Ein Krieg um Nahrungsmittel
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Ein Krieg um Nahrungsmittel

400 Millionen Menschen weltweit werden mit Getreide aus der Ukraine versorgt, viele davon in Nordafrika und dem Nahen Osten. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) schlägt Alarm. Die Europäische Politik handelt derweil noch nicht so, als wären Versorgungssicherheit und Welternährung prioritär. Die SRF Sendung International gibt Einblick in die Schwierigkeiten, die der Krieg in der Ukraine für die Welternährung bringt – und sie deutet mögliche Lösungen an.

Mittwoch, 6. Juli 2022

86 Millionen Tonnen Getreide hat die Ukraine 2021 produziert. Das meiste davon wurde global gehandelt und trug zur Ernährung von 400 Millionen Menschen bei, vor allem in den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens. Dieses Jahr wird die Ernte dagegen mehr als 30 Millionen Tonnen tiefer liegen. Solche riesigen Mengen können nicht einfach schnell woanders beschafft werden.


Unterbrochene Schifffahrt im Schwarzen Meer

Verglichen mit der Schweiz hat die Ukraine eine gigantische Landwirtschaft. Sie trug im Jahr 2021 noch 10% zum nationalen BIP bei. Kees Huizinga steht exemplarisch für die produktive und exportorientierte Landwirtschaft des Landes. Der Niederländer ist seit 20 Jahren Bauer in der Ukraine und leitet einen Pachtbetrieb mit 15'000 Hektar Fläche. Das ist mehr als das 700-fache eines durchschnittlichen Schweizer Bauernbetriebs (21,15 ha pro Betrieb im Durchschnitt 2020, BFS). Wie alle Betriebe in der Ukraine leidet auch der Grossbetrieb unter hohen Preisen und Versorgungsschwierigkeiten. Die riesigen Mengen an Getreide, die sein Betrieb produziert, können zudem nicht einfach gelagert werden, nun, da der Export per Frachtschiff über die Schwarzmeerhäfen blockiert ist. Mit Lastwagen lässt sich nur einen Bruchteil der Menge abtransportieren. Das ist ein logistisches Problem, für welches es zurzeit noch keine Lösung gibt. Demnach kann Hunzinga vorerst zwar noch ernten, aber bereits nicht mehr alles verkaufen. Langfristig kann sein Betrieb unter diesen Bedingungen nicht weiter existieren. Denn aus den Verkäufen der Ernten finanziert er wiederum Treibstoff, Saatgut und Pflanzenschutz. Die Krise seines Betriebs und der Ukrainischen Landwirtschaft macht Huizinga Sorgen, auch aus humanitären Gründen. Sein Wunsch ist es, weiterhin zu produzieren und die Produkte auch verkaufen zu können.


Handel und Transport vereinfachen

Jakob Kern vom Welternährungsprogramm der Uno teilt die Einschätzung, dass die Logistik das drängendste Problem ist für die ukrainische Landwirtschaft und die Welternährung. Er schildert, wie Lastwagen tagelang an der EU Aussengrenze stehen müssen, bevor Agrargüter über die Grenze transportiert werden können. Zwar äussert er nicht offen Kritik, doch es deuten sich Fragen an: Weshalb beschränkt die Europäische Union den Handel mit Agrargütern derart stark? Warum kann die Zollabfertigung der Einfuhren nicht speditiver behandelt werden? Wäre ein offener Agrarmarkt nicht besser für die Ukraine und die Welternährung? Jedenfalls gibt es kurzfristige Pläne, um die Logistik durch zusätzliche Lagerkapazitäten an der Grenze zu vereinfachen: Einfache Stahl-Silos könnten innerhalb weniger Wochen gebaut werden, für die Zwischenlagerung von Getreide an polnischer Grenze. Damit könnten dringend benötigte Pufferkapazitäten geschaffen werden, bis die Transportunternehmen die Mengen steigern können.


Ernteausfall auch für die Folgejahre

Eine Besonderheit der Landwirtschaft ist es auch, dass eine verlorene Erntesaison nie wieder zurückkommt. Durch den Ukrainekrieg sind zurzeit bereits drei Ernten betroffen, wie Huizinga eindrücklich schildert.

Die Ernte des Jahres 2021 lagert noch teilweise in Silos und kann jetzt nicht exportiert werden. Die Ernte von 2022 ist betroffen, weil die Aussaat durch den Kriegsbeginn teilweise nicht erfolgen konnte, weil Landwirtschaftland besetzt oder vermint wurde und weil weniger Dünger und Betriebsmittel verfügbar sind. Schliesslich wird die Ernte 2023 mancherorts nicht geschehen können, weil die Betriebe ihre Ernte nicht transportieren und verkaufen können und schlussendlich kein Geld mehr haben, um zu investieren.

Der Krieg in der Ukraine ist somit auch ein Krieg um Nahrungsmittel. Weltweit sind gemäss Pierre Vauthier des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen zusätzliche 47 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Verschärft wird die Situation durch Dürren in Indien, China und Teilen von Europa, wie zum Beispiel in Norditalien. Und der Preisanstieg beim Weizen hat Auswirkungen auf den Preis anderer Grundnahrungsmittel wie zum Beispiel Hirse, da diese dann verstärkt nachgefragt wrid. Das ist für die Ärmsten dieser Welt verheerend.

Der Niederländisch-Ukrainische Bauer Hunzinga kritisiert die Europäische Politik: Nahrung sei anders als Handys und Autos: «Nur einen Monat ohne und man ist tot», diese Sonderstellung der Agrarwirtschaft verstünden die Politiker nicht.


Wiederaufbau wird in Lugano geplant

Vor dieser landwirtschaftlichen Ausgangslage findet am 4. und 5. Juli 2022 in Lugano die erste Wiederaufbau-Konferenz für die Ukraine statt. Ziel muss es angesichts der Herausforderungen sein, sicherzustellen, dass die landwirtschaftliche Produktion in der Ukraine gesichert wird und die Betriebe ihre Produkte auf dem Weltmarkt absetzten können. Josef Schmidhuber, Stellvertretender Leiter Abteilung Märkte und Handel bei der FAO in Rom, erklärt das Problem. Man müsse bedenken, dass Landwirtschaft auch kreditfinanziert sei: «Wenn die Landwirte jetzt ihre Ernten nicht verkaufen können und keine neuen Kredite bekommen für das nächste Jahr, auch keine Vorleistungen wie Dieselöl und Saatgut, Pestizide, Pflanzenschutzmittel usw. bekommen, dann kann es auch sein, dass die Produktion nochmal einbricht». Dann wären die Auswirkungen nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die Weltmärkte nochmals drastischer als bislang.

Die Dimensionen der ukrainischen Landwirtschaft sind in der kleinen Schweiz schwer vorzustellen. Und dennoch muss es in Lugano gelingen, gross zu denken und Lösungen für eine global vernetzte Land- und Ernährungswirtschaft zu finden. Staaten und Privatsektor müssen Hand in Hand arbeiten. Damit ist der exportorientierten Landwirtschaft der Ukraine und der Welternährung zugleich gedient.

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