Es ist nicht alles Gold, was als «pestizidfrei» glänzt
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Es ist nicht alles Gold, was als «pestizidfrei» glänzt

Im indischen Bundesstaat Sikkim ist der Einsatz von synthetischen Pestiziden und Mineraldünger seit 2016 verboten. In westlichen Medien wird das Beispiel gerne als Beweis dafür aufgeführt, dass die Umstellung auf eine 100-prozentige Biolandwirtschaft funktioniere. Mit der Realität hat dies jedoch wenig zu tun. Die Bauern kämpfen mit riesigen Ertragsverlusten, weil ihnen geeignete Mittel zur Schädlingsbekämpfung fehlen. Inspiriert von indischen Aktivisten hatte sich auch Sri Lanka auf den «Pestizidfrei-Pfad» begeben – das Land hat den Weg jedoch nach nur sechs Monaten im November 2021 wieder aufgegeben. Der Grund: Sri Lankas Bauern erlitten massive Ernte- und Qualitätsverluste, die Preise bei den Grundnahrungsmitteln verdoppelten sich.

Montag, 31. Januar 2022

Sikkim ist ein indischer Bundesstaat, der sich im südlichen Himalaya befindet. Mit 600’000 Einwohnern und einer Fläche von etwas mehr als 7000 Quadratkilometern gehört er zu den kleinsten Bundesstaaten Indiens. Im Jahr 2010 begann Sikkim mit der Umstellung der Landwirtschaft auf «pestizidfrei». Seit 2016 sind synthetische Pestizide und Mineraldünger strikt verboten. Bei europäischen Medien und in grünen Kreisen kommt das gut an. Immer wieder wird Sikkim als funktionierendes Beispiel für eine pestizidfreie Landwirtschaft dargestellt. Doch wie Ludger Wess in seinem Blogartikel auf «Salonkolumnisten» schreibt, haben die Bauern vor Ort aufgrund des Pestizidverbots mit gravierenden Problemen zu kämpfen. So stehen im Kampf gegen Schildläuse, Raupen, Wanzen und andere Schädlinge keine potenten Mittel mehr zur Verfügung. Auch gegen Pilzkrankheiten fehlen geeignete Pflanzenschutzmittel.


Massive Ernterückgänge

Die Folgen davon sind gravierend. So ging die Ingwerernte verglichen mit früheren Ernten auf einen Drittel zurück. Auch bei Mais und Hülsenfrüchten sind dramatische Ernteeinbrüche zu verzeichnen: Pro Hektar sind die Erträge von 470 bis 500 Kilogramm auf 130 bis 140 Kilogramm gesunken. Bei Orangen und Kardamom berichten Bauern von 25 bis 50 Prozent, bei Tomaten von Ernteeinbussen von mehr als 50 Prozent im Vergleich zur Zeit, als synthetische Pestizide noch erlaubt waren. Wie Wess in seinem Beitrag erwähnt, schreiben indische Zeitungen von einem «Fiasko». Nur noch 20 Prozent des Reisbedarfs produziere Sikkim selbst. Beim Weizen sei die Produktion von über 21’000 Tonnen auf 350 Tonnen gefallen. Das wichtigste Exportgut ist Kardamom. Wurden im Jahr 2004 noch 5400 Tonnen erzeugt, so ist diese Zahl auf 4000 Tonnen im Jahr 2015 gesunken. Sikkim ist stark abhängig von Lebensmittelimporten aus Nachbarstaaten, wo die Landwirtschaft konventionell produziert. Zwar mussten schon vor der Wende zur pestizidfreien Landwirtschaft Lebensmittel importiert werden. Der Anteil dürfte sich nun noch vergrössern.



Sikkims Bauern haben das Nachsehen

Wie Wess weiter schreibt, sollte im April 2018 auch die Einfuhr von mit Pestiziden behandeltem Obst und Gemüse nach Sikkim verboten werden. Doch weil sich die Preise versechsfachten, kam es zu Protesten. Die Händler rebellierten. Daraufhin ruderte die Regierung zurück und viele konventionell angebaute Produkte aus Nachbarstaaten blieben erlaubt. Die Leidtragenden sind am Ende Sikkims Bauern. Ihre auf staatliche Anordnung produzierten Bioerzeugnisse müssen mit den günstigeren konventionellen Produkten aus anderen Staaten konkurrieren. Und auch in Sikkim kaufen die Menschen, was preiswert ist. Weil die Regierung zudem eine Preisobergrenze für die Bioprodukte beschlossen hat, können die Bauern ihre geringeren Erträge auch nicht teurer verkaufen. Zwar mag die Biokonversion gemäss Wess einige positive Aspekte haben. So werde den Bauern zum ersten Mal Wissen über die Biologie der Schädlinge, Nährstoffbedarf von Pflanzen oder die Bodenökologie vermittelt. Dies könne langfristig zu Ertragssteigerungen führen. Doch insgesamt kann Sikkim sicher nicht als Vorbild für eine europäische pestizidfreie Landwirtschaft herangezogen werden.

Sri Lanka beendet pestizidfreie Landwirtschaft nach nur sechs Monaten

Sri Lanka hat am 21. November 2021 sein Bestreben aufgegeben, die erste vollständig ökologisch wirtschaftende Nation der Welt zu werden, und angekündigt, das Importverbot für Pestizide und andere landwirtschaftliche Betriebsmittel unverzüglich aufzuheben. Die Behörden hatten bereits einen Monat zuvor die Beschränkungen für die Einfuhr von Düngemitteln für Tee, den wichtigsten Exportartikel des Landes, zurückgenommen. Im Vorfeld geplanter Bauernproteste in der Hauptstadt erklärte das Landwirtschaftsministerium Sri Lankas jedoch, dass es ein umfassenderes Verbot aller Agrochemikalien, einschliesslich Herbiziden und Pestiziden, aufheben werde. «Wir werden nun chemische Betriebsmittel zulassen, die dringend benötigt werden», wird der Ministeriumssekretär zitiert. «Angesichts der Notwendigkeit, die Ernährungssicherheit zu gewährleisten, haben wir diese Entscheidung getroffen.» Die Lebensmittelknappheit hatte sich in den vergangenen Wochen verschärft, und die Preise für Reis, Gemüse und andere Grundnahrungsmittel hatten sich in ganz Sri Lanka verdoppelt. Auch die Supermärkte hatten den Verkauf von Reis rationiert.


Produktionsrückgänge von 40 Prozent

Über die katastrophalen Auswirkungen des Pestizidverbots berichtet auch die «New York Times». Die wichtigsten Kulturpflanzen für den Export wie Reis, Tee oder Kautschuk sind stark auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger angewiesen. Rund drei Viertel von Sri Lankas Landwirten arbeiten mit chemischen Düngemitteln. Auf das plötzlich eingeführte Pestizid- und Düngemittelverbot waren die meisten Bauern nicht vorbereitet. Die Ernteausfälle waren so enorm, dass die Lebensmittelpreise im September 2021 in die Höhe schossen. Gemäss «New York Times» sprechen Teeproduzenten von Ernterückgängen von 40 Prozent. Es gäbe zudem schlicht nicht genügend organischen Dünger in Sri Lanka um den synthetischen zu ersetzen. Sie hoffen, dass der Richtungswechsel der Regierung nicht zu spät kommt und Dünger für die nächste Ernte rechtzeitig importiert werden kann.

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