«Kleinbäuerinnen und -bauern erzeugen 70 % der weltweiten Nahrungsmittel»

«Kleinbäuerinnen und -bauern erzeugen 70 % der weltweiten Nahrungsmittel»

Es tönt eindrücklich, wird seit Jahren verbreitet und 2026 einmal mehr auch durch die Fastenaktion behauptet: «Kleinbauern und -bäuerinnen bilden das Rückgrat der Nahrungsmittelproduktion»

Dienstag, 10. März 2026

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Aussage ist falsch. Hier werden Kleinbauern und Familienbetriebe verwechselt.

  • Kleinbäuerliche Landwirtschaft ohne moderne Sorten und modernen Pflanzenschutz können die wachsende Menschheit nicht ernähren.

  • Low-input Anbaumethoden führen zu einem Rückgang der Produktivität

  • Tatsächlich muss die Produktivität gesteigert und zugleich die Flächennutzung verringert werden

  • Mehr zu gängigen Mythen in der Nahrungsmittelproduktion lesen Sie hier.

Vielfach ist zu lesen, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern erzeugen 70 Prozent der weltweiten Nahrungsmittel, aber nutzen dafür nur 30 Prozent der Land- und Wasserressourcen.

Kleinbauern sind definiert als Landwirte, die weniger als zwei Hektar Land bewirtschaften. Sie machen zwar etwa 84 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe weltweit aus, nutzen aber nur ca. 12 Prozent des Ackerlands und liefern lt. FAO (2025) nur ca. 16 Prozent der Nahrungsenergie, 12 Prozent der pflanzlichen Proteine und 9 Prozent der Fette weltweit. Sie werden oft mit Familienbetrieben verwechselt, aber Familienbetriebe sind oft Grossbetriebe.

Hinzu kommt, dass kleinbäuerliche low-input-Landwirtschaft ohne Dünger, ohne moderne Sorten und andere Produktionssysteme (Bewässerung, Pflanzenschutz) die wachsende Menschheit nicht ernähren können. Die OECD gibt an, dass zur Erreichung des Ziels «Zero Hunger» bei gleichbleibenden landwirtschaftlichen Emissionen die durchschnittliche weltweite Ernteproduktivität in den nächsten zehn Jahren um 24 % gesteigert werden müsste. Dies entspricht einer Verdopplung des Anstiegs, der im letzten Jahrzehnt verzeichnet wurde. Sollten die Erträge nicht deutlich steigen, benötigen wir bis 2050 zusätzliche landwirtschaftliche Flächen von fast 600 Millionen Hektar, was der doppelten Grösse Indiens entspricht. Dies würde zu massiver Entwaldung und Biodiversitätsverlusten führen.

Blindspot-Artikel

Eine umfassend nachhaltige Lebensmittelproduktion und eine gesunde Ernährung sind komplexe Themenfelder. Es braucht die Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln. Doch unliebsame Fakten kommen in der öffentlichen Diskussion häufig zu kurz. Wir beleuchten, was gerne im Schatten bleibt. So kommen die Zielkonflikte zur Sprache.

Um Klima und Artenvielfalt zu erhalten, müssen wir eher weniger Fläche bewirtschaften, also auf weniger Fläche deutlich mehr erzeugen als bisher. Die Ablehnung von hochproduktiver Landwirtschaft als «industrialisiertes Ernten» ist daher angesichts des zu erwartenden Bevölkerungswachstums (8,2 Milliarden heute, 9,7 Milliarden 2050) realitätsfern.

Die Rolle von Kleinbauern ist ambivalent. Während sie heute noch in vielen Regionen entscheidend für die regionale Ernährungssicherheit sind (die sie nicht immer gewährleisten können), werden sie die notwendigen 24 Prozent Produktivitätssteigerung kaum liefern können.

Lösungen sind nur möglich, wenn in Regionen mit vorwiegend kleinbäuerlicher Landwirtschaft vier wichtige Elemente zur Verfügung stehen: die Landwirte benötigen verbessertes Saatgut, das auf Hybridzüchtung und moderner Biotechnologie beruht. Hochertragreiche Sorten waren in der Vergangenheit der wichtigste Treiber für höhere und stabile Erträge. Zweitens muss ihnen mehr Dünger zur Verfügung stehen. In Afrika werden pro Hektar nur ungefähr 20 kg Stickstoff eingesetzt, während der globale Durchschnitt 146 kg Stickstoff/ha beträgt. Auch die Bewässerung ist verbesserungsbedürftig. Nur 6 Prozent der afrikanischen Landwirtschaft hat Bewässerungssysteme, ein Hauptgrund für niedrige Erträge. Vierter und letzter Punkt ist bessere Beratung und Digitalisierung, denn dann stehen Empfehlungen für optimalen Düngereinsatz und zielgerichtete Schädlingsbekämpfung, Wetterprognosen und Marktpreise zur Verfügung – alles Elemente, die auch Kleinbauern bessere Planung und sichere Ernten ermöglichen.

Und nicht zuletzt erlauben diese Elemente unterprivilegierten Kleinbäuerinnen und -bauern, dass sie ihr Land effizienter bestellen und so ihre Kinder zur Schule statt aufs Feld schicken können.

Autor des Artikels: Ludger Weß, promovierter Biochemiker und Wissenschaftsjournalist. Als profunder Kenner der agrarwissenschaftlichen Forschung engagiert er sich für eine faktenbasierte Debatte über neue Züchtungstechnologien.

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