Schweizer Bauern öffnen sich gegenüber neuen Züchtungstechnologien
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Schweizer Bauern öffnen sich gegenüber neuen Züchtungstechnologien

Die Schweizer Landwirte stehen unter Druck. Die Risiken des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln sollen bis 2030 halbiert werden. Gleichzeitig dürfen die Ernten nicht einbrechen. Eine Möglichkeit, weniger Pestizide einzusetzen und die Erträge sogar noch zu steigern, bietet etwa die Genom-Editierung. Auch der Schweizer Bauernverband erkennt das Potenzial der neuen Züchtungstechnologien und will sich ihnen nicht mehr verschliessen. Auch die Politik bewegt sich jetzt.

Montag, 14. Februar 2022

Es kommt Bewegung in die Schweizer Gentech-Debatte. Die «Weltwoche» berichtet über das Interesse der Schweizer Bauern an neuen Züchtungsmethoden. Im Vordergrund steht dabei die Genom-Editierung, bei der mit einer «Gen-Schere» das Erbgut von Kulturpflanzen so zielgenau wie nie zuvor verändert werden kann. Mit ihr durchgeführte Veränderungen, bei denen keine artfremden Gene (transgen) in eine Pflanze eingefügt wurden, können nicht von natürlich auftretenden Mutationen unterschieden werden. Aus diesem Grund beschloss der Ständerat im Dezember 2021, Pflanzen, die keine artfremden Gene enthalten, von dem seit 2005 bestehenden Gentech-Moratorium auszunehmen. Die vorberatende nationalrätliche Wissenschaftskommission WBK beschloss Ende Januar 2022 stattdessen, das Moratorium zwar zu verlängern, aber den Bundesrat zu beauftragen, eine neue risikobasierte Regelung für die Produkte neuer Züchtungsmethoden auszuarbeiten, wenn diese keine artfremden Gene enthalten. Wird dieser Entscheid vom Nationalrat angenommen, ist ein Grundstein für die künftige Anwendung von neuen Züchtungstechnologien in der Schweizer Landwirtschaft gelegt.


Landwirte ändern Haltung zu den neuen Züchtungsmethoden

Einen nicht unwesentlichen Anteil am Richtungswechsel in der Debatte haben die Landwirte. Sie fühlen sich nach den schwierigen Diskussionen um die beiden Agrarinitiativen unter Druck. Sie müssen produktiv sein. Der Handel und die Verarbeiter verlangen einwandfreie Ware. Das konnte bis jetzt fast nur mit entsprechendem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gewährleistet werden. Doch den Bauern stehen immer weniger Pflanzenschutzmittel zur Verfügung. Denn zu den schleppenden Zulassungsverfahren für neue Pflanzenschutzmittel gesellt sich das Verbandsbeschwerderecht, von dem die Umweltorganisationen extensiv Gebrauch machen. Zusätzlich hat das Parlament unter dem Druck der Agrarinitiativen einen überbordenden «Absenkpfad Pflanzenschutzmittel» beschlossen, der nun über die Verordnungen weiter verschärft wird und die Bürokratie auf den Höfen weiter erhöht. Die Wirkstoffpalette ist schon gefährlich ausgedünnt. Ein effektiver Schutz ist in vielen Kulturen nicht mehr möglich und mangels Wirkstoffalternativen drohen Resistenzen. Die neuen Züchtungsmethoden stellen darum für die Landwirte eine Möglichkeit dar, schneller weniger krankheitsanfällige Sorten zu erhalten – in der Hoffnung, weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen zu müssen.


Weniger Pflanzenschutzmittel, grössere Ernten

Dass Gentechnik nachhaltig sein kann, belegen schon länger grosse Metastudien. Sie zeigen, dass die Ernteerträge bei «alten» Gentech-Pflanzen durchschnittlich um 22 Prozent über den konventionellen Sorten liegen. Gleichzeitig liegt der Pflanzenschutzmitteleinsatz um 37 Prozent darunter. Das Potenzial der neuen Methoden wie der Genschere CRISPR/Cas9 ist noch grösser. Und das vielfach, ohne dass die Pflanze artfremde Gene enthält. Die Pflanze unterscheidet sich also in keiner Eigenschaft von einer neuen Sorte, die konventionell gezüchtet wurde. Neben dem Schweizer Bauernverband haben sich auch eine Reihe von Detailhändlern für eine Neuorientierung ausgesprochen. Dies käme auch dem Forschungsstandort zugute. Vor rund 20 Jahren war beispielsweise die ETH führend bei Gentechnik und neuen Züchtungstechnologien. Seither hat die Schweiz aber den Anschluss verloren. Grund dafür ist das Anbau-Moratorium, aufgrund dessen die Pflanzen nicht unter echten Feldbedingungen angepflanzt werden dürfen. Die Forschung vieler Firmen ist abgewandert, die Leidtragenden sind die öffentliche Forschung in der Schweiz, aus dieser hervorgehende Start-ups und eben die Landwirte, die angesichts der immensen Herausforderungen auf Innovationen angewiesen sind.


Neue Chance für Schweizer Forschungsplatz

Dass die Schweiz mit der fehlenden Assoziierung an Horizon Europe nicht mehr an europäischen Forschungskooperationen teilnehmen kann, verschlimmert die Situation. Forschende und Unternehmen nutzen nun einmal alle Chancen, die sie auch ausserhalb der Schweiz und sogar ausserhalb der EU haben. Firmen verlagern ihre Forschungsaktivitäten dorthin, wo eine Praxisumsetzung möglich ist. Sie forschen nicht der Forschung willen, sondern wollen Produkte für die praktische Landwirtschaft entwickeln. Auch aus forschungspolitischer Sicht tut eine Diskussion über eine risikobasierte Regelung für neue Züchtungstechnologien also gut.

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