Gentechnik im Schweizer Alltag - «Überall häts Genli drin!»
In der Schweiz leben wir mit einem seit 2005 bestehenden Gentechnik-Moratorium. Dieses soll garantieren, dass gentechnisch veränderte Organismen (GVO) nicht in der Schweizer Landwirtschaft angebaut werden und dass die Bevölkerung vor möglichen Risiken geschützt bleibt. Das Moratorium vermittelt den Eindruck, dass die Schweiz weitgehend frei von Gentechnik ist. Doch ein genauerer Blick zeigt: Die Gentechnik hat längst ihren festen Platz in unserem Alltag – nur bemerken wir es meistens nicht.
Freitag, 27. Februar 2026
Das Moratorium verbietet zwar den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in der Schweiz, nicht aber den Import von Futtermitteln. So landet beispielsweise gentechnisch veränderte Soja, die als Tierfutter aus Übersee importiert wird, in Schweizer Ställen. Die daraus gewonnenen Produkte wie Fleisch, Milch und Eier gelten in der Schweiz rechtlich nicht als gentechnisch verändert und müssen daher auch nicht gekennzeichnet werden. Dies führt dazu, dass Verbraucherinnen und Verbraucher indirekt Gentechnik längst konsumieren.
Auch Soja- und Maisprodukte für den direkten menschlichen Verzehr, wie Sojamehl oder Maisöl, können gentechnisch verändert sein, wenn sie importiert wurden. Solche Produkte unterliegen einer bedingten Kennzeichnungspflicht, sobald sie mehr als 0,9 % GVO enthalten. In vielen Bereichen ist die Gentechnik bereits ein weitgehend unsichtbarer Bestandteil unserer Ernährung.
Längst gewohnte Gentechnik
Ein weiterer, oft übersehener Einsatz von Gentechnik betrifft Zusatzstoffe wie Enzyme, Aromen, Vitamine und Süssstoffe. Hierbei spielen gentechnisch veränderte Mikroorganismen eine entscheidende Rolle: Gentechnisch hergestelltes Chymosin ist ein gängiger Ersatz für das natürliche Lab aus Kälbermägen. Es ist chemisch identisch mit dem tierischen Pendant, effizienter und günstiger in der Herstellung. Insbesondere industrielle Käsesorten setzen auf diese Methode, während traditionelle und Bio-Käse meist auf tierisches Lab zurückgreifen. Eine Kennzeichnungspflicht für gentechnisch hergestellte Enzyme besteht nicht, da der gentechnisch veränderte Organismus im Endprodukt nicht mehr nachweisbar ist.
Stoffe wie Aspartam, die häufig in Softdrinks und kalorienreduzierten Lebensmitteln verwendet werden, werden oft mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen produziert. Ähnliches gilt für Aromen wie Vanillin, das mittlerweile in grossen Mengen gentechnisch hergestellt wird. Viele Vitamine, insbesondere Vitamin B2 (Riboflavin), werden gentechnisch produziert. Diese finden sich in angereicherten Lebensmitteln wie Frühstückscerealien oder in Tierfutter. Eine Kennzeichnungspflicht existiert nicht. Die Konsumentinnen und Konsumenten nehmen sie trotz sehr breiter Anwendung nicht wahr.
Technologie für Mensch und Umwelt
Selbstverständlich ist auch in der Medizin Gentechnik längst unverzichtbar. Sie spielt eine zentrale Rolle bei der Herstellung vieler Medikamente, darunter Insulin, das für Diabetiker essenziell ist, und zahlreiche Impfstoffe. Auch in der Gentherapie kommen immer mehr Anwendungen auf den Markt, die gezielt Erbkrankheiten oder Krebs behandeln. Solche medizinischen Fortschritte werden von der Schweizer Bevölkerung breit akzeptiert, da sie wichtige Vorteile für die Gesundheit bringen.
Trotz des Gentechnik-Moratoriums ist diese wichtige Technologie längst Teil des Schweizer Alltags. Sie findet ihren Weg über Tierfutter, Zusatzstoffe und medizinische Anwendungen in unseren Körper. Das Fehlen einer Kennzeichnung verstärkt für viele den Eindruck, dass die Schweiz gentechnikfrei sei – eine Illusion, die mit der Realität längst nicht mehr übereinstimmt. Und entgegen der Angstpolitik von Gentech-Gegnern, die aktuell auch gegen eine risikobasierte Regulierung der neuen Züchtungstechnologien eine Initiative lanciert haben, können keine negativen Folgen für Menschen und Umwelt ausgemacht werden. Im Gegenteil. Gerade neue Züchtungstechnologien bieten ein grosses Potenzial. Die Akademie der Naturwissenschaften stellen fünf konkrete Beispiele von Nutzpflanzen vor, die in der Züchtungsforschung mithilfe der Genom-Editierung entwickelt wurden und der Schweizer Landwirtschaft, der Umwelt oder den Konsumentinnen und Konsumenten einen Mehrwert bieten.
Hohe Akzeptanz
Züchtungstechnologien, die mit neuen genomischen Ansätzen arbeiten, könnten schon bald auch in der Schweiz zugelassen werden. Die Schweizerinnen und Schweizer stehen einer Liberalisierung jedenfalls offen gegenüber. Die hohe Akzeptanz der Genom-Editierung bestätigt auch eine zweite repräsentative Bevölkerungsbefragung von gfs.bern. Gentechnik ist schon heute Teil unseres Alltags. Der Mythos der «gentechnikfreien Schweiz» ist in wissenschaftlicher (und rechtlicher) Hinsicht falsch. Und in Zukunft wird dies noch viel mehr der Fall sein. Es ist Zeit, dass auch der Begriff «Gentechnik» seinen Schrecken verliert. Die Technologie hat in vielfältiger Weise in unserem Leben längst Einzug gehalten.
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