«Das BLW lässt die produzierende Landwirtschaft im Stich»

«Das BLW lässt die produzierende Landwirtschaft im Stich»

Zunehmende Schädlinge, fehlende Mittel, wachsende Bürokratie – die Kritik der Bauern am Bund ist laut und deutlich. Die Schweizer Landwirtschaft stehe am Limit, berichtet der «Blick». Die Forderung: Es braucht endlich wieder wirksame Pflanzenschutzmittel.

Montag, 7. Juli 2025

Die Wut ist spürbar. Wie der «Blick» berichtet, haben Landwirte im Berner Seeland die Nase voll. Sie fühlen sich vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) im Stich gelassen. Der Frust hat sich über Jahre aufgestaut: Immer neue Vorschriften, immer mehr Verbote – aber keine Alternativen. Jetzt fordern sie den Bund zum Handeln auf.

Grund für den Unmut ist insbesondere das Fehlen von wirksamen Pflanzenschutzmitteln: Der Bund habe in den letzten Jahren fleissig Wirkstoffe verboten. Das wäre ja schön und gut, wenn es Alternativen gäbe, meint der Seeländer Landwirt Kevin Pfister gegenüber der Zeitung. Andere Optionen gäbe es jedoch nicht. Nur für wenige Mittel könne man Sonderbewilligungen anfordern.

Zudem seien diese alles andere als praxistauglich. Pfister musste zuerst beweisen, dass ein reguläres Mittel nichts gegen die Erdflöhe brachte. Bis der ganze Prozess durch war, sei es bereits zu spät gewesen. «Da war der Broccoli schon zur Hälfte gefressen. Da fragst du dich wirklich: Soll ich überhaupt noch spritzen – oder direkt fräsen?»

Auch Rosmarie Fischer-von Weissenfluh, Berner Meisterlandwirtin, sieht ihre Arbeit zunehmend behindert. «Das BLW lässt die produzierende Landwirtschaft im Stich», sagt sie gegenüber «Blick».


Über 270 Pflanzenschutzmittel verboten

Die Klagen kommen nicht von ungefähr. In den letzten Jahren wurden in der Schweiz rund 70 Wirkstoffe verboten, das entspricht über 270 Pflanzenschutzmitteln, die plötzlich nicht mehr verwendet werden dürfen. Ersatzmittel? Fehlanzeige. Hinzu kommt: Zahlreiche neue Wirkstoffe, die in der EU längst zugelassen sind, stecken hierzulande im Bewilligungsverfahren fest – und das teilweise seit Jahren.

Schon 2021 herrschte bei den Landwirten aufgrund der fehlenden Mittel grosse Unsicherheit. Damals forderte die Branche eine Harmonisierung mit der EU, um Versorgungslücken zu vermeiden. Passiert ist seither wenig. Die Situation hat sich sogar weiter verschärft: Schädlinge wie die Glasflügelzikade, die marmorierte Baumwanze oder der Japankäfer sind weiter auf dem Vormarsch.


Versorgungssicherheit bedroht

Für die Bauern sind die Zustände unhaltbar. Ihr Ertrag ist massiv bedroht und damit die Versorgungssicherheit in der Schweiz gefährdet. Das Resultat: sinkende Inlandproduktion und steigende Lebensmittelimporte.

Das wurde auch am letzten Swiss-Food Talk deutlich. Drei Produzentenvertreter aus Obst-, Wein- und Kartoffelanbau zogen dort das gleiche Fazit: Der Schutz der Kulturen ist nicht mehr gewährleistet. Ohne wirksamen Pflanzenschutz sei weder eine nachhaltige noch eine sichere Lebensmittelproduktion möglich.


Bäuerliche Basisbewegung formiert sich

Doch statt den Bauern entgegenzukommen, konfrontiert das BLW sie mit neuen Auflagen. Ein Beispiel: das digitale Melde-Tool Digiflux. Was eigentlich Transparenz bringen soll, wird von vielen als weitere Belastung empfunden. Biolandwirt Stefan Krähenbühl bringt es gegenüber dem «Blick» auf den Punkt: «Statt uns zu entlasten, will das BLW uns mit Digiflux noch mehr Schikanen aufbürden.» Gefordert ist hier aber auch das Parlament: Es hat mit dem Gegenvorschlag zur Trinkwasser- und der Pestizidverbotsinitiative überbordet – obwohl die Initiativen an der Urne mit 61 Prozent wuchtig verworfen wurden. Und damit viele der überschiessenden Massnahmen der Behörden erst ermöglicht. Die Erkenntnis, dass es neben dem Schutz der Umwelt, auch den Schutz der Kulturen braucht und Pestizide (Pflanzenschutzmittel und Biozide) auch zum Schutz des Menschen beitragen, indem sie die Lebensmittelsicherheit erhöhen, muss sich auch dort erst noch durchsetzen.

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