Gene Drive gegen Malaria: Segen oder ökologisches Wagnis?

Gene Drive gegen Malaria: Segen oder ökologisches Wagnis?

Krankheiten wie Malaria fordern jährlich Hunderttausende Opfer. Mit dem sogenannten Gene Drive steht ein Werkzeug bereit, das die Überträger-Mücken theoretisch ausrotten könnte. Doch es stellen sich ethische und ökologische Grundsatzfragen.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Die Vision klingt verlockend: Eine Welt ohne Malaria, ohne Dengue-Fieber und ohne die quälenden Stiche in der Nacht. Da jährlich rund 250 Millionen Menschen an Malaria erkranken und über 600.000 – meist Kinder unter fünf Jahren – daran sterben, erscheint die Ausrottung der übertragenden Anopheles-Mücke fast wie eine moralische Pflicht. Genauso stark ist der Wunsch, ganz von DDT wegzukommen, das die WHO immer noch bei fehlenden Alternativen ermpfiehlt. Die moderne Forschung ermöglicht heute einen weit effektiveren Eingriff, wie die NZZ in einem Artikel aufzeigt. Das Zauberwort heisst Gene Drive.

Technologisch basieren Gene Drive auf der Genschere CRISPR/Cas. In der landwirtschaftlichen Pflanzenzucht ist die Genomeditierung mittels CRISPR/Cas in vielen Ländern längst angekommen, um Nutzpflanzen gezielt widerstandsfähiger gegen Krankheiten oder Trockenheit zu machen. Die Technologie wird weltweit von vielen Regierungen als sicher eingestuft. Sie gilt als präzisere Variante gegenüber der herkömmlichen Pflanzenzucht, die oft auf ungezielter Mutagenese – also Gentechnik durch zufällige Erbgutveränderungen mittels radioaktive Strahlung oder Chemie – beruht. CRISPR/Cas ermöglicht es hier, gewünschte Eigenschaften punktuell und kontrolliert zu verändern und hilft dort, wo diese traditionellen Züchtungsmethoden mittels ungezielter Gentechnik an Grenzen stossen. Mit dieser Begründung bewilligt auch die Schweiz immer wieder Feldversuche mit der nutzbringenden Genschere.

Gene Drive hingegen nutzt CRISPR/Cas auf eine Weise, die viel weiter geht. Hier wird die Genschere so in das Erbgut eingebaut, dass sie sich bei jeder Fortpflanzung selbst kopiert und aktiv die Erbinformation des Paarungspartners umschreibt. Das macht die genetische Veränderung zu einem biologischen Selbstläufer: Die Eigenschaft wird mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 100 Prozent an alle Nachkommen vererbt, egal mit wem sich das Tier paart.

Während die Pflanzenzucht ein kontrolliertes Werkzeug zur gezielten Optimierung ist, sind die langfristigen Konsequenzen eines Gene Drive für ganze Wildpopulationen und Ökosysteme sehr schwer kalkulierbar. Diese Aussicht wirft tiefgreifende ökologische Fragen auf. Mücken sind weit mehr als nur lästige Blutsauger; sie sind ein essentielles Rädchen im Getriebe der Natur. Ihre Larven fungieren in Gewässern als eine Art Umweltpolizei, indem sie organisches Material filtern und so die Wasserqualität stabilisieren. Zudem bilden sie eine wichtige Nahrungsgrundlage für Fische, Vögel und Fledermäuse. Ein vollständiges Verschwinden bestimmter Arten könnte Lücken in die Nahrungskette reissen, deren Folgen wir heute kaum erahnen können.


Gene Drive light

Neben der Ökologie rückt die ethische Dimension ins Zentrum der Debatte. Darf der Mensch die Entscheidung treffen, eine gesamte Spezies vom Planeten zu tilgen? Die Befürworter verweisen auf die Millionen geretteter Menschenleben und die enorme wirtschaftliche Entlastung ganzer Kontinente. Kritiker hingegen mahnen vor dem unwiderruflichen Verlust an Biodiversität und dem Risiko, dass die entstehende ökologische Nische von noch gefährlicheren Erregern besetzt wird.

Eine weniger radikale Lösung könnte darin liegen, nicht die Mücke selbst, sondern gezielt nur ihre Rolle als Krankheitsüberträger auszuschalten, wie die NZZ schreibt. Forscher arbeiten an Gene Drives, die das Immunsystem der Insekten stärken, damit Malaria-Parasiten in ihrem Körper nicht mehr überleben können. In diesem Szenario bliebe die Mücke als Teil des Ökosystems erhalten und würde weiterhin ihre ökologischen Funktionen erfüllen. Sie würde zwar weiterhin stechen, wäre aber kein tödlicher Vektor mehr.

Eine ebenfalls etwas minimalinvasivere Methode hat der Kanton Tessin gewählt, um die Ausbreitung der Tigermücke, die Dengue-Fieber übertragen kann, zu verlangsamen: Die Freilassung steriler Mücken-Männchen.

So oder so: Ein offener Blick auf die sich bietenden Möglichkeiten und eine Debatte, die nebst den Risiken der Technologien selber auch die Risiken der Nichtanwendung dieser Technologien einschliesst, hilft, wie ein Faktenblatt von SCNAT Wissen aufzeigt.

So will Google Dengue-Mücken ausrotten

Während beim Gene Drive noch über Chancen und Risiken diskutiert wird, setzen Forschende auch auf andere innovative Ansätze zur Bekämpfung von Krankheitsüberträgern. Inzwischen engagieren sich auch Grosskonzerne wie Google bei der Eindämmung von Malaria, Dengue-, Chikungunya- oder Zika-Fieber, wie der «Tages Anzeiger» berichtet.

Konkret plant der Konzern mit seinem Projekt namens «Debug», in Kalifornien und Florida 32 Millionen Stechmücken in der Natur auszusetzen. Dabei handelt es sich ausschliesslich um männliche Tiere, die zuvor mit dem Bakterium Wolbachia infiziert wurden. Durch das Bakterium können die Männchen keine Weibchen mehr befruchten. Und genau da liegt der springende Punkt: Die Männchen werden in die freie Wildbahn entlassen, versuchen sich mit Weibchen zu paaren – und scheitern. Das Ergebnis: Die Population schrumpft.

Aus Sicht des Konzerns handelt es sich um eine gezieltere Methode zur Bekämpfung krankheitsübertragender Mücken. Die Methode wurde bereits in Singapur erfolgreich erprobt: Durch die grossflächige Freisetzung sterilisierter Mücken konnte laut Google die Population der Gelbfiebermücke um 80 bis 90 Prozent reduziert werden. Gleichzeitig ging die Zahl der Dengue-Fälle um mehr als 70 Prozent zurück.

Ob der geplante Feldversuch in den USA durchgeführt werden kann, ist noch offen. Die amerikanische Umweltbehörde muss das Vorhaben erst bewilligen.

Tages Anzeiger, 2. Juni 2026

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