Mit Tee krank statt schlank
Pflanzenschutzmittel stehen häufig im Fokus öffentlicher Kritik. Weniger beachtet wird, dass auch natürliche Inhaltsstoffe in Tees und Nahrungsergänzungsmitteln wirksam sind und gesundheitliche Risiken bergen können.
Donnerstag, 5. Februar 2026
In regelmässigen Abständen wird in den Medien die Angst vor Pflanzenschutzmitteln geschürt. Überall seien Rückstände nachweisbar und vor allem werde übersehen, dass auf Obst und Gemüse «nicht nur ein Pestizid haftet, sondern viele – und diese Mischungseffekte kaum bewertet werden».
Nun bedeutet Nachweisbarkeit gar nichts, denn nachweisbar ist heute dank moderner Analytik die sprichwörtliche Erbse in einem Güterzug mit Bohnen, der halb um den Äquator reicht. Entscheidend ist wie immer die Dosis. Ein Fliegenpilz im Pilzragout ist nicht schlimm, aber acht machen sich bemerkbar. Das führt uns zum Thema der Grenzwerte, und da deren Einhaltung regelmässig überwacht wird, gibt es darüber Statistiken. 2024 analysierte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) 16'423 Lebensmittelproben auf das Vorhandensein von Pflanzenschutzmittelrückständen. Rund die Hälfte dieser Proben wies überhaupt keine quantifizierbaren Rückstände auf. Im Vergleich zu 2023 entspricht dies einem deutlichen positiven Trend: Der Anteil der Proben ohne messbare Pestizidrückstände stieg um rund zehn Prozent. Nur etwa 1 Prozent der Proben aus Deutschland und der EU überschritten die Höchstgehalte, bei Importware aus Nicht-EU-Staaten lag der Anteil bei 8,5 Prozent.
Dann kommt gewöhnlich das bereits geschilderte Argument mit dem «Giftcocktail» aus Pestiziden. Niemand könne wissen, wie die Rückstände miteinander im Körper in Wechselwirkung treten würden. Dann seien auch Mengen unterhalb der Grenzwerte möglicherweise gefährlich, weil sich das Risiko summiere oder sogar multipliziere. Nun gibt es dazu kaum Arbeiten, die diese These stützen, aber das ist das Schöne an Thesen, die mit «Niemand kann ausschliessen, dass …» beginnen. Ausschliessen kann Wissenschaft tatsächlich nichts – nicht einmal, dass Aliens eine unterirdische Mondbasis gebaut haben.
Angst vor den falschen Dingen
Aber wie gewöhnlich fürchten wir uns vor den falschen Dingen, genauer gesagt, vor den falschen Pestiziden. Schon vor Jahrzehnten hat der Toxikologe Bruce Aimes in den USA nachgewiesen, dass mehr als 99 Prozent aller Pflanzenschutzmittel, die wir mit der Nahrung zu uns nehmen, natürlichen Ursprungs sind. Warum ist das so?
Pflanzen möchten nicht gefressen werden, aber sie können nicht fliehen. Daher schützen Sie sich vor Fressfeinden auf andere Weise, mit Dornen und Stacheln, der Einlagerung von scharfkantigen Kristallen, mit Brennhaaren oder eben mit der Bildung von chemischen Waffen: Bitterstoffe ebenso wie Giftstoffe. Die Kartoffel enthält das Insektizid Solanin, gegen das nur der Kartoffelkäfer immun ist. Rosmarin, Lavendel und Zwiebel bilden ätherische Öle gegen Insekten, Sonnenblumen Sesquiterpenlactone und Phenolsäuren, die Schlüsselblume Saponine, Schöllkraut gleich mehr als 20 Alkaloide sowie organische Säuren und Flavonoide usw. Viele Pflanzen produzieren dazu noch Fungizide und Antibiotika, oder – wie etwa die Walnuss oder der Fenchel – Herbizide, die das Wachstum anderer Pflanzen unterdrücken.
All diese Stoffe liegen in Konzentrationen von u. U. mehreren Milligramm pro Kilo vor. Bei Rückständen von synthetischen Pflanzenschutzmitteln aus der Landwirtschaft reden wir über Nano- oder Picogramm. Um es anschaulich zu machen: Wenn wir uns ein Picogramm als Sandkorn vorstellen, entspricht ein Milligramm einer Lkw-Ladung von Sand.
All diese Stoffe haben eine Wirkung auf den menschlichen Stoffwechsel, sonst würden wir sie nicht gegen Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Verstopfung, Hals- und Magenschmerzen, Husten, für gute Laune oder einfach wegen ihres Geschmacks trinken. Viele Tees, die in der Volksmedizin als Heilmittel gegen akute Beschwerden eingesetzt wurden, stehen heute im Supermarkt und werden tagtäglich getrunken. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch an Kräuter- und Früchtetees in Deutschland lag im Jahr 2023 bei immerhin 40,5 Litern. Hinzu kommen Nahrungsergänzungsmittel in Form von Kapseln mit Weihrauch-, Hildegard- und anderen Heilkräutextrakten, den Wurzel-Inhaltsstoffen von Kurkuma, Ingwer und Maca, die als Superfood, zur «Entgiftung», zur Vorbeugung gegen Erkältungen, Gedächtnis- und Schlafstörungen usw. vermarktet werden.
