ARTE-Dokumentation: Gentechnik in der Biolandwirtschaft?

ARTE-Dokumentation: Gentechnik in der Biolandwirtschaft?

Die ARTE-Dokumentation «Gentechnik in der Biolandwirtschaft? | Agree to Disagree!» beleuchtet zentrale Streitfragen der modernen Landwirtschaft: Ist der generelle Ausschluss neuer Züchtungstechnologien noch zeitgemäss? Lässt sich der Widerstand der Biolandwirtschaft wissenschaftlich begründen?

Freitag, 27. Februar 2026

Dazu kommen zwei Experten zu Wort, die ihre Positionen zunächst getrennt darlegen und anschliessend mit den Argumenten des jeweils anderen konfrontiert werden. Die Gegenüberstellung fördert einige bemerkenswerte Widersprüche zutage.

Auf der einen Seite steht Holger Puchta, Professor und Pionier der Gentechnik. Er betont die Vorteile moderner Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas: Durch gezielte genetische Eingriffe könnten widerstandsfähige Pflanzen entstehen, die mit weniger Pflanzenschutzmitteln auskommen. Die konventionelle Gentechnik-Debatte hält er für überholt – moderne Methoden seien präziser, sicherer und könnten wesentlich zur Nachhaltigkeit beitragen.

Auf der anderen Seite vertritt Monika Messmer vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) die klassische Bio-Perspektive. Sie bleibt skeptisch gegenüber neuen genomischen Züchtungstechnologien und setzt auf natürliche Züchtungsverfahren, die ohne direkte Eingriffe ins Erbgut auskommen. Doch die Konfrontation mit Puchtas Argumenten bringt sie in Erklärungsnot – besonders bei einem zentralen Widerspruch der Biolandwirtschaft: dem massiven Einsatz von Kupfer als Pflanzenschutzmittel, beispielsweise gegen Kraut- und Knollenfäule bei Kartoffeln.

Puchta argumentiert, dass gentechnisch gezüchtete, pilzresistente Sorten den Bedarf an Kupfer drastisch senken könnten. Er verweist darauf, dass Kupfer als Zellgift problematisch für Umwelt und Böden ist. Messmer entgegnet, dass das FiBL an einer natürlichen Alternative – einem Extrakt aus Lärchenrinde (Larixyne) – forscht. Doch ein Blick auf die eigene Website des FiBL zeigt: Diese Lösung ist noch weit von einer breiten Anwendung entfernt. Dort heisst es:

«Kupfer wird derzeit als Pflanzenschutzmittel in der biologischen, integrierten und konventionellen Produktion verbreitet eingesetzt – trotz eines problematischen ökotoxikologischen Profils (gelistet als Substitutionskandidat). Die europäische Politik und die Bioverbände sind bestrebt, Kupfer zu ersetzen, aber es fehlt an effizienten und nachhaltigen Alternativen. Zudem müssen sehr grosse Kupfermengen ersetzt werden (mehr als 3200 t metallisches Kupfer allein im europäischen Biolandbau).»

Die Forschung an Larixyne sei zwar fortgeschritten (TRL 6-7), aber weder industrielle Produktion noch Markteintritt seien gesichert. Es bleibt fraglich, ob diese Alternative Kupfer jemals ersetzen kann – ein unausgesprochenes Eingeständnis der Schwächen des Biolandbaus.


Ideologie vs. Innovation

Noch brisanter wird die Diskussion, als Puchta darauf hinweist, dass zahlreiche Pflanzen, die im Biolandbau verwendet werden, durch künstliche Eingriffe in die DNA gezüchtet wurden – Gentechnik steckt also längst in Bio-Produkten, etwa in Pasta aus bestimmten Weizensorten. Messmer kann das nicht bestreiten, bezeichnet es aber als «pragmatische Entscheidung», weil dieses Saatgut eben auf dem Markt verfügbar gewesen sei. Eine ähnlich pragmatische Haltung gegenüber modernen Züchtungsmethoden bleibt jedoch aus.

Die Dokumentation macht deutlich, wie tief die Gräben zwischen Gentechnik-Befürwortern und der Bio-Bewegung sind. Während die eine Seite auf wissenschaftliche Fortschritte setzt, bleibt die andere in traditionellen Denkmustern verhaftet. Die zentrale Frage bleibt: Wie lange kann sich der Biolandbau modernen Züchtungstechnologien verweigern, ohne komplett die eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren?

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