Februar an der 100 Franken Grenze pro 100 Liter, schossen diese Anfang April bis auf über 150 Franken hoch. Gegen Ende des Monats pendeln die Preise um die 130 CHF. Während diese Preisschwankungen in den Heizkellern und den Zapfsäulen auch hierzulande den Leuten im Portemonnaie weh tun, hat der Irankrieg in vielen Gegenden der Welt weit existenzielle Folgen.

Denn die Strasse von Hormuz ist nicht nur für den globalen Ölmarkt Nadelöhr, sondern auch für die Verfügbarkeit von Dünger. Die Region um den Persischen Golf ist einer der weltweit bedeutendsten Exporteure von Harnstoff und Phosphaten – den Grundbausteinen für modernen Dünger. Wenn die Durchfahrt durch die Strasse von Hormuz stockt, trifft das die globale Landwirtschaft im Mark, da ein Grossteil der Düngemittelproduktion auf dem günstigen Erdgas der Region basiert, wie die Financial Times in einem Artikel schreibt.

Fällt dieses Angebot weg oder verteuert sich der Transport massiv, schnellen die Preise für Stickstoffdünger weltweit in die Höhe. Dies hat verheerende Auswirkungen auf die Lebensmittelproduktion, insbesondere in den Ländern der sogenannten Dritten Welt. Das Problem ist die unmittelbare Abhängigkeit der Ernten vom Düngereinsatz. Wenn Bauern in Schwellenländern sich den teuren Stickstoffdünger nicht mehr leisten können, bringen die Felder deutlich weniger Ertrag und damit schnellen auch die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe.

Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten bis Juni weitere 45 Millionen Menschen in ärmeren Ländern von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein. «Die Lebensmittelpreise werden in den kommenden Monaten definitiv steigen, was es für viele Menschen weltweit schwieriger machen wird, sich eine angemessene und gesunde Ernährung zu leisten», erklärte Matin Qaim, Direktor am Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn, gegenüber Al Jazeera. Besonders hart treffe dies die arme Bevölkerung in Afrika und Asien, da diese einen Grossteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müsse; Hunger und Unterernährung werden dort sehr wahrscheinlich zunehmen.

Ins gleiche Horn bläst die Welternährungsorganisation (FAO) der UNO. Auch diese warnte davor, dass eine anhaltende Krise in der Meerenge, zu einer globalen Nahrungsmittelkatastrophe führen könnte. Während 2025 bereits ein Krisenjahr war, treibt der aktuelle Konflikt die Zahl der Betroffenen nun auf schätzungsweise 318 Millionen Menschen hoch. Für Hilfsorganisationen wie das Welternährungsprogramm bedeutet dies eine doppelte Belastung: Verstopfte Häfen, verlängerte Routen sowie steigende Treibstoff- und Lebensmittelpreise führen dazu, dass das Welternährungsprogramm die Hilfe nun massiv priorisieren muss, da die verfügbaren Lebensmittel schlicht nicht mehr für alle reichen. Die Organisation steht damit vor einer fast unlösbaren ethischen Aufgabe, da die logistischen Blockaden und die globale Teuerung die Reichweite der humanitären Einsätze drastisch einschränken. In der Praxis bedeutet dies eine harte Selektion, die das UN World Food Programme in dieser zugespitzten Lage so zusammenfasst: «Wir müssen Lebensmittel von Hungrigen zu Verhungernden umleiten».

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