Glyphosat kehrt auf deutsche Gleise zurück

Glyphosat kehrt auf deutsche Gleise zurück

Ab Frühjahr 2027 will die Deutsche Bahn wieder das Herbizid Glyphosat einsetzen, weil die Alternativen zu wenig wirken und zu viel kosten. Es ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn man vorschnell ein Mittel verbannt, bevor ein valabler Ersatz bereitsteht.

Publiziert: 22.10.2026, 10:27 Uhr | Aktualisiert: 22.10.2026, 00:00 Uhr

Darum geht es?

  • Weil Alternativen zu wenig wirkten und die Kosten stark stiegen, setzt die Deutsche Bahn ab Frühjahr 2027 wieder Glyphosat ein.
  • Die IARC stufte Glyphosat 2015 als «wahrscheinlich krebserregend» ein, während Behörden wie ECHA, EFSA und EPA dafür keine ausreichende Datengrundlage sehen.
  • Auch die SBB sind vom vollständigen Verzicht abgerückt. Das zeigt, dass ein Mittel erst verbannt werden sollte, wenn praxistaugliche Alternativen bereitstehen.

Es war eigentlich absehbar. Seit 2023 hält die Deutsche Bahn Gleise, Weichen und Signale ohne Glyphosat von Bewuchs frei. Stattdessen setzte sie auf Mähmaschinen und auf die als umweltschonend geltende Pelargonsäure. Nun zieht die Bahn die Notbremse und setzt ab Frühjahr 2027 wieder auf Glyphosat. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bezeichnete eine Sprecherin der Infrastrukturtochter DB InfraGo die Wirkung der Pelargonsäure als «ungenügend». InfraGo hat beim Eisenbahn-Bundesamt Anträge eingereicht. Die Behörde bewilligt den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Gleis jedes Jahr als Ausnahme. Rechtlich erlaubt wäre Glyphosat derzeit auf rund einem Drittel des Netzes.

Teurer Verzicht

Die Bahn ist gesetzlich verpflichtet, ihre Infrastruktur betriebssicher zu halten. Wuchernde Pflanzen können die Sicht auf Signale behindern und Rettungswege versperren. Das Eisenbahn-Bundesamt hatte den zunehmenden Bewuchs schon 2025 beanstandet. Mechanisches Zurückschneiden reicht laut Bahn nicht aus, braucht viel Personal und blockiert die Strecken. Das Budget für die Vegetationskontrolle im Gleis stieg von rund 9 Millionen Euro im Jahr 2020 auf etwa 60 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Das ist fast das Siebenfache.

Gefahr ist nicht gleich Risiko

Weshalb also der Verzicht? Auslöser war die Einstufung durch die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO aus dem Jahr 2015. Sie bezeichnete Glyphosat als «wahrscheinlich krebserregend». In dieselbe Kategorie fällt rotes Fleisch. Verarbeitetes Fleisch wie Wurst stuft die IARC sogar eine Stufe höher ein.

Die Europäische Chemikalienagentur ECHA hielt 2022 fest, die Daten reichten nicht aus, um Glyphosat als krebserregend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend einzustufen. Zum gleichen Ergebnis kommen die EU-Lebensmittelbehörde EFSA, das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung und die US-Umweltbehörde EPA. Gestützt auf diese Bewertungen hat die EU Glyphosat bis Ende 2033 zugelassen.

Und in der Schweiz?

Auch die SBB hatten 2019 angekündigt, ab 2025 ganz auf Glyphosat zu verzichten. Ihr Heisswasserfahrzeug wirkte zwar, war aber logistisch zu aufwendig und wurde 2022 zum Verkauf ausgeschrieben. Dennoch: Gemäss einem Bericht der «Agrarforscung Schweiz» wollen die SBB Herbizide nur noch auf ein absolutes Minimum beschränken. 2019 setzten sie 1,9 Tonnen Herbizide ein. 2024 waren es noch 0,6 Tonnen. Seit 2025 weisen die SBB ihren Herbizideinsatz im Nachhaltigkeitsbericht nicht mehr aus. DB InfraGo hält jedoch fest, dass auch die Bahnen der Schweiz, der Niederlande und Polens Glyphosat zur Vegetationskontrolle einsetzen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass Glyphosat auch hierzulande weiterhin auf den Gleisen eingesetzt wird.

Wie in der EU ist Glyphosat auch in der Schweiz weiterhin zugelassen. Denn der Nutzen ist unbestritten: Die Landwirtschaft nutzt es für den pfluglosen Anbau, der die Böden vor Erosion schützt. Wer aber gegen Herbizid-Einsaz wo auch immer ist, sollte bedenken: In Gewässern stammt es nicht nur vom Acker oder vom Gleis, sondern kann auch in Kläranlagen aus einem Waschmittelzusatz entstehen. Die Quellen sind also breit, der Nutzen aber auch.

Die Deutsche Bahn wie die SBB haben sich den Ausstieg selbst vorgenommen. Die eine macht nun die Kehrtwende, die andere ist vom vollständigen Verzicht abgerückt. Wer ein bewährtes Mittel verbannt, bevor wirtschaftlichere, ökologisch vorteilhaftere und vor allem praxistaugliche Alternativen bereitstehen, zahlt drauf, bei den Kosten wie bei der Sicherheit. Das gilt auch für freiwillige Verzichte, die vor allem gut ankommen sollen. Nötig sind eine sorgfältige Folgenabschätzung und der Einbezug der wissenschaftlichen Erkenntnisse.

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