«Die pflanzengenetische Vielfalt geht verloren»

Es tönt alarmierend, wird seit Jahren verbreitet und 2026 auch durch die Fastenaktion behauptet: «Laut der Welternährungsorganisation FAO sind in den letzten hundert Jahren über 75 Prozent der pflanzengenetischen Vielfalt verloren gegangen.»

Dienstag, 10. März 2026

Das Wichtigste in Kürze

  • Für diese alarmierend klingende Zahl gibt es keine Belege. Es ist richtig, dass sie in mehreren FAO-Publikationen auftaucht, aber sie beruht auf keiner Statistik oder Studie.
  • Auch die Behauptung, in Indien seien seit den 1960er-Jahren fast 90 Prozent der alten Reissorten verloren gegangen, entbehrt jeder Grundlage.
  • Weltweit nimmt die Sortenvielfalt zu und nicht ab.

Fachwissenschaftler hat diese Behauptung schon länger irritiert. Daher machten sich 2021 Pflanzenforscher aus 17 internationalen Forschungseinrichtungen auf die Suche nach dieser mysteriösen Zahl. Ihr Ergebnis veröffentlichten sie in einem Fachartikel. Danach taucht die Zahl erstmals in einer FAO-Broschüre mit dem Titel «Harvesting Nature’s Diversity» von 1993 auf. Dort heißt es im Vorwort (und nur dort): «Seit Beginn dieses Jahrhunderts sind etwa 75 Prozent der genetischen Vielfalt landwirtschaftlicher Nutzpflanzen verloren gegangen.» In der Broschüre selbst wird diese Behauptung nicht wiederholt; es gibt auch keinen Verweis auf eine Studie oder FAO-Abteilung.

Autorin der Broschüre war Hope Shand, eine Aktivistin der nordamerikanischen NGO Rural Advancement Foundation International RAFI (seit 2001 ETC Group). RAFI führte zu diesem Zeitpunkt unter der Leitung von Pat Mooney, Cary Fowler und Shand Kampagnen gegen moderne Technologien im Agrarsektor durch: Sie lehnten Gentechnik, synthetische Pflanzenschutzmittel, Patente usw. ab. Die Gruppe prägte 1995 den Begriff «Biopiraterie».

Die Pflanzenforscher nehmen in ihrer Veröffentlichung von 2021 an, dass die Zahl aus dem RAFI-Buch «The Threatened Gene: Food, Politics, and the Loss of Genetic Diversity» von 1990 stammt. Dort steht (wiederum im Vorwort) der Satz: «Mitte der 1970er Jahre standen drei Viertel der traditionellen Gemüsesorten Europas kurz vor dem Aussterben.» Auch hier ist keine Quelle angegeben.

Blindspot-Artikel

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Die Zahl wurde von Hope Shand für die FAO-Broschüre offenbar einfach übernommen und als globales Phänomen ausgegeben. Seither geistert sie durch die FAO, die sie z. B. 1997 in ihrer Broschüre «Women: The key to food Security» und 2004 in einem Trainingshandbuch «Building on Gender, Agrobiodiversity and Local Knowledgey» wiederholte, wiederum ohne Angabe einer Studie. Es gibt also bis heute keine Belege für diese Zahl, die 1993 von einer Aktivistin in das Vorwort einer Broschüre zum World Food Day geschrieben wurde.

Zahlreiche Umweltschutzorganisationen verwenden die erfundene Zahl dennoch immer wieder und die Medien machen sich keine Mühe mehr, der Angabe auf den Grund zu gehen. Aus einer unbelegten Behauptung im Vorwort einer Broschüre ist so nach mehr als drei Jahrzehnten ein «Fakt» geworden. Schlimmer noch: Wie beim Kinderspiel der Flüsterpost wurde aus «drei Viertel der traditionellen Gemüsesorten Europas (standen) kurz vor dem Aussterben» die Verallgemeinerung: «75 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Arten und Sorten (sind) verschwunden» und jetzt sogar «über 75 Prozent der pflanzengenetischen Vielfalt (sind) verloren gegangen» geworden.

Fakt ist auch: Alte Sorten gehen nicht verloren, wenn sie nicht mehr angebaut werden. Allein das indische National Bureau of Plant Genetic Resources (NBPGR) erhält weit über 100.000 Reissorten, darunter Wildreis und viele traditionelle Sorten. Und das ICAR-National Rice Research Institute (NRRI) in Cuttack, Odisha hat etwa 30.000 indigene Sorten gesammelt und erhalten. Tatsächlich nimmt die Sortenvielfalt nimmt zu und nicht ab. Eine Metaanalyse von 2010 zeigt, dass es langfristig zu keiner wesentlichen Verringerung der regionalen Vielfalt der Pflanzensorten gekommen ist.

Autor des Artikels: Ludger Weß, promovierter Biochemiker und Wissenschaftsjournalist. Als profunder Kenner der agrarwissenschaftlichen Forschung engagiert er sich für eine faktenbasierte Debatte über neue Züchtungstechnologien.

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