10.07.2026
Labelitis – Orientierung oder Verwirrung?
Liebe Leserinnen und Leser
Wir wollen immer mehr wissen: Wie viele Kalorien hat das Kübeli griechisches Joghurt? Wie viel Protein steckt im Töpfli Hüttenkäse? Und woher stammen die Rispentomaten in der Auslage? Bewusst oder unbewusst lenken solche Angaben unser Einkaufsverhalten – und so gerät der Gang durch Regale und an Kühltruhen vorbei mitunter zum Aufklärungsmarathon.
Gewiss: Nicht alle kaufen nach dem Prinzip «Deliberation am Kühlregal» ein. Oft ist es ein Lustkauf, oft entscheidet auch das Budget. Und doch ist eine Entwicklung unübersehbar: Die Information auf Verpackungen nimmt immer mehr Platz ein und offenbar soll es so weitergehen.
Das ist grundsätzlich erfreulich. Wer einkauft, sollte dies möglichst aufgeklärt tun können; Information ermöglicht Wahlfreiheit. Doch nicht jede Information ist so klar, dass sie auch leistet, wozu sie gedruckt wird. Ein aktuelles Anschauungsbeispiel ist der sogenannte Nutri-Score. Die farbige Skala von A bis E soll Nahrungsmittel nach ihrem Gesundheitswert einordnen. Rotes E auf der Verpackung: schlechte Nahrung. Grünes A auf der Verpackung: gesunde Nahrung. So weit, so einfach. Oder etwa doch nicht?
Ob ein Produkt das prestigeträchtige «A» oder das kritische «E» trägt, entscheidet eine rechnerische Abwägung: Obst, Gemüse, Proteine und Ballaststoffe werden gegen Salz, Zucker und Fett aufgerechnet. Die Formel gewichtet das Gesunde gegen das weniger Förderliche und destilliert daraus jenen Buchstaben, der uns am Ende als Score begegnet. Dass schon diese Berechnung Kritik provoziert, liegt auf der Hand. Schwerer wiegt jedoch ein anderer Umstand: Plötzlich trägt eine Süssspeise ein «B», während ein vermeintlich gesundes Lebensmittel bei einem «C» landet.
Dabei war es nie die Absicht der Fachwelt, mit dem Nutri-Score ein universelles Ranking über das ganze Sortiment zu erstellen oder ein abschliessendes Gesundheitsurteil über grundverschiedene Erzeugnisse zu fällen. Das Modell wurde mit einem viel bescheideneren Ziel entwickelt: Vergleichbarkeit innerhalb ähnlicher Produktgruppen zu schaffen.
Migros hat den Score mittlerweile wieder gekippt, Coop hat ihn gar nie eingeführt und auch Nestlé verzichtet in der Schweiz wieder darauf. Migros begründete diesen Schritt mitunter damit, dass das Label bei der Kundschaft immer wieder für Fragen und Verunsicherung gesorgt habe.
Gesundheitsrankings sind das eine, Umweltbewertungen das andere. Coop setzt hier auf Eco-Score, Migros auf dem M-Check. Die Labels bewerten die Umweltwirkung eines Produkts anhand verschiedener Kriterien. Beide Modelle berücksichtigen aber nicht, dass eine Anbaumethode (wie der sogenannt ökologische Landbau oder der Verzicht auf effizienten Pflanzenschutz) geringere Erträge pro Hektar liefert, die Erzeugnisse zudem weniger lang haltbar sind und daher für dieselbe Menge an Nahrungsmitteln mehr Fläche benötigt wird. In der Praxis werden Produkte oft noch «per Hektar» statt «per Tonne Ertrag» verglichen. Aber erst bei einer konsequenten Skalierung auf die globale Ernährungssicherung (Ertrag pro Fläche) werden die systemischen Kosten des höheren Flächenbedarfs sichtbar. Moderne «True Cost of Food»-Analysen (TCA-Modelle) versuchen, diese sogenannten indirekten Landnutzungsänderungen (iLUC) einzupreisen. Wenn zusätzliche Naturflächen (z. B. Urwälder) in Agrarland umgewandelt werden müssen, um Ertragsdefizite auszugleichen, führt dies in der Berechnung zu extrem hohen «versteckten Kosten» durch CO₂-Freisetzung und den Verlust von Biodiversität. Ein Land, das so abhängig ist von Lebensmittelimporten wie die Schweiz, müsste die Produktivität und Ressourceneffizienz aber berücksichtigen. «Wenn es an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ein Problem an den Grenzen gäbe, hätten wir nichts zu essen – weil wir so viel importieren», drückte es Bundespräsident Guy Parmelin kürzlich an einer Pressekonferenz mit Blick auf den Schweizer Selbstversorgungsgrad von etwa 46 Prozent aus. Landwirtschaft und Ernährungssysteme sind eben komplexer und umfassender, als gewisse Scores glauben machen möchten.