Leberschäden durch «natürliche» Mittel
Wer das alles routinemässig zu sich nimmt, kommt auf einige Milligramm Pestizide pro Tag. Und die Wirkung sehen Ärzte inzwischen deutlich. Kräuterpräparate, Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Extrakte, die meist als «natürlich» vermarktet werden, werden zunehmend mit Leberschäden in Verbindung gebracht. Die Schäden reichen von milden Enzymerhöhungen bis zu akutem Leberversagen, das eine Transplantation erfordert. Dem DILIN-Register zufolge (DILIN = Drug-Induced Liver Injury Network), einer Datenbank, die ursprünglich zur Erfassung von medikamentös verursachten Leberschäden geschaffen wurde, sind inzwischen 20 Prozent aller akuten Leberschäden durch solche frei verkäuflichen Mittel verursacht. In 80 Prozent der Fälle erholen sich die Patienten glücklicherweise nach Absetzen der Tees und Kapseln ohne bleibende Leberschäden; dennoch ist die Sterblichkeitsrate unter den restlichen 20 Prozent höher als bei den Patienten, die durch konventionelle Medikamente zu Schaden kamen.
Kaum reguliert
Der Grund dafür liegt darin, dass Tees, Kräuterzubereitungen und Nahrungsergänzungsmittel in den USA ebenso wie in Europa wesentlich weniger streng reguliert werden als Arznei- oder Pflanzenschutzmittel, sodass es immer wieder zu Verunreinigungen, Überdosierungen oder Vergiftungen durch unbekannte Inhaltsstoffe kommt.
Jüngstes Beispiel ist etwa die Verunreinigung von Kräutertees mit Danthron, die auch schon 2025 auftauchte, z. B. in der «leckeren Alternative mit Aprikosen, um in Form zu bleiben». Danthron wird von einigen Pflanzen gebildet, darunter viele Aloe-Arten, Rhabarber und Senna-Pflanzen, die zu den Johannisbrotgewächsen zählen. Gemäss dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen der Schweiz (BLV) ist Danthron genotoxisch und karzinogen und es gibt keine sichere tägliche Aufnahmemenge. Wegen seiner gesundheitsschädigenden Eigenschaften ist dieser Stoff in Lebensmitteln verboten. Trotzdem führt er immer wieder zu Produktrückrufen, zum Beispiel von Schlankheitstees. Auch Vergiftungen durch die extrem leberschädlichen Pyrrolizidinalkaloide kommen immer wieder vor, z. B. bei Johanniskraut-Tee, Bio-Brennesseltee oder Bio-Anis-Fenchel-Kümmeltee («äusserst wohltuend»). Dieses Gift findet sich in allen Teilen des Jakobskrauts (auch Greiskraut, Jakobs-Kreuzkraut oder Jakobs-Greiskraut genannt), aber auch in zahlreichen anderen Pflanzen. Immer wieder kommt es bei der Sammlung von Wildpflanzen oder der Ernte von Kräutern zu Verwechslungen oder der unbeabsichtigten Verunreinigung.
Aber auch die erwünschten, weil pharmakologisch wirksamen Inhaltsstoffe zahlreicher Pflanzen können, vor allem in Mischungen, schädliche Wirkungen entfalten. Dazu gehören etwa Kurkuma, Inhaltsstoffe des grünen Tees, Schlangen- oder Frauenwurzel, Schlafbeere, Kudzuwurzeln, Erdstachelnuss, Geisskraut, chinesischer Knöterich und viele andere exotische Pflanzen, die heute gern als Tees oder Kapseln gegen Menstruations- und Wechseljahresbeschwerden, Abnehmpräparate usw. empfohlen werden. Hinzu kommen Wechselwirkungen mit Medikamenten.
Hier handelt es sich tatsächlich um «Giftcocktails», von denen echte chronische und sogar akute Gesundheitsschäden ausgehen. Aber das ist kein Thema für Umwelt-NGOs. Warnungen vor «natürlichen» Mitteln kollidieren mit dem Narrativ, dass Gesundheitsgefahren vor allem von künstlich hergestellten Chemikalien ausgehen, und sie lassen sich nicht monetarisieren. Kommt hinzu, dass viele NGOs am Tropf von Firmen hängen, die mit diesen Präparaten Geld verdienen. Da warnen sie lieber vor theoretischen Gefahren, die durch das Verschlucken eines Sandkorns ausgehen können, und ignorieren, dass man durch eine ganze Wagenladung voller Sand sehr leicht zu Tode kommen kann.
Autor des Artikels: Ludger Weß, promovierter Biochemiker und Wissenschaftsjournalist. Als profunder Kenner der agrarwissenschaftlichen Forschung engagiert er sich für eine faktenbasierte Debatte über neue Züchtungstechnologien.
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