Spermakrise mit Fragezeichen: Was die Schweizer Studie wirklich zeigt – und was nicht
Um den Schweizer Samen steht es schlecht – ausser man lebt etwas südlich der Stadt Aarau. Dort soll die Spermaqualität unter jungen Männern am besten sein. Der Verdächtige steht schnell fest: Pestizide.
Freitag, 12. Dezember 2025
Die Schlagzeilen waren drastisch. Der Tages-Anzeiger titelte: «Samenkrise in der Schweiz – bei der Spermienqualität gibt es einen Stadt-Land-Graben». Blick schrieb: «Wer in diesen Regionen wohnt, hat ein Spermien-Problem». Offenbar ist es in gewissen Teilen der Schweiz schlecht um die Zeugungsfähigkeit junger Männer bestellt.
Den Berichten zugrunde liegt eine Studie, die Spermaproben von knapp 2700 Schweizer Rekruten analysierte. Neben den Proben füllten die jungen Männer Fragebögen zu ihren Lebensumständen aus. Schon 2019 zeigte eine Auswertung derselben Daten, dass das Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft mit einer verminderten Spermienqualität des späteren Rekruten einhergeht.
In der neuen Untersuchung wurde nun die Qualität des Ejakulats genauer analysiert. Die leitende Forschungsfrage: Gibt es geografische Regionen in der Schweiz, in denen die Samenqualität schlechter ist als anderswo? Die Ergebnisse scheinen diese Vermutung zu stützen. Rekruten aus dem Aaretal zwischen Bern und Thun schnitten hinsichtlich mehrerer Qualitätsparameter schlechter ab als solche aus anderen Regionen. Am oberen Ende der Skala steht die Umgebung von Aarau, wo die Samenqualität laut Studie am besten sei.
Die räumliche Verteilung führte die Forscherinnen zu folgender Schlussfolgerung: «Wir fanden deutliche geografische Muster einer vergleichsweise geringeren Samenqualitätsparameter bei jungen Männern, die mit höheren Anteilen umliegender landwirtschaftlicher Flächen verbunden waren.» Übersetzt: Je landwirtschaftlicher die Wohngegend, desto schlechter die Spermaqualität. Der vermeintliche Schuldige liegt damit nahe – Pestizide.
«Keine Ahnung, ob Pestizide eine Rolle spielen»
Der Tages-Anzeiger schrieb entsprechend: «Die erhobenen Daten geben klare Hinweise darauf, dass Pestizide eine Rolle für die männliche Fruchtbarkeit spielen könnten. Ein kausaler Nachweis fehlt jedoch noch.»
Doch ein Satz, der mit «klare Hinweise» beginnt und im Konjunktiv endet, ist wenig überzeugend. Eine Korrelation allein impliziert keine Ursache-Wirkung-Beziehung (Kausalität). Und tatsächlich geben die Daten diesen Zusammenhang aus mehreren Gründen nicht her. Darauf weist auch ein Artikel im St. Galler Tagblatt hin: «Überraschenderweise sticht nämlich das Berner Seeland, bekannt als der ‘Gemüsegarten der Schweiz’, nicht als Region mit niedriger Spermienqualität heraus. Im Gemüseanbau wird besonders viel Pestizid eingesetzt.» Auch die Studienautorinnen selbst betonen diesen Widerspruch. In einem SRF-Beitrag werden sie zitiert: «Wir haben keine Ahnung, ob Pestizide eine Rolle spielen.»
Trotz solcher Einschränkungen bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung hängen: Pestizide sind schuld.
Hinzu kommt, dass das Studiendesign keine belastbaren kausalen Aussagen zulässt. Die untersuchten Fallzahlen in den einzelnen Regionen sind schlicht zu gering. So umfasst die «Top-Region» um Aarau lediglich 31 Rekruten – jene um Bern nur 24. «Nur eine Studie mit viel mehr Teilnehmern kann aussagekräftige Resultate liefern», merkt die Aargauer Zeitung zu Recht an. Auch die Autorinnen selbst weisen ausdrücklich darauf hin.
Am Ende bleibt vor allem eines klar: Bevor über Ursachen spekuliert wird, braucht es deutlich solidere Daten – alles andere ist mehr Vermutung als Wissenschaft.
Sources
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