Ehrlich gemeinte Lebensmittelkennzeichnungen können auch dazu führen, dass Lebensmittel gar nicht mehr gekauft werden. Zum Beispiel wenn auf Bio-Lebensmitteln aufgedruckt wäre: «Dieses Produkt wurde mit im Labor synthetisiertem Schwermetall besprüht» – es würde den Kern der «Natürlich»-Markenbotschaft zerstören.
Und es würde sicher auch Verunsicherung gestiftet, wenn der Bundesrat mit seiner Idee durchkommt, die derzeit in der Vernehmlassung ist: Lebensmittel mit zu viel PFAS – den vieldiskutierten «Ewigkeitschemikalien» – dürfen mit sauberer Ware gemischt werden, bis der gesetzliche Höchstwert wieder unterschritten wird. Auf die Packung kommt dann jedoch der Satz: «hergestellt aus einer Mischung, um die Einhaltung der PFAS-Höchstwerte zu gewährleisten». Der Direktor des Schweizer Bauernverbandes, Martin Rufer, meint hierzu lakonisch: «Genausogut könnte man draufschreiben: Achtung Gift!» Was sollen die Kunden damit anfangen? Der Hinweis erklärt kein Risiko, er beichtet ein Verfahren – und sät genau dort Zweifel, wo das Produkt die Vorgaben ja erfüllt.
Wenig zielführend wäre auch ein Label rund um die sogenannten neuen Züchtungsmethoden. Das Thema kommt gerade wieder auf: Wegen der EU-Deregulierung der neuen Züchtungsmethoden befürchten Kritiker, dass gentechnisch veränderte Pflanzen bald ungekennzeichnet in unsere Regale gelangen.
Also einfach deklarieren – «entstanden aus neuen genomischen Züchtungsmethoden» oder so ähnlich, wie dies nun z.B. von Swissaid gefordert wird? So naheliegend das auch klingt, es scheitert an zwei Punkten:
Erstens an der Konsequenz. Schon heute ist die Grenze zwischen «Gentechnik» und «nicht» willkürlich. Seit den 1950er-Jahren verändert man Pflanzen, indem man ihr Genom mit Strahlung oder Chemikalien aufs Geratwohl umbaut. Der Europäische Gerichtshof hat solche Pflanzen 2018 ausdrücklich als gentechnisch verändert eingestuft. Trotzdem werden sie ungekennzeichnet verkauft, in Europa und der Schweiz auch unter dem Bio-Label. Wir akzeptieren das gröbere, ältere Verfahren also längst ohne Aufklärungs-Label – und wollen ausgerechnet das neue, präzisere kennzeichnen.
Zweitens an der Kontrolle. Ein Label ist nur so viel wert, wie es sich überprüfen lässt. Viele Pflanzen aus den neuen Verfahren kann man gar nicht von herkömmlich gezüchteten unterscheiden. Eine Deklarationspflicht, deren Einhaltung niemand nachweisen kann, beruhigt am Ende niemanden.
Das Muster ist stets dasselbe: Wir verwechseln die Menge an Information mit ihrem Wert. Wer auf alles einen Hinweis klebt, hilft niemandem – wo jedes Etikett warnt, warnt am Ende keines. Wer will, dass Konsumenten und Konsumentinnen mündig entscheiden, schuldet nicht mehr Hinweise, sondern solche, die wissenschaftlich solid sind und etwas bedeuten. Und wo eine Angabe bloss verwirrt, schützt ein realistischer Höchstwert besser als ein Warnsatz.
Ihre swiss-food-Redaktion