Ist Bio nachhaltiger?
Bio-Lebensmittel gelten als Vorzeigebeispiele für Nachhaltigkeit – doch in der Realität landen sie oft schneller im Abfall als konventionelle Produkte. Der Verzicht auf künstliche Konservierungsstoffe und modernen Pflanzenschutz verkürzt die Haltbarkeit drastisch und führt zu mehr Food Waste.
Donnerstag, 9. Juli 2026
Kürzlich meldete sich auf einer Veranstaltung zur Preisgestaltung von Lebensmitteln die Leiterin einer Kindertagesstätte zu Wort. Ihre Kita sei verpflichtet worden, nur noch Biolebensmittel anzubieten. Das habe nicht nur die Kosten um ein Drittel erhöht, sondern auch dazu geführt, dass viel mehr Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Könne es sein, dass die Haltbarkeit von Bio-Lebensmitteln geringer sei als die von konventionell produzierten? Und wenn es so ist, konterkariert das nicht alle Bemühungen, Lebensmittelverschwendung zu verringern?
Was hier nach anekdotischer Evidenz klingt, ist jedoch eine Tatsache. Biolebensmittel, vor allem Obst und Gemüse, sind oft tatsächlich nicht so lange haltbar wie konventionell erzeugte Produkte. Hauptgrund ist der Verzicht auf Wachse, Konservierungsstoffe und andere Hilfsstoffe, die in der konventionellen Produktion häufig eingesetzt werden, um Feuchtigkeitsverlust zu verhindern, das Wachstum von Bakterien und Schimmelpilzen zu hemmen oder die Keimung zu unterdrücken. Auch die Bekämpfung von Schädlingen bei Lagerung und Transport unterscheidet sich bei beiden Produkten deutlich.
Hinzu kommt, dass im Bio-Anbau weniger effiziente Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stehen. Dann können Pilze oder Insekten die Produkte angreifen und bereits kleine, äußerlich kaum sichtbare Schäden können die Lagerfähigkeit reduzieren.
Bei frischem Obst und Gemüse führen diese Unterschiede dazu, dass diese Erzeugnisse schneller Nachreifen und anfälliger für Feuchtigkeitsverlust sowie Schimmel und Bakterien sind. Bei verarbeiteten Produkten (Wurst, Salate usw.) dürfen bei Bio-Ware nur sehr wenige und natürliche Konservierungsstoffe verwendet werden, was die Haltbarkeit ebenfalls verringert. Hinzu kommt, dass Bio-Produkte oft reifer geerntet werden, da sie nicht für lange Transporte optimiert sind. Auch das kann zu schnellerem Verderben führen.
Auch Bio-Brot hält sich oft kürzer als konventionelles Brot. Während ein konventionelles verpacktes Toastbrot mehrere Wochen haltbar sein kann, hält frisches Biobrot oft nur 2–4 Tage, Roggen-/Sauerteig-Biobrote 4–9 Tage. Die Unterschiede sind vor allem auf die Zusatzstoffregelungen zurückzuführen. Bei Bio-Backwaren dürfen weniger künstliche Konservierungsstoffe, Emulgatoren oder andere Zusatzstoffe eingesetzt werden, während konventionelles Brot oft Zusatzstoffe enthält, die Schimmelbildung verzögern und die Feuchtigkeit besser binden.a
Bei Getreide und Getreideprodukten (Müsli, Mehl usw.) ebenso wie bei Nüssen und Trockenobst zeigt sich ein ähnliches Bild. Hier kommen Schädlinge wie Kornkäfer, Lebensmittelmotten usw. bei Bio-Produkten häufiger vor, so dass diese Produkte öfter weggeworfen werden müssen. Konventionelle Produkte werden z.B. mit Phosphan oder Sulfurylfluorid begast. Diese Gase dringen tief in Verpackungen und Schüttgüter ein und töten alle Entwicklungsstadien der Schädlinge zuverlässig ab; bei Bioprodukten sind zur Schädlingsbekämpfung nur Kälte, Hitze oder Schlupfwespen sowie als Begasungsmittel Stickstoff und CO2 erlaubt.
Anders dagegen kann es bei Bio-Milch oder Kartoffeln und Rote Beete aus Bio-Anbau aussehen. Bio-Milch wird oft höher erhitzt; Kartoffeln und Rote Beete haben in Bio-Qualität durch festere Gewebestruktur, höhere Trockenmasse oder weniger Nitratgehalt Vorteile, weil diese Eigenschaften den mikrobiellen Befall erschweren kann. Diese Produkte sind daher manchmal länger haltbar als konventionelle Ware.
Last not least kommt es bei Bio-Produkten häufiger zu Lebensmittelrückrufen, weil sie Tropanalkaloide wie Atropin und Scopolamin oder Mutterkornalkaloide enthalten. Ursache ist hier mangelnde Feldhygiene. Mutterkornalkaloide stammen in der Regel aus Mutterkornpilzen, die Getreide, vorzugsweise Roggen befallen, kommen aber auch in Windengewächsen vor. Sie werden meist von Ungräsern übertragen, die entweder im Feld oder am Randstreifen (Bankette) wachsen. Tropanalkaloide stammen aus Stechapfel, Bilsenkraut und verwandten Beikräutern. Beikräuter werden im Biolandbau oft toleriert und wenn die Belastung durch Giftpflanzen hoch ist, gelingt die Entfernung von Verunreinigungen durch Samen und Mutterkornpilzen nach der Ernte nicht vollständig.
Auch hier zeigt sich wieder, dass Bioprodukte nicht automatisch nachhaltiger sind. Das ist besonders ärgerlich, weil die Schweiz mit rund 330 Kilogramm Lebensmittelabfall pro Person und Jahr über die gesamte Wertschöpfungskette zu den Spitzenreitern in Europa zählt. Im Vergleich dazu liegt der EU-Durchschnitt bei etwa 129 Kilogramm pro Kopf. Ein Drittel aller produzierten Lebensmittel in der Schweiz geht verloren, was rund einem Viertel der gesamten Umweltbelastung durch Ernährung entspricht.
Autor des Artikels: Ludger Weß, promovierter Biochemiker und Wissenschaftsjournalist. Als profunder Kenner der agrarwissenschaftlichen Forschung engagiert er sich für eine faktenbasierte Debatte über unsere Ernährung, landwirtschaftliche Produktion und neue Züchtungstechnologien.
Ähnliche Artikel
Mehr Bio bedeutet nicht mehr Biodiversität
Der Schlüssel zu mehr Biodiversität liegt gemäss einem Forscherteam der Universität Göttingen in einem landschaftlichen Mosaik an natürlichen Lebensräumen sowie kleinen und vielfältigen Anbauflächen.
Biobauer fordert Genom-Editierung für den Obstbau
Die hohe Zahl an Pflanzenschutzbehandlungen fordert Biobauern stark. Einer davon ist Apfelbauer Marco Messerli aus Kirchdorf BE. Ganze 48-mal musste er anfällige Apfelsorten mit biologischen Pflanzenschutzmitteln behandeln. Zu viel, findet er und fordert jetzt die Zulassung von neuen Züchtungsmethoden. Experten geben dem Bauern Recht.
«Die Berner Winzer spritzen und spritzen»
Der viele Regen diesen Sommer hat den Berner Winzern zugesetzt und einmal mehr klargemacht, dass es ohne Pflanzenschutz nicht geht – schon gar nicht in schwierigen Anbaujahren. Dass auch pilzwiderstandsfähige Sorten von Ernteverlusten betroffen sind, zeigt, wie prekär die Lage ist. Nichtsdestotrotz zaudert der Bund, wenn es um die Zulassung moderner Pflanzenschutzmittel und neuer Züchtungstechnologien geht.
«Natürlich ist gesund, Chemie ist Gift»
Alles, was in der Natur vorkommt, ist gesund und synthetisch hergestellte Stoffe, also «chemische» Substanzen, sind giftig. Dieser Mythos ist schnell zu entkräften: In der Natur kommen viele hochgiftige Stoffe vor und gleichzeitig gibt es viele synthetisch hergestellte Substanzen, welche ungefährlich sind.
Future Foods: Nachhaltig, aber auch wirtschaftlich?
Angesichts von Klimawandel, zunehmendem Schädlingsdruck und einer wachsenden Bevölkerung steht die globale Landwirtschaft vor gewaltigen Herausforderungen. Um unsere Ernährungssicherheit langfristig zu gewährleisten, rücken neue Kulturen in den Fokus. Eine aktuelle Studie zeigt das Potenzial von 30 «Future Foods» für die Schweiz auf.
Mythen zur Nahrungsmittelproduktion
Die «richtige» Ernährung spielt für viele Menschen eine immer wichtigere Rolle. Ein gesunder Lebensstil ist zu einem Statussymbol geworden. Entsprechend emotional wird über gesunde Nahrungsmittel und nachhaltige Produktionsweisen debattiert. Viele überholte Vorstellungen und Mythen haben sich in den Köpfen vieler Konsumentinnen und Konsumenten festgesetzt. Nachfolgend ein paar Mythen und ihre Dekonstruktion.
«Kleinbäuerinnen und -bauern erzeugen 70 % der weltweiten Nahrungsmittel»
Es tönt eindrücklich, wird seit Jahren verbreitet und 2026 einmal mehr auch durch die Fastenaktion behauptet: «Kleinbauern und -bäuerinnen bilden das Rückgrat der Nahrungsmittelproduktion